PUTZ 5/01
Zehn Jahre Universität Potsdam
Mai 1994
Erstmals wird das Theaterfestival Unidram durchgeführt. Das ein Mal jährlich stattfindende osteuropäisch-deutsche Festival für Off-Theater zählt zu den Arbeitsschwerpunkten der mit der Uni_kooperierenden Theatergruppe De Gater 87:
15. Juni 1994
Die Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät wird als fünfte Fakultät gegründet.
Sommer 1994
Das erste Innovationskolleg wird an der Uni eingerichtet. Zum Thema”Formale Modelle kognitiver Komplexität” forschen gemeinsam Informatiker, Linguisten, Psychologen, Physiker. und. Mathematiker. Mit Innovationskollegs sollen wissenschaftliche Innovationen in den. neuen, Bundesländern gefördert werden.
Mai 1995
Dem Land Brandenburg fehlen Finanzen. Deshalb wird. auch an der Uni Potsdam gespart. Für die Universität Potsdam legt das brandenburgische Wissenschaftsministerium fest, nur noch 243 Professuren zu finanzieren.
September 1995
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft(DFG) richtet das erste Graduijertenkolleg zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses an der Universität Potsdam ein. Gemeinsam mit Wissenschaftlern der Humboldt-Universität zu Berlin forschen die Potsdamer zum Thema “Ökonomie und Komplexität der Sprache”.
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Manchmal wie im Buddelkasten
Es trug sich zu, dass ich im Jahre 1995 per Losentscheid vom. quirligen Berlin in die Potsdamer Provinz gewürfelt wurde. Irgendwo im Babelsberger Wald, vorbei an einem eigenartig muffelndem See fand ich die Juristische Fakultät. Hm, dachte ich, sieht zwar nicht aus wie eine Uni, aber wird schon werden. Bei der Kollegin Puls im Studienbüro wurde ich erst mal nett mit einer Tasse Kaffee und einem Pläuschchen empfangen. Und so liebenswert ist sie heute noch. Weniger plauschig waren allerdings die Vorlesungen. Dozierende alte Männer, die einem beizubringen versuchten, wie sich drei Juristen mit sechs Meinungen über dogmatischen Unsinn streiten können. Das kann doch noch nicht alles gewesen sein, dachte ich mir.
Zweites Zuhause
So kam es, dass ich seit 1996 mit noch ein paar. verzottelten verträumten Gestalten auszog, um studentische Vertretungsarbeit zu machen. Es gab so wenig Kandidaten und Kandidatinnen, dass ich sogar gewählt wurde. Der Studentenrat sollte fortan mein zweites Zuhause werden. Obwohl mein Zuhause weniger aus Ostdeutschen brauner Schrankwandmentalität und Presspappe bestand, war die Baracke 6 am Neuen Palais genau das Richtige, um mit AgitPropMaterialien die Potsdamer Studierendenschaft zu politisieren. Und unsere Chance kam.
Die bundesweite Streikwelle der Studierenden im Jahre 1997/98 trug nicht unwesentlich zum kometenhaften Aufstieg der Potsdamer Studierendenvertretung bei. Wir betonierten den Eingang zum Wissenschaftsministerium zu, brachten ExWissenschaftsminister Reiche zum Toben, besetzten das Büro des Ministerpräsidenten und veranstalteten Vorlesungen in der Wilhelmgalerie. Wir eroberten das ‚Haus 9 am Neuen Palais in einer Nacht und Nebel Aktion, so dass die Naturwissenschaftler ihre Versuchstierfüt
terung einstellen mussten. Nicht zu vergessen bleiben die unzähligen Latsch-Demos mit markigen Sprüchen, bei denen wir uns fast die Gliedmaßen abfroren. Das kämpferische Bewusstsein der Studis trat vor allen dann zu Tage, wenn es um einen Sitzplatz an der Heizung ging.
Schlachtfeld Büro
Das Büro der Studierendenvertretung glich damals wie heute einem Schlachtfeld. Das Telefon klingelte ununter
brochen, alles war in Hektik und
Foto: privat
fand in einer ohrenbetäubenden Lautstärke ‚statt, so dass die nebenan wohnende Pressestelle reichlich abgenervt war. Unzählige leergelöffelte NutellaGläser, überquellende Aschenbecher, angeschimmelte Saftflaschen, herumfliegende Flugblätter und in den unmöglichsten‘. Positionen schlafende Zeitgenossen machten die Durchquerung des Büros zu einem echten: Hort. für Survivaltraining.
Im Jahre 1998, nachdem wir nun die Studierendenschaft für uns gewonnen hatten, machten wir uns an die Eroberung der Uni-Festung‘ selber. Wir stolperten indie zahlreichen Uni-Gremien, Kommissionen und was es sonst noch so gab, um dem Talaren-Muff endlich mal ein Ende zu bereiten. Mich verschlug es in den Senat und in das Konzil. Und es war wirklich lustig anzusehen, wenn Dekane sich über den Haushalt stritten. Dann kam'ich mir vor wie in einem Buddelkasten, wenn sich die kleiner Bälger\mit ‚ihren
Schippchen hauen, weil der eine dem anderen das Förmchen wegnimmt. Eine| Extra-Vergnügungssteuer hätten wir eigentlich auch zahlen müssen, wenn wir die hochverehrten Professoren mit>Kollegen< anredeten. Das war echte Blasphemie. Oder auch die Forderung nach der KiTa„Zum kleinen Fritz“ für die Uni-Beschäftigten brachte uns zum Kichern.
Ständiger Kampf
Aber manches war auch weniger lustig. Die Verhandlungen mit Reiche und seinen Abteilungsleitern zur Novellierung des
Brandenburgischen Hochschulgesetzes waren nerven
aufreibend. Wir scheiterten an der Ignoranz der Ministerialbürokratie. Der ständige Kampf gegen die Schließungen von Studiengängen, private AnInstitute oder mögliche Umstrukturierungen der Uni Potsdam, ausgehend von der Evaluierung durch den Wissenschaftsrat, brachte die eine oder lange zwistige Sitzung im Senat.
andere
Gelernt hab ich‘ in dieser Zeit vieles: Über die Zähigkeit der Strukturen, über die Ignoranz der Politik, über nette Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, gewöhnungsbedürftige Professoren, aber auch über den einfachen Studierenden, der mittlerweile abhanden gekommen zu sein scheint.
Nun, ob nun zehn oder auch sechs Jahre Uni: Dabei ist eine ganze Menge Gefühlsduselei. Aber‘auch‘ noch‘ jede‘ Menge Enthusiasmus.
Sandra Brunner/Studentin
Veranstaltungskalender Universität Potsdam Online unter: http:/www.uni-potsdam.de/u/kalender/