PUTZ 3/00
Titel
Vom Bild zum Leitbild kommen
Das Rektorat und der Senat hatten am 16. März 2000 zu einem Workshop eingeladen, der sich mit einem Leitbild für die Universität Potsdam beschäftigte. Etwa 80 Hochschulmitglieder waren der Einladung gefolgt. Nach einem Plenum wurde über drei Themen in Arbeitsgruppen diskutiert. Hier sollten zunächst jeweils vier bis fünf Teilnehmer gemeinsam ein
Bild ohne Worte von der Universität malen. Danach waren die anderen Teilnehmer aufgefordert, die Bilder zu interpretieren. Für eine Vielzahl von Teilnehmern war die Arbeitsweise zunächst ungewöhnlich— einige verließen sogar die Veranstaltung. Doch am Ende waren sich die meisten einig, dass die Leitbilddiskussion fortgeführt werden soll.
Foto: Fritze
„Weg von- hin zu“, das war zwar nicht das zuvor bekannt Aegebene Motto des Workshops zu einem Leitbild für die Universität Potsdam, stand aber dennoch im Mittelpunkt der Veranstaltung. Was wir nicht mehr wollen und was wir uns künftig als Leitideen vorstellen können, das ist gefragt und diskutiert worden. Und weil dabei (noch) nicht an die konkrete Umsetzung: gedacht werden sollte, kamen so einfache wie auch ungewöhnliche Dinge aufs Trapez: Zum Beispiel„weg von unfehlbaren Dozenten“ hin zu „kritikoffenen Pädagogen“ oder „weg von güähnender Lehre hin zu Forschung in StudierendenAruppen und projektbezogener Lehre“ oder„weg vom starrem Tarifsystem hin zu Arbeitszeitkonten und Heimarbeit“.
Am Ende des Workshops liegen nun nach dem Prinzip„weg von— hin zu“ eine Vielzahl von Schlagworten vor, denen eines gemeinsam ist. Sie zeigen auf, worauf sich die weiteren Diskussionen in der Universität stüt
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zen können, wohin sich die Universität bewegen kann oder welche Veränderungen sie anstreben kann oder sollte.
Zu hoffen bleibt, erstens, dass diejenigen, die sich auf„Male ein Bild von der Universität“ oder„Beschreibe Deine individuelle Sicht auf die Hochschule“ nicht einlassen konnten, bei den nächsten Diskussionsrunden wieder dabei sind. Und zweitens, dass diejenigen, die sich bisher um ein Leitbild der Universität Potsdam noch gar keine Gedanken gemacht haben, aufwachen und mitdiskutieren.
Das Referat Presse-, Öffentlichkeits- und Kulturarbeit stellt in Kürze eine ausführliche Dokumentation des Workshops für alle Hochschulangehörigen bereit. Hierin finden sich dann vor allem auch die vielen Schlagworte, die zum Weiterdenken, Anregen und Diskutieren geeignet sind.
Janny Glaesmer
Was ist ein Workshop? Laut Fremdwörterbuch „ein Kurs, Seminar oder ähnliches, in dem in freier Diskussion bestimmte Probleme erarbeitet werden, ein Erfahrungsaustausch stattfindet.“ Kommunikationsexperten erfinden und praktizieren dafür immer ausgeklügeltere Moderationstechniken, um die Teilnehmer solcher Gesprächsrunden einerseits zu ungehemmter Interaktion zu ermutigen und ihnen andererseits die Rückzugsmöglichkeiten auf das allzu sichere Terrain und die Statusrituale der beruflichen Tätigkeit und Position zu verwehren.
Die für unseren Workshop engagierten Moderatoren hatten sich auf ein Methodenmenü mit einem zugegebenermaßen unkonventionellen„zweiten Gang“ verständigt: Nach einem Plenumsteil sollte in drei Arbeitsgruppen die derzeitige Lage der Universität Potsdam thematisiert werden- allerdings zunächst nicht unter Verwendung des für unsereins geläufigsten Zeichensystems, der Sprache, sondern als„Bild ohne. Worte“... Und da taten sich denn doch nicht wenige
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Am geringsten war die Hemmschwelle offenbar in der Arbeitsgruppe, die sich mit dem Thema Studium und Lehre auseinandersetzte. Da entstanden denn auch in sechs querbeet zusammengewürfelten Kleingruppen launige Situationsskizzen von provokanter Symbolkraft: Die Universität als angeschlagenes Schiff, von diversen Ratten bereits verlassen oder das rettende Ufer als vage Nebelbank; die Universität als Bruchbude mit untergrabenen Fundamenten, aber
einer Luxussuite im Dachgeschoss; die fünf Fakultäten als Heißluftballone, in unter. schiedlicher Höhe bei april. mäßigem Wetter über zerklüf. teten Felsen treibend, einer kontrastreichen Inselgruppe entgegen, ohne über den Landeplatz einig zu sein; die Fakultäten und Einrichtungen als Sisyphusse, vom Wissenschaftsministerium mit herabrollenden Steinen am Auf stieg gehindert, aber nicht ungeschickt im Ausfindigmachen von Umgehungswegen und| und und.
Man mag über den Erkennt
niszuwachs streiten, der durch das laienhafte Verfertigen von| Kritzelbildern entstehen kann unbestritten dürfte hingege der kommunikative Wert solch einer gemeinsamen Malstunde| und der Vorzug einer locker aufgeschlossenen, kreativen Atmosphäre sein. Fast möchte ich da ein spontanes Aufschim:| mern der vielbeschworenen corporate identity bemerkt haben. Jedenfalls zeigte der ab{| schließende Plenumsteil, dass} im Anschluß an die unkonventionelle Aufwärmphase in allen drei Arbeitsgruppen ertrag-} reich über Veränderungsbe-| darfe und Ziele diskutiert nicht zu verwechseln mit do
ziert.- worden war.) Ein insgesamt ermutigender
leicht getrübt allerdings durch! den Verdacht, dass die Verwei-. gerungshaltung einiger Teil nehmer mehr als nur ein harm: loser Anfall von Spielverderbe-| rei war. Wurde da etwa vor de Gefahr gekniffen, sich auf un: bekanntem Terrain eine Blöße| zu geben und keine souverän| Figur zu machen? Wurde da} etwa eine mangelnde Bereit‘| schaft offenbar, sich auf andere| als die eigenen Spielregeln ein‘ zulassen? Verriet sich da etwa[ die Haltung, Risikobereitschaft letzten Endes nicht nötig ZU| haben?
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