PUTZ 4/00
Absolventen
Mitmachen statt meckern
Im Gespräch mit einer„Ehemaligen“
Katherina Reiche gehört zu den 23 Brandenburger Abgeordneten im Deutschen Bundestag. Seit 1998 sitzt die 26-Jährige für die CDU im Parlament. Die Diplomchemikerin schloss 1996 ihr Studium an der Uni Potsdam ab. Heute ist die Berufspolitikerin Gesellschafterin im elterlichen Familienbetrieb, einem nach der Wende reprivatisierten Kunststoffunternehmen. Mit Katherina Reiche unterhielt sich PUTZ-Redakteurin Dr. Barbara Eckardt.
Sie haben sich aufgrund Ihrer sehr guten Studienleistungen die Tür für eine wissenschaftliche Laufbahn geöffnet. Warum gehen Sie jetzt durch die Räume des Deutschen Bundestages? Reiche: Bei meinem Professor Erich. Kleinpeter. Jernte: ich, konsequent, zügig, straff zu arbeiten und analytisch zu denken. Er gab mir auch die Möglichkeit, in Finnland und den USA zu studieren. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Mein Auslandsaufenthalt hat dazu beigetragen, dass ich mit Abstand auf Deutschland und die deutsche Politik blicke. Das analytische und zügige Arbeiten hilft mir heute, mich in ein völlig neues Gebiet einzuarbeiten. Als ich von der CDU Brandenburg die Chance erhielt, eine verantwortungsvolle Position in der Politik zu übernehmen, stellte ich mich dieser Herausforderung.
Ihnen ist die Beteiligung junger Menschen an der Demokratie besonders wichtig. Ist das angesichts allgemeiner Politik- und Politikerverdrossenheit nicht ein illusorisches Anliegen?
Reiche: Unsere Gesellschaft wird immer älter. Das kann aber nicht bedeuten, dass auch die Politik und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen nur von den Älteren bestimmt werden. Es kommt deshalb darauf an, für die junge Generation Themen zu bearbeiten. Das betrifft in erster Linie die
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Bildung. Wir sind eine lernende Gesellschaft und müssen uns darauf einrichten, neue Informationen aufzunehmen, Zu verarbeiten, vernetzt zu denken. Wir befinden uns in einer globalisierten Welt. Es gibt heute ganz andere Anforderungen an eine Arbeitsstelle und an jeden selbst als früher. Man muss mehrsprachig und mobil sein und mit neuen Kommunikationsmitteln umgehen können. Reformen sind auf vielen Gebieten notwen
Für sie ist Politik Service: Bundes
tagsabgeordnete Katherina Reiche. Foto: Fritze dig. Das Rentensystem wird beispielsweise ohne Reformen kippen. Bei allem technologischen Fortschritt müssen wir immer auf die Nachhaltigkeit schauen. Ich möchte meiner Tochter möglichst eine Welt mit Artenvielfalt, sauberen Seen und Flüssen hinterlassen. Unsere Generation muss die Vereinigung Europas vollenden. Man kann als junger Mensch zwei Dinge tun: Entweder bleibt man passiver Beobachter der Entwicklung oder man gestaltet mit. Für dieses Mitmachen werbe ich. Heute haben wir eine ganz pragmatisch orientierte Generation, der auch solche Werte wie Treue, Familie und Geborgenheit etwas bedeuten. All das zeigt mir, wie wichtig es ist, dass gerade die junge Generation immer wieder ihre Stimme erhebt und ihren Einfluss geltend macht. Zu Ihren Schwerpunktaufgaben gehören die Wissen
schafts- und Forschungspolitik. Wie schätzen Sie die Situation auf diesem Gebiet in Brandenburg ein?
Reiche: Man ist 1990 in Brandenburg mit sehr ehrgeizigen Zielen angetreten und hat drei Universitäten und mehrere Fachhochschulen gegründet. Jetzt müssen wir angesichts knapper Kassen diese Strukturen effizienter gestalten. Ich halte nichts von Diskussionen, Fakultäten oder gar ganze Hochschulen zu schließen. Wir müssen uns aber dem Wettbewerb mit Berlin und auch dem internationalen Wettbewerb stellen. Heute kann sich ein Student per Internet in Harvard oder Oxford einschreiben. Das bedeutet für die deutschen Universitäten, stärker über ihre Profile nachzudenken. Der Wissenschaftsrat hat deutlich auf Schwächen verwiesen. Wir wissen aber auch, dass wir in Brandenburg Stärken haben. Eine besteht mit Sicherheit im interdisziplinär angelegten Wissenschaftsnetzwerk. Ich setze mich für eine stärkere Vernetzung der Hochschulen mit dem Klein- und Mittelstand ein. Es wird eine Technologiestiftung geben, die es Unter: nehmen erlaubt, mit den Unis zu kooperieren. Sehr gute Ansätze gibt es beim Potsdamer Innovations- und Technologie-Transfer(PITT) an der Universität Potsdam. Die Unternehmen müssen natürlich ihrerseits die Hemmschwelle überwinden und an die Unis gehen.
Trifft man Sie gelegentlich
noch an der Universität Potsdam? Reiche: Einige Professoren
sind Mitglieder im Landesfachausschuss für Wissenschaft, Forschung und Kultur, dessen Vorsitzende ich bin. Mit anderen arbeite ich eng in der Forschungsinitiative Brandenburg zusammen. Kontakte bestehen auch zu einigen ehemaligen Kollegen. Ich versuche, regelmäßig das Leibniz-Kolleg zu besuchen und informiere mich
auch in der Universitätszeitung über das_WUni-Geschehen. Überall, wo ich bin, werbe ich für die Uni Potsdam. Mit der Uni auch nach dem Studium verbunden zu sein, habe ich in den USA gelernt. Deshalb ist der Aufbau eines Alumni-Sy stems sehr wichtig. Hier sollte die Uni-Gesellschaft, deren Mitglied ich bin, noch stärkeı Aktivitäten entwickeln.
Gibt es für Katherina Reiche ein Leben nach der Politik? Haben Sie Ihre Vision von der Entwicklung biologisch abbaubarer Kunststoffe aufgegeben?
Reiche: Über„ein Leben nacl der Politik“ denke ich momen tan nicht nach. Dafür gehe ich in meinen verschiedenen poli tischen Aufgabenfeldern als Obfrau in der Arbeitsgrupp‘ „Angelegenheiten der neuen Länder“ und als Polenbeauf tragte der CDU/CSU-Bun destagsfraktion zu sehr auf Das heißt nicht, dass ich mich neben der Politik nicht auch um meine Familie und um un ser Familienunternehmen kümmere. Und da spielt dann auch das Thema„biologisch abbaubare Kunststoffe“ eine Rolle. Als Gesellschafterin ei nes mittelständischen Famili enunternehmens weiß ich, dass so ein Unternehmen weiter denken und sich neuen Märk ten öffnen muss. Wir glauben, dass eine wichtige Entwicklung darin besteht, Alltagsge genstände aus biologisch ab baubaren Kunststoffen herzustellen. Das kann bis zu Auto teilen gehen. Hier kooperieren wir beispielsweise eng mit Prof. Dr. Frieder Scheller von der Uni Potsdam. Wir versuchen, mittels unserer Spritzgießtechnik in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Einrichtungen auf diesem Gebiet Neues zu entwickeln. Dadurch kann ich weiter wissenschaftlich tätig bleiben. Für das Unternehmen ist es ein Standbein in die Zukunft. Vielen Dank für spräch.
das Ge
Katherina Reiche ist erreichbar über:
Deutscher Bundestag, Platz der Republik 1, 11011 Berlin
Tel.: 030/227-94530, E-Mail: katherina.reiche@bundestag.de