PUTZ 3/00
Campus
Von Anfang an Praxisbezug
Seit 1993 Integriertes Eingangssemester Primarstufe
Lehramtsstudierende an der Universität Potsdam können vom ersten Semester an ihr zukünftiges Berufsfeld erkunden, in dem sie am Integrierten Eingangssemester Primarstufe(IEP) teilnehmen. Dieses versetzt die Studierenden in die Lage, wöchentliche Schulbesuche und ein begleitendes theoretisches Seminar mit anderen universitären Studien zu verbinden. Mit dem Wintersemester 1999/2000 wurde nun zum zehnten Mal neu immatrikulierten Lehramtsstudierenden für die Primarstufe die Möglichkeit gegeben, ihr Studium mit dem IEP zu beginnen. Aus diesem Anlass sprach PUTZRedakteurin Dr. Barbara Eckardt mit Ursula Drews, Professorin für Schulpädagogik mit dem Schwerpunkt Grundschulpädagogik und verantwortlich für das IE?
Das Studium von Anfang an mit der Schulpraxis zu verbinden, ist das Anliegen des Integrierten Eingangssemesters. Warum legen Sie darauf so großen Wert?
Drews: Die Verbindung der Theorie mit der Praxis zählt zu den ältesten Problemen einer wissenschaftlichen Lehrerbildung. Das belegt zum Beispiel die Installierung von Übungsschulen, wie sie von HerbartSchülern bereits zum Ende des vergangenen Jahrhunderts an den Universitäten in Jena und Leipzig erfolgte. Seither gab und gibt es viele Versuche, die Ausbildung von Studenten eng mit der Praxis beziehungsweise direkten Unterrichtspraktika und ähnlichem zu verbinden. All. diese. Versuche sind—- so muss man wohl sagen— in unterschiedlichem Maße gelungen. Und ebenso lässt sich feststellen, dass sich gerade auf diesem Gebiet wohl nach wie vor, die. Geister scheiden. Befürwortern einer wohldurchdachten Theorie-Praxis-Beziehung stehen nicht wenige gegenüber, die den Praxisbezug
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mehr oder weniger als einen
Makel„richtiger“_wissenschaftlicher Ausbildung betrachten.
Das Potsdamer Modell der Lehrerbildung stellt hier die Weichen innerhalb des Gesamtcurriculums anders, und hierbei spielt auch die Studieneingangsphase eine beson
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Engagiert sich für das Integrierte Eingangssemester Primarstufe: Prof. Dr. Ursula Drews.
Foto: Tribukeit
dere Rolle, die für die Studenten mit dem Schwerpunkt Primarstufe als IEP absolviert
werden kann.
Nach nunmehr zehnmaligem Durchlauf sind wir fast erschrocken über den Erfolg des IEP, das heißt darüber, wie es von Studenten angenommen wird. In unseren regelmäßigen Befragungen, Schulbesuche und das theoretische Begleitseminar beziehen, bestätigen die Studenten, dass viele der mit dem IEP von Anfang an verbundenen Intentionen offenbar weitgehend realisiert werden konnten.
Der Seitenwechsel„von der Schüler- zur Lehrerperspektive“ wird befördert. Die Studenten beginnen, ihre eigenen biografischen Erfahrungen mit Schule, Lehrern: und Unterricht kritisch zu reflektieren. Ebenso beginnen sie, sich mit der Praxis, die sie bei Schulund Unterrichtsbesuchen vorfinden, auseinander zu setzen.
die. sich. auf
Dabei haben wir festgestellt, dass ihre Sensibilität wächst, je tiefer sie auch im theoretischen Begleitseminar in Probleme des Unterrichtens heute eindringen und sich darüber im Seminar theoretisch geleitet austauschen können. Der von uns in etwas provokativer Absicht einbezogene Blick auf Reform- und Alternativschulen hat sich dabei nicht als „Meßlatte“, sondern als ein ganz wesentliches Mittel von Horizonterweiterung bewährt. Wenn die Studenten sagen, dass sie das IEP nicht missen möchten, so können wir uns dem aus unserer Sicht nur anschließen: Wenige Begegnungen mit Studenten haben eine solche zum Nachdenken anregende Wirkung auch auf uns, wie all das, was mit dem IEP verbunden ist.
17 Schulen sind in das IEP einbezogen. Warum nehmen die Lehrer die mit ihrer Mentorentätigkeit unstrittig verbundenen zusätzlichen Belastungen auf sich? Drews: Ehrlicherweise muss man sagen, dass in den ersten Jahren der Realisierung des IEP sehr viel Engagement von unserer Seite, vor allem von der Seite meiner Mitarbeiterinnen, erforderlich. war, um Schulen zu gewinnen. Allerdings gab es auch hier von Anfang an starke Verbündete auf Seiten der damaligen Prorektorin, der Philosophischen Fakultär Il, des Schulamtes in Potsdam, des brandenburgischen Bildungs- und des Wissenschaftsministeriums. Ohne diese Verbündeten wäre gar nichts möglich gewesen. Alle gemeinsam waren wir daran interessiert, die Gestaltung der Studieneingangsphase auf ein tragfähiges Fundament zu stelJen.
Für die Lehrerinnen und Lehrer war und ist das IEP sicherlich alles andere als ein Spaziergang. Wir sind immer wieder froh gewesen, wenn sich die Kolleginnen und Kollegen aus den Schulen dieser zusätzlichen Mühe unterzogen. Die
Skepsis von einzelnen haben wir verstanden und auch die eine oder andere Abwehrreaktion. Die wird es sicher auch weiterhin geben. Das ist bei der Belastung von Lehrerinnen und Lehrern wohl normal. Aber wir haben eine höchst interessante Beobachtung gemacht: Von Jahr zu Jahr wuchs auch die Bereitschaft, am IEP mitzuwirken. Heute haben wir schon eigene Angebote von Lehrerinnen und Lehrern dazu. Nicht massenhaft, aber immerhin. Entscheidend ist dafür wohl die Erfahrung der Lehrkräfte, dass Studentinnen und Studenten mit ihren Fragen, mit ihrer etwas anderen Weltsicht, den eigenen Unterrichtsalltag sehr bereichern können. Bei einigen Beteiligten hat sich wohl sogar eine Dauerverbindung zur„IEPSchule“ entwickelt.
Liegt es nicht auf der Hand,
bei den vielen positiven Er
fahrungen ein integriertes
Eingangssemester auch auf
die anderen Lehramtsstudi
engänge auszuweiten?
Drews: Es wäre sicher wün
schenswert, das zu tun. Aber
rein praktisch wird das nicht
möglich sein. Schon weil die
Anzahl der Studierenden an
der Universität und die Anzahl
der benötigten Schulen in
Potsdam und Umgebung
nicht unbedingt miteinander
korrelieren. Außerdem ist der
Personalaufwand, der von Sei
ten der Universität eingesetzt
werden müsste, wahrscheinlich| zu'hoch. Um nochmals auf<das IEF| zurückzukommen: Schulen,
Anzahl der Studenten, Perso
nal in meinem Arbeitsbereich| ermöglichen es derzeit nur,| etwa die Hälfte— circa 75 Stu-| denten von 150 Neuimmatri-| kulierten— am IEP teilnehmen| zu lassen. Die anderen stehen| jeweils auf einer Warteliste.| Derzeit ist eine Lösung des| Problems wohl noch nicht in
Sicht.
Vielen Dank für das Ge-|
spräch.| |