Zehn Jahre Universität Potsdam
PUTZ 5/01
Lieber Chaos statt Ordnung
Sechs Jahre Potsdam als Kanzler der Universität waren sechs Jahre Traumjob, sechs Jahre Jonglieren am finanziellen Abgrund, sechs Jahre Begegnung mit interessanten Menschen unterschiedlicher Mentalität und mit unterschiedlichen Ideen. Jeden Morgen über die Glienicker-Brücke, Symbol des kalten Krieges und der Einheit zugleich,(rechten Augesider Blick auf die Sacrower Kirche, linken Auges der Blick auf Schloss Babelsberg, ein morgendliches Glücksgefühl, das die körpereigenen Opiate aktiviert, die einen durchströmen mit Kraft wie ein starker Fluss. Weiter über die Mangerstraße mit den renovierten Häusern der Potsdamer Neuprominenz über den Neuen Garten die Sanssouci-Mühle, Schloss und Park Sanssouci zum Arbeitsplatz gegenüber dem Neuen Palais in einem der Communes. Wow, die Lust an diesem Platz arbeiten zu dürfen, der genius loci spendet Inspiration, die Aufgaben anzupacken. Mit der goldglänzenden neuen Fortuna auf dem Dach, die dort in dem Monat aufgebracht wurde, als sich der Stifter Hasso Plattner. bei. der Universität einfand, fühlt man sich auf der Seite des Glücks in ‚der sicheren Hand eines guten Schicksals, der Beginn eines schönen und einzigartigen Mäzenatentums, das Highlight meiner Zeit in Potsdam.
Mit den Menschen in der Universität, die eine einzigartige Melange von Ost- und West mit internationalen Einsprengseln bilden, ließ sich engagiert, unideologisch und pragmatisch zusammenarbeiten. Es waren halt viele gekommen, angezogen von der Magie des Ortes und den Möglichkeiten neu zu gestalten, und es waren viele da mit der Bereitschaft, ihre Angst vor dem Neuen zu überwinden und sich voll einzubringen. Diejenigen, die sich einmauerten, waren wenige. Es. gab viele gute Ideen und Anregungen. Das aufsichtführende Ministerium war so klein, dass es die Probleme nur in enger Kommunikation mit den Beteiligten am permanenten runden Tisch lösen konnte. Es entstand
aus dieser Kommunikation eine von mir selten erlebte offene und unbürokratische Atmosphäre, in der fruchtbare Lösungen gefunden wurden. Im Dreitalerhaus trafen sich die Amtschefs der in Potsdam ansässigen Institutionen zum*“Stammtisch”. Auf sympathische, etwas ländliche Weise konnten die Dinge unbürokratisch durchge
stellt werden, ohne dassiiman schon von Filz sprechen müsste. Auch das Geld war noch in ausreichendem Maße vorhanden.
Aber in den sechs Jahren(des Aufbruchs“normalisieren” sich zunehmend die Verhältnisse mit den Vor- und Nachteilen, die das hat. Das Ministerium wächst, die Kommunikation wird indirekter. Das Geld wird knapp und knapper.
Die Hochschulen werden in den Griff der“Ökonomisierer” genommen. Die Halbwertzeit von Planungen wird immer kürzer mit der Folge einer entsprechenden Verkürzung des Engagements der handelnden Menschen. Die Studienzeiten und die bürokratischen Wege werden länger. Alles wird besser verwaltet, aber die Kreativität könnte durch das Zurückziehen
in. das Schneckenhaus ‚der Normalität auf der{Strecke bleiben. Das wunderbare an
Potsdam war das Chaos des Gestalten in einer noch relativ regellosen Landschaft. Natürlich konnte es nicht so bleiben. Ich persönlich kann jedoch besser mit ‚dem Chaos als mit der Ordnung umgehen. Die besten Zeiten in meinem beruflichen und persönlichen Leben waren nun mal die Zeiten des Umbruchs. In meinem Leben war dies die Zeit im Präsidialamt der Technischen Universität Berlin anfangs der siebziger
Jahre und meine sechs Jahre plus x bei der Universität Potsdam. Verwalten können andere besser und ich überlasse diesen“Besseren” gern das Feld, denn Ordnung muss sein. Ich persönlich möchte mich für diese Zeit an der Universität Potsdam bei den Menschen innerhalb und außerhalb der Universität bedanken, die mich begleitet haben, sei es als Freund oder Gegner.[Sie falle haben einen wesentliche Beitrag zu meiner persönlichen Entwicklung und dem Wohlgefallen geleistet, das ich in Potsdam an meiner Universität gefunden habe.
Alfred Klein/Kanzler a.D.
Zehn Jahre später Studentenzahlen erhöht.
Studienbedingungen nicht verschlechtert.
Intellektuelle Bedingungen punktuell verbessert.
Soziale Bedingungen ver
schlechtert. Wohnen luxuriert.
Einheit von Essen und Denken beibehalten.
AbgebautAufgebautAbgebaut.
Angst durch Sattheit abgelöst, Kämpfe ausgetrocknet.
Zeit, zu verschwinden. Wolfram Meyerhöfer/
Promotionsstudent am Institut für Mathematik
Oktober 1991
Erstmals erfolgt an der Universität die Einschreibung von Studierenden. Im Wintersemester 1990/91 studieren 2.600 Studenten an der Uni.
17. Juni 1992
Die WUniversitätsgesellschaft Potsdam e.V. wird gegründet. Die Mitglieder der Gesellschaft, Freunde und Förderer der Uni, kommen aus den unterschiedlichsten Berufen und verschiedensten gesellschaftlichen Bereichen.
März 1993
Der erste Neubau für die Uni, die Sporthalle im Uni-Komplex Golm, wird fertiggestellt.
April 1993
Der Gründungssenat legt eine Denkschrift vor. In ihr sind Struktur, Aufgaben und Ziele der Universität festgelegt. So soll die Potsdamer Universität die wissenschaftliche. Grundversorgung des Landes Brandenburg sichern. Weitere Markenzeichen sind kleine, flexible, vernetzte Einheiten, der Aufbau Interdisziplinärer Zentren innerhalb der Hochschule sowie die Kooperation mit außeruniversitären Forschungseinheiten. Festgeschrieben werden 263 Professuren.
14. Dezember 1993
Der Gründungssenat kommt zu seiner letzten Sitzung zusammen.
Dezember 1993
Erstmals finden Wahlen der akademischen Selbstverwaltungsorgane Senat und Konzil statt.
1. Januar 1994
Es werden die zwei Philosophischen und die Mathematisch-Naturwissenschaftliche Fakultät gegründet.
27. Januar 1994
Prof. Dr. Rolf Mitzner wird durch das Konzil zum ersten Rektor der Universität Potsdam gewählt.