Heft 
(1.1.2019) 04
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PUTZ 4/00

Absolventen

Mitmachen statt meckern

Im Gespräch mit einerEhemaligen

Katherina Reiche gehört zu den 23 Brandenburger Abge­ordneten im Deutschen Bun­destag. Seit 1998 sitzt die 26-Jährige für die CDU im Parlament. Die Diplomche­mikerin schloss 1996 ihr Studium an der Uni Pots­dam ab. Heute ist die Beruf­spolitikerin Gesellschafterin im elterlichen Familienbe­trieb, einem nach der Wende reprivatisierten Kunststof­funternehmen. Mit Kathe­rina Reiche unterhielt sich PUTZ-Redakteurin Dr. Bar­bara Eckardt.

Sie haben sich aufgrund Ih­rer sehr guten Studienlei­stungen die Tür für eine wis­senschaftliche Laufbahn geöffnet. Warum gehen Sie jetzt durch die Räume des Deutschen Bundestages? Reiche: Bei meinem Professor Erich. Kleinpeter. Jernte: ich, konsequent, zügig, straff zu ar­beiten und analytisch zu den­ken. Er gab mir auch die Mög­lichkeit, in Finnland und den USA zu studieren. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Mein Auslandsaufenthalt hat dazu beigetragen, dass ich mit Ab­stand auf Deutschland und die deutsche Politik blicke. Das analytische und zügige Arbei­ten hilft mir heute, mich in ein völlig neues Gebiet einzuarbei­ten. Als ich von der CDU Brandenburg die Chance er­hielt, eine verantwortungsvolle Position in der Politik zu über­nehmen, stellte ich mich dieser Herausforderung.

Ihnen ist die Beteiligung junger Menschen an der De­mokratie besonders wichtig. Ist das angesichts allgemei­ner Politik- und Politiker­verdrossenheit nicht ein illu­sorisches Anliegen?

Reiche: Unsere Gesellschaft wird immer älter. Das kann aber nicht bedeuten, dass auch die Politik und die gesellschaft­lichen Rahmenbedingungen nur von den Älteren bestimmt werden. Es kommt deshalb darauf an, für die junge Gene­ration Themen zu bearbeiten. Das betrifft in erster Linie die

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Bildung. Wir sind eine ler­nende Gesellschaft und müs­sen uns darauf einrichten, neue Informationen aufzunehmen, Zu verarbeiten, vernetzt zu denken. Wir befinden uns in einer globalisierten Welt. Es gibt heute ganz andere Anfor­derungen an eine Arbeitsstelle und an jeden selbst als früher. Man muss mehrsprachig und mobil sein und mit neuen Kommunikationsmitteln um­gehen können. Reformen sind auf vielen Gebieten notwen­

Für sie ist Politik Service: Bundes­

tagsabgeordnete Katherina Reiche. Foto: Fritze dig. Das Rentensystem wird beispielsweise ohne Reformen kippen. Bei allem technologi­schen Fortschritt müssen wir immer auf die Nachhaltigkeit schauen. Ich möchte meiner Tochter möglichst eine Welt mit Artenvielfalt, sauberen Seen und Flüssen hinterlassen. Unsere Generation muss die Vereinigung Europas vollen­den. Man kann als junger Mensch zwei Dinge tun: Ent­weder bleibt man passiver Be­obachter der Entwicklung oder man gestaltet mit. Für dieses Mitmachen werbe ich. Heute haben wir eine ganz pragmatisch orientierte Gene­ration, der auch solche Werte wie Treue, Familie und Gebor­genheit etwas bedeuten. All das zeigt mir, wie wichtig es ist, dass gerade die junge Ge­neration immer wieder ihre Stimme erhebt und ihren Ein­fluss geltend macht. Zu Ihren Schwerpunktauf­gaben gehören die Wissen­

schafts- und Forschungspoli­tik. Wie schätzen Sie die Si­tuation auf diesem Gebiet in Brandenburg ein?

Reiche: Man ist 1990 in Bran­denburg mit sehr ehrgeizigen Zielen angetreten und hat drei Universitäten und mehrere Fachhochschulen gegründet. Jetzt müssen wir angesichts knapper Kassen diese Struktu­ren effizienter gestalten. Ich halte nichts von Diskussionen, Fakultäten oder gar ganze Hochschulen zu schließen. Wir müssen uns aber dem Wettbe­werb mit Berlin und auch dem internationalen Wettbewerb stellen. Heute kann sich ein Student per Internet in Har­vard oder Oxford einschrei­ben. Das bedeutet für die deutschen Universitäten, stär­ker über ihre Profile nachzu­denken. Der Wissenschaftsrat hat deutlich auf Schwächen verwiesen. Wir wissen aber auch, dass wir in Brandenburg Stärken haben. Eine besteht mit Sicherheit im interdiszi­plinär angelegten Wissen­schaftsnetzwerk. Ich setze mich für eine stärkere Vernet­zung der Hochschulen mit dem Klein- und Mittelstand ein. Es wird eine Technologie­stiftung geben, die es Unter: nehmen erlaubt, mit den Unis zu kooperieren. Sehr gute An­sätze gibt es beim Potsdamer Innovations- und Technolo­gie-Transfer(PITT) an der Universität Potsdam. Die Un­ternehmen müssen natürlich ihrerseits die Hemmschwelle überwinden und an die Unis gehen.

Trifft man Sie gelegentlich

noch an der Universität Potsdam? Reiche: Einige Professoren

sind Mitglieder im Landesfach­ausschuss für Wissenschaft, Forschung und Kultur, dessen Vorsitzende ich bin. Mit ande­ren arbeite ich eng in der For­schungsinitiative Brandenburg zusammen. Kontakte bestehen auch zu einigen ehemaligen Kollegen. Ich versuche, regel­mäßig das Leibniz-Kolleg zu besuchen und informiere mich

auch in der Universitätszeitung über das_WUni-Geschehen. Überall, wo ich bin, werbe ich für die Uni Potsdam. Mit der Uni auch nach dem Studium verbunden zu sein, habe ich in den USA gelernt. Deshalb ist der Aufbau eines Alumni-Sy stems sehr wichtig. Hier sollte die Uni-Gesellschaft, deren Mitglied ich bin, noch stärkeı Aktivitäten entwickeln.

Gibt es für Katherina Reiche ein Leben nach der Politik? Haben Sie Ihre Vision von der Entwicklung biologisch abbaubarer Kunststoffe auf­gegeben?

Reiche: Überein Leben nacl der Politik denke ich momen tan nicht nach. Dafür gehe ich in meinen verschiedenen poli tischen Aufgabenfeldern als Obfrau in der Arbeitsgrupp Angelegenheiten der neuen Länder und als Polenbeauf tragte der CDU/CSU-Bun destagsfraktion zu sehr auf Das heißt nicht, dass ich mich neben der Politik nicht auch um meine Familie und um un ser Familienunternehmen kümmere. Und da spielt dann auch das Themabiologisch abbaubare Kunststoffe eine Rolle. Als Gesellschafterin ei nes mittelständischen Famili enunternehmens weiß ich, dass so ein Unternehmen weiter denken und sich neuen Märk ten öffnen muss. Wir glauben, dass eine wichtige Entwick­lung darin besteht, Alltagsge genstände aus biologisch ab baubaren Kunststoffen herzu­stellen. Das kann bis zu Auto teilen gehen. Hier kooperieren wir beispielsweise eng mit Prof. Dr. Frieder Scheller von der Uni Potsdam. Wir versu­chen, mittels unserer Spritz­gießtechnik in Zusammenar­beit mit wissenschaftlichen Einrichtungen auf diesem Ge­biet Neues zu entwickeln. Da­durch kann ich weiter wissen­schaftlich tätig bleiben. Für das Unternehmen ist es ein Stand­bein in die Zukunft. Vielen Dank für spräch.

das Ge­

Katherina Reiche ist erreichbar über:

Deutscher Bundestag, Platz der Republik 1, 11011 Berlin

Tel.: 030/227-94530, E-Mail: katherina.reiche@bundestag.de