PUTZ 3/00
Studiosi
Wenn die Zweifel plagen
Psychologische Beratungsstelle Potsdam hilft Betroffenen
Im Alltag gibt es sie im Überfluss: Situationen, die Selbstsicherheit erfordern. Was aber, wenn gerade diese fehlt? Nicht wenige Studenten kennen das Problem. Für sie werden Prüfungen, Vorträge, Streitgespräche, ja Sogar Einladungen zum Rendezvous zur tückischen Falle. Einige von ihnen finden deshalb den Weg in die Psychologische Beratungsstelle der Uni Potsdam. Mit deren Leiter, Dr. Jörg Herboth, sprach PUTZ-Redakteurin Petra Görlich.
Zu ihnen kommen Studenten in seelischer Not. Von welchen Problemen hören Sie am meisten?
Herboth: In Auswertung des vergangenen Jahres habe ich eine Vielzahl von Gründen für den Besuch in der Psychologischen Beratungsstelle festgestellt. Dazu zählen Beziehungsprobleme, Ängste, Anpassungs- und_Belastungsstörungen, Lernschwierigkeiten, depressive Episoden, Persönlichkeitsstörungen, Essstörungen und Zwänge. An der Spitze aller Konsultationen stehen jedoch die sogenannten Selbstbilddefizite. Genau 17 der insgesamt 77 Klienten sind im letzten Jahr allein aus diesem Grund zu mir gekommen. Auffallend war dabei, dass es sich um mehr Männer als Frauen handelte, obwohl ins
gesamt: mehr: Frauen die Sprechstunde nutzten. Selbstbilddefizite scheinen
demnach durchaus keine Seltenheit. Was ist darunter zu verstehen?
Herboth: Wir Psychologen sprechen beim Selbstbild, der Realitätsauffassung der Person von sich selbst, von einer zentralen Persönlichkeitsvariablen. Jeder besitzt sie, aber durchaus unterschiedlich strukturiert. Sie bewirkt ein mehr oder weniger erfolgreiches Verhalten. Besitzt der Betroffene ein stabiles Selbstbild, dann kann davon ausgegangen werden, dass er relativ effektiv in seiner Umwelt funktioniert. Ist eher das
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Gegenteil der Fall, zieht dies ineffektives Handeln nach sich. Man kann sich beim Erreichen wesentlicher Ziele selber im Wege stehen.
Nichts geschieht ohne handfeste Ursache. Was führt zu derartigen Selbstbildern? Herboth: Dazu gibt es unterschiedliche Auffassungen. Aus verhaltenstherapeutischer Sicht werden diese Persönlichkeits
Dr. Jörg Herboth von der Psycholo‚gischen Beratungsstelle der Uni Potsdam hilft, wenn es Probleme gibt. Rund 85 Prozent der Klientel des Vorjahres siqnalisierten Thera
piebedarf. Foto: Fritze variablen als Lernprodukte betrachtet.
Das Selbstbild entwickelt sich demnach in Abhängigkeit von der jeweiligen Lernkarriere. Erfährt der Einzelne Anerkennung von außen, wird seine Selbständigkeitsentwicklung unterstützt, stimmt das Selbstbild; häufen sich Misserfolge, Enttäuschungen, fehlen Akzeptanz und Anerkennung, gibt es zunehmend Probleme mit dem eigenen„Ich“.
Die jungen Leute wenden sich. vermutlich mit großen Hoffnungen an Sie. Was erwartet sie?
Herboth: Eigentliche Antworten auf die Fragen„Warum bin ich so wie ich bin?“,„Was macht mich so unzufrieden?“, „Was lässt mich an mir selbst zweifeln?“. In der Regel sind anfänglich drei bis vier Stunden notwendig, um das Selbstbild diagnostisch abzuklären.
Dabei gilt es zu erfassen, wie es strukturiert ist und wo möglicherweise Defizite liegen. Eine diagnostisch ausdifferenzierte Bestimmung ist wichtig, weil damit ein Verhalten erklärt werden kann, welches bei der Bewältigung von Anforderungen in verschiedensten Lebensbereichen wenig Erfolge liefert und damit viel Unzufriedenheit schafft. Ist die Diagnose erstellt, wird auf dieser Basis das psychotherapeutische Vorgehen festgelegt. Der Aufbau des Selbstwertes ist dabei
eine zentrale therapeutische Aufgabe. Das Thema„Selbstkon
zepte“ war auch Gegenstand der gerade beendeten Fachtagung der„Arbeitsgemeinschaft der Studien-, Studentinnen- und Studentenberatung in der Bundesrepublik Deutschland(ARGE)“. Was brachte Ihnen die Veranstaltung?
Herboth: Ich habe eine Arbeitsgruppe zu diesem Thema geleitet. Beteiligt waren viele „Einzelkämpfer“ aus Psychologischen Beratungsstellen bundesdeut- scher Universitäten sowie der Studentenwerke. Wir Psychologen nutzten die Gelegenheit zu einem Erfahrungsaustausch. Übereinstimmung herrschte übrigens bezüglich der Häufigkeit des Auftretens jenes gerade angesprochenen Persönlichkeitsphänomens. Defizitäre Selbstbilder erweisen sich offensichtlich überall als ein zentrales Problem, mit dem ARatsuchende in die Psychologischen Beratungsstellen kommen. Die Veranstaltung stieß auf viel Interesse. Wann tagt die Arbeitsgemeinschaft wieder? Herboth: ARGE tritt zweimal jährlich zusammen. Die nächste Fachtagung, die zugleich auch dem Kennenlernen des Studienortes dient, findet vom 13. bis 16. September in Dresden statt. Das Thema lautet dann„Männerbünde und Frauennetzwerke/Netzwerke in der Beratung“. Vielen Dank für das spräch.
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Netzwerk
Das Bildungswerk der Thüringer Wirtschaft e.V. bietet zukünftigen weiblichen Führungskräften die Möglichkeit, ein durch einen Mentor begleitetes Praktikum in einem Unternehmen im europäischen Ausland zu absolvieren. Das Projekt EU-Mentoring-Netzwerk richtet sich an junge Frauen, die ihr Hochschul- oder Fachhochschulstudium erfolgreich abgeschlossen haben und gute Fremdsprachenkenntnisse vorweisen können. Ziel des Projektes ist die Eröffnung neuer beruflicher Perspektiven durch gezielte Förderung der beruflichen Mobilität. Studentinnen, die bis zum Oktober 2000 ihr Studium beendet haben, können sich bewerben: Bildungswerk der Thüringer Wirtschaft e.V., Katharina Fleischer, Sven Nobereit, Konrad-ZuseStraße 5, 99099 Erfurt, Tel.: 0361/4262701, Fax: 0361/4262777, E-Mail: info@EU-Mentoring-Netzwork.com, Internet: http: //www.EU-Mentoring-Network.com
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Wohin am Abend?
Im WUnicum-Keller Am Neuen Palais gibt es in diesem Monat noch vier Veranstaltungen.
11. April 2000: Erstsemesterparty mit DJ Nick(Potsdam-House); Beginn: 21.00 Uhr 17. April 2000: Konzert in der Reihe„rocken“: „STIRN“(Fürstenwalde), Beginn: 20.00 Uhr
19. April 2000: Konzert in der BReihe„wurzeln“: „Grönlandsafari“(Golm), Beginn: 21.00 Uhr
26. April 2000: Semestereröffnungsparty von„uniqueer“(LesBISchwulen Hochschulgruppe), Beginn: 22.00 Uhr