Heft 
(1.1.2019) 05
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Zehn Jahre Universität Potsdam

PUTZ 5/01

Lieber Chaos statt Ordnung

Sechs Jahre Potsdam als Kanzler der Universität waren sechs Jahre Traumjob, sechs Jahre Jonglieren am finanziellen Abgrund, sechs Jahre Begeg­nung mit interessanten Men­schen unterschiedlicher Mentali­tät und mit unterschiedlichen Ideen. Jeden Morgen über die Glienicker-Brücke, Symbol des kalten Krieges und der Einheit zugleich,(rechten Augesider Blick auf die Sacrower Kirche, linken Auges der Blick auf Schloss Babelsberg, ein mor­gendliches Glücksgefühl, das die körpereigenen Opiate aktiviert, die einen durchströmen mit Kraft wie ein starker Fluss. Weiter über die Mangerstraße mit den renovierten Häusern der Potsdamer Neuprominenz über den Neuen Garten die Sanssouci-Mühle, Schloss und Park Sanssouci zum Arbeitsplatz gegenüber dem Neuen Palais in einem der Communes. Wow, die Lust an diesem Platz arbeiten zu dürfen, der genius loci spendet Inspiration, die Aufgaben anzu­packen. Mit der goldglänzenden neuen Fortuna auf dem Dach, die dort in dem Monat aufge­bracht wurde, als sich der Stifter Hasso Plattner. bei. der Univer­sität einfand, fühlt man sich auf der Seite des Glücks in ‚der sicheren Hand eines guten Schicksals, der Beginn eines schönen und einzigartigen Mäzenatentums, das Highlight meiner Zeit in Potsdam.

Mit den Menschen in der Universität, die eine einzigartige Melange von Ost- und West mit internationalen Einsprengseln bilden, ließ sich engagiert, unideologisch und pragmatisch zusammenarbeiten. Es waren halt viele gekommen, angezo­gen von der Magie des Ortes und den Möglichkeiten neu zu gestalten, und es waren viele da mit der Bereitschaft, ihre Angst vor dem Neuen zu überwinden und sich voll einzubringen. Diejenigen, die sich einmau­erten, waren wenige. Es. gab viele gute Ideen und Anregun­gen. Das aufsichtführende Ministerium war so klein, dass es die Probleme nur in enger Kommunikation mit den Betei­ligten am permanenten runden Tisch lösen konnte. Es entstand

aus dieser Kommunikation eine von mir selten erlebte offene und unbürokratische Atmos­phäre, in der fruchtbare Lösun­gen gefunden wurden. Im Drei­talerhaus trafen sich die Amts­chefs der in Potsdam ansässigen Institutionen zum*Stamm­tisch. Auf sympathische, etwas ländliche Weise konnten die Dinge unbürokratisch durchge­

stellt werden, ohne dassiiman schon von Filz sprechen müsste. Auch das Geld war noch in aus­reichendem Maße vorhanden.

Aber in den sechs Jahren(des Aufbruchsnormalisieren sich zunehmend die Verhältnisse mit den Vor- und Nachteilen, die das hat. Das Ministerium wächst, die Kommunikation wird indirekter. Das Geld wird knapp und knapper.

Die Hochschulen werden in den Griff derÖkonomisierer genommen. Die Halbwertzeit von Planungen wird immer kürzer mit der Folge einer entsprechenden Verkürzung des Engagements der handelnden Menschen. Die Studienzeiten und die bürokratischen Wege werden länger. Alles wird besser verwaltet, aber die Kreativität könnte durch das Zurückziehen

in. das Schneckenhaus ‚der Normalität auf der{Strecke bleiben. Das wunderbare an

Potsdam war das Chaos des Gestalten in einer noch relativ regellosen Landschaft. Natürlich konnte es nicht so bleiben. Ich persönlich kann jedoch besser mit ‚dem Chaos als mit der Ordnung umgehen. Die besten Zeiten in meinem beruflichen und persönlichen Leben waren nun mal die Zeiten des Umbruchs. In meinem Leben war dies die Zeit im Präsidialamt der Technischen Universität Berlin anfangs der siebziger

Jahre und meine sechs Jahre plus x bei der Universität Potsdam. Verwalten können andere besser und ich überlasse diesenBesseren gern das Feld, denn Ordnung muss sein. Ich persönlich möchte mich für diese Zeit an der Universität Potsdam bei den Menschen innerhalb und außerhalb der Universität bedanken, die mich begleitet haben, sei es als Freund oder Gegner.[Sie falle haben einen wesentliche Beitrag zu meiner persönlichen Entwick­lung und dem Wohlgefallen geleistet, das ich in Potsdam an meiner Universität gefunden habe.

Alfred Klein/Kanzler a.D.

Zehn Jahre später Studentenzahlen erhöht.

Studienbedingungen nicht ver­schlechtert.

Intellektuelle Bedingungen punktuell verbessert.

Soziale Bedingungen ver­

schlechtert. Wohnen luxuriert.

Einheit von Essen und Denken beibehalten.

AbgebautAufgebautAbgebaut.

Angst durch Sattheit abgelöst, Kämpfe ausgetrocknet.

Zeit, zu verschwinden. Wolfram Meyerhöfer/

Promotionsstudent am Institut für Mathematik

Oktober 1991

Erstmals erfolgt an der Universität die Einschreibung von Studierenden. Im Winter­semester 1990/91 studieren 2.600 Studenten an der Uni.

17. Juni 1992

Die WUniversitätsgesellschaft Potsdam e.V. wird gegründet. Die Mitglieder der Gesell­schaft, Freunde und Förderer der Uni, kommen aus den unterschiedlichsten Berufen und verschiedensten gesell­schaftlichen Bereichen.

März 1993

Der erste Neubau für die Uni, die Sporthalle im Uni-Komplex Golm, wird fertiggestellt.

April 1993

Der Gründungssenat legt eine Denkschrift vor. In ihr sind Struktur, Aufgaben und Ziele der Universität festgelegt. So soll die Potsdamer Universität die wissenschaftliche. Grund­versorgung des Landes Bran­denburg sichern. Weitere Markenzeichen sind kleine, flexible, vernetzte Einheiten, der Aufbau Interdisziplinärer Zentren innerhalb der Hoch­schule sowie die Kooperation mit außeruniversitären For­schungseinheiten. Festge­schrieben werden 263 Professuren.

14. Dezember 1993

Der Gründungssenat kommt zu seiner letzten Sitzung zusammen.

Dezember 1993

Erstmals finden Wahlen der akademischen Selbstverwal­tungsorgane Senat und Konzil statt.

1. Januar 1994

Es werden die zwei Philo­sophischen und die Mathema­tisch-Naturwissenschaftliche Fakultät gegründet.

27. Januar 1994

Prof. Dr. Rolf Mitzner wird durch das Konzil zum ersten Rektor der Universität Pots­dam gewählt.