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Mit TIGER auf den
Spuren einer fremden Sprache
em amerikanischen Germanisten Dr. [DS Smith sieht keiner an, dass er
Ausländer ist. Erst beim näheren Kennenlernen bleibt dem Gesprächspartner die ferne Heimat seines Gegenüber nicht verborgen, zumal der aus dem US-Bundesstaat Maryland stammende Wissenschaftler auch keinerlei Sprachprobleme verrät. Deutsch spricht er fehlerlos und fast ohne Akzent. Durch sein ruhiges Auftreten gewinnt der Mittvierziger seine Studenten und Gesprächspartner auf Anhieb.
Im Augenblick hat George Smith die Lehre an den Nagel gehängt und widmet sich voll und ganz dem Projekt TIGER, das gemeinsam mit Partnern an den Universitäten und Stuttgart durchgeführt wird. Mit Hilfe von studentischen Hilfskräften erstellt Smith einen linguistisch interpretierten Textcorpus für das Deutsche, in dem syntaktische Strukturen als Baumstrukturen dargestellt werden. Daher der Name: TIGER steht für„Trees in German“. Die resultierende Datenbank mit analysierten Zeitungstext im Umfang von circa einer Million Wörtern wird sprachwissenschaftlich Interessierten zur Verfügung gestellt. Vergleichende Datenbanken gibt es bisher nur für das Englische. Im Projekt wurde eine spezielle Anfragesprache extra für die Suche nach sprachlichen Strukturen entwickelt, die den Nutzern ermöglicht, gezielt nach sprachlichen Strukturen zu suchen. Es entsteht also ein wichtiges Werkzeug für die germanistische Sprachwissenschaft. Bereits beim Aufbau der Datenbank wird vieles über die deutsche Gegenwartssprache gelernt, da die Texte fortlaufend analysiert werden. Kein Satz wird ausgelassen, für alles muss eine Analyse gefunden werden.
George Smith kam 1986 nach Deutschland, lernte am Goethe Institut in Prien am Chiemsee Deutsch und studierte anschließend an der Freien Universität in Berlin Germanistik.„Ich interessierte mich zunächst in erster Linie für die Kultur und die Geschichte der Bundesrepublik, jedoch während des Studiums rückte langsam die Sprache in den Mittelpunkt“, meint der Wissenschaftler. Daran war auch maßgeblich sein Doktorvater, Prof. Dr. Eisenberg, schuld, dem er nach dem Abschluss des Studiums an die Universität
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Potsdam folgte. Seine Dissertation„Phonologische Wörter und Derivation im Deutschen“ verteidigte Smith bereits an der Universität Potsdam im Bereich„Deutsche Sprache der Gegenwart“.
Obwohl George Smith bei seiner wissenschaftlichen Tätigkeit die Welt um sich oft vergisst, vertritt er den Standpunkt, dass es auch ein Leben neben der Grammatik gibt. Die Familie wird groß geschrieben. Die Heimat, wo seine Eltern noch leben, besucht George Smith jährlich, doch das Wort Heimweh ist ihm fremd geblieben. Nach eigener Einschätzung hat er gut Fuß gefasst und achtet bewusst auf die zweisprachige Erziehung seiner beiden Söhne, die in Berlin geboren wurden. Er hat eine deutsche Frau, pflegt jedoch einen multikulturellen Freundeskreis.„Ich spüre zum Glück selber keine Ausländerfeindlichkeit“, sagt er. In der Bundesrepublik lebe er gerne, könnte sich jedoch genauso ein Leben in Amerika vorstellen.“
Mit vielen seiner Mitarbeiter aus anderen Ländern weiß sich Smith einig in der Bedeutung des multinationalen Zusammentreffens an der Uni für den weiteren Weg Brandenburgs hin zu mehr Ausländerfreundlichkeit.„Hier lernen die künftigen Bewohner des gemeinsamen Europas miteinander friedlich umzugehen, einander zu schätzen und zu unterstützen“, urteilt Smith.
Maria Pichottka
Smith hat für die For
schung die Lehre gegen
wärtig aufgegeben. Im Projekt TIGER unter
sucht er Sprachstruktu
ren des Deutschen.
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Foto: Fritze