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Campus
Matheunterricht für neues Jahrtausend
Didaktiker suchen nach neuen Unterrichtsmethoden
Kann ich nicht. Ist mir zu schwer. Verstehe ich nicht. Brauche ich nie wieder. Macht mir keinen Spaß. So oder ähnlich äußern sich häufig Schüler über das Fach Mathematik. Nach Untersuchungen von Wissenschaftlern in der vor einigen Jahren durchgeführten TIMS (Third International Mathematics and Science)-Studie sind die Leistungen der deutschen Schüler im Fach Mathematik vergleichsweise mittelmäßig. Der dadurch ausgelöste Schock führte auch bei den knapp 800 Mitgliedern der Gesellschaft für Didaktik der Mathematik (GDM) dazu, über Ursachen und Schlussfolgerungen nachzudenken.
Mathematik zählt in allen Klassenstufen zu den zentralen Unterrichtsfächern. Es trägt zum Umweltverstehen, zur Entwicklung des logischen Denkens bei, ist Kulturgut und Schlüsseltechnologie. Der Vorsitzende der GDM, Prof. Dr. Werner Blum von der Universität Kassel klagt darüber, dass diese Ziele im heutigen Mathematikunterricht eher selten erreicht werden.
Der Unterricht ist zu stark auf die oberflächliche Anwendung von Rechenschemata und zu wenig auf das Ausbilden von Mathematischem Verständnis ausgerichtet, so das Urteil von Fachleuten. Nach Auffassung von Prof. Dr. Lisa HefendehlHebeker von der Universität Augsburg müssten viel stärker Impulse gesetzt und Bedingungen für konstruktive Eigenleistungen der Lernenden geschaffen werden. Dazu seien Arbeitsformen zu entwickeln, „die inhaltlich an zentralen Ideen des Faches orientiert sind und die methodisch eine fruchtbare Balance zwischen Anregung und Steuerung durch die Lehrkräfte und Freiräumen für eigenständiges Lernen herstellen und dabei auch neue Medien in geeigneter Weise einbeziehen“.
Zur„Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwis
Endlosigkeit im Endlichen veranschaulicht diese Sandspirale des Künstlers Günther Uecker. Seine Installation war Teil der Ausstellung„endlich unendlich“, die als begleitende Veranstaltung der 34. Jahrestagung der Gesell
schaft für Didaktik der Mathematik zu sehen war.
senschaftlichen Unterrichts“ gibt es seit 1998 und noch bis zum Jahre 2003 ein Modellversuchsprogramm der BundLänder-Kommission. Es geht um die Erprobung von Unter
Foto: Fritze
richtsmodellen mit dem Schwerpunkt auf Grundausbildung, Vernetzung und Schüleraktivitäten. Schulische Unterrichtspraxis und universitäre Unterrichtswissenschaft
Die interaktive Ausstellung„Mathematik zum Anfassen“ bewies es: Mathematik kann auch spielend erlernt werden. Mehr als 90 Schulklassen nutzten die Gelegenheit, im Potsdamer Alten Rathaus einen Unterrichtstag anderer
Art zu erleben.
sind dabei eng verknüpft.
Ilse Wiese ist Lehrerin an der Bert-Brecht-Schule in Göt-tingen und hat langjährige Lehrerfahrungen. Neben dem fragend-entwickelnden Unterricht seien im Laufe der Zeit Unterrichtskonzepte getreten, die ein qualitativ anderes Lernen zum Ziel haben. Wochen
Foto: Fritze
planarbeit, Freiarbeit und Projektarbeit sind Konzepte des so
genannten offenen Unterrichts. Hier wird Mathematik nicht nur gelernt, sondern
auch erfahren. Ziel ist, Selbstverantwortlichkeit und Identifikation mit dem eigenen Lernen zu verstärken. Die Schüler suchen beispielsweise aus ei
nem Themenkomplex ein Problem zur selbständigen Bearbeitung aus. Sie wählen das Material aus, bestimmen Lernund Arbeitstempo. Der Weg zum Ziel ist wichtig: Nachdenken, Lösungsmöglichkeiten suchen, Alternativen diskutieren. An die Lehrer stellt diese Unterrichtsmethodik höhere Anforderungen als der herkömmliche Frontalunterricht. Denn die Pädagogen stehen vor der Aufgabe, eine motivierende Lernumgebung für diesen aktiv-entdeckenden Unterricht zu schaffen. Diese und andere Themen waren Gegenstand der Ende Februar/Anfang März an der Universität Potsdam veranstalteten 34. Jahrestagung der GDM mit 500 Teilnehmern. Parallel dazu gab es im Potsdamer Alten Rathaus„Mathematik für die Sinne“.„Wir wollten damit das scheinbar hermetisch verschlossene Gebiet der Mathematik der Öffentlichkeit und insbesondere Schulklassen öffnen, so Organisator Prof. Dr.| Thomas Jahnke von der. Potsdamer Hochschule. So durchliefen mehr als 90 Schulklassen jeweils ein vierstündiges Programm mit Ausstellungsbesuch, Vorträgen, Videopräsentationen und Besuch des Softwaretestkabinetts. Abendvorträge und Vorlesungen für Kinder vervollständigten dieses Programm, das insgesamt mehr als 2500 Besucher anlockte. Den Titel eines Vortrages von Hans Magnus Enzensberger„Zugbrücke außer Betrieb— Mathematik im Jenseits der Kultur“ aufgreifend, resümierte Jahnke:„Das Herablassen der Zugbrücke hat auf beiden Seiten zu Überraschungen geführt.“ Die Bewohner der Burg seien über den Ansturm ebenso überrascht gewesen wie die Anstürmenden über das, was sie zu sehen, zu hören, anzufassen bekamen und was sich wenig deckte, mit ihrer Vorstellung von Mathematik als einer eher trockenen und bürokratischen Materie. B.E.
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