Vermischtes
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Lust an Kunst
Heute vorgestellt: Iris Unger
Sie übe ungern Druck auf ihre Schüler aus, der müsse aus ihnen selbst kommen und sich seine entsprechenden Ventile suchen. Musik sei schließlich eine extrem selbstbestimmte und lustbetonte Angelegenheit, die es einem erlaube, ein Stück weit zu sich selbst zu kommen.
ris Unger, die im Jahre 1962 geborene, im [ ländlichen Jessen in Sachsen-Anhalt aufgewachsene Pianistin und Klavierdozentin am Institut für Musik und Musikpädagogik der Universität Potsdam, spielt immer aus eigenem Antrieb. Sie ist selbst leicht amüsiert, wenn sie das Kind vor sich sieht, dass frühmorgens noch im weißen Nachthemdchen und mit nackten Füssen zuerst ans Klavier trat, als müsste es nachschauen, ob es noch funktioniert. Ihre Kindheit mit den Noten und denjenigen, die sie ihr beibringen, ist harmonisch und krisenfrei. Von Anfang an ist das Klavier Mittel zur Identifikation, Instrument, sich selbst zu definieren.„Mir musste niemand sagen, ich solle jetzt endlich mal üben. Diesen Zwang kenne ich gar nicht. Mich faszinieren Stücke, also spiele ich sie. Die ich nicht
Foto: zg
mag, spiele ich nicht. Das war früher so und so ist es auch noch heute,“ Diese Geradlidurchzieht auch ihre musikalische
nigkeit
Entwicklung. Keiner Musikerfamilie stammend, tut sie alles, um ihre Passion zu fördern. Mit sechs Jahren erhält sie ihre ersten Klavierstunden, seit ihrem 15. Lebensjahr fährt sie einmal wöchentlich zur Musikhochschule Hanns Eisler nach Berlin zum Spezialunterricht, auch während des Abiturs. Damit wird sie zur Exotin, was sie nicht als Dissonanz erlebt. Dann studiert sie an selbiger Stelle und macht 1984 zuerst ihren Musikpädagogen-, zwei Jahre später dann ihren Pianistenabschluss, für den
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Mag musikalische Grenzgänger.
Die Bachverehrerin Iris Unger gibt jährlich etwa 20. Konzerte.
sie unter anderem Schumann, Mozart, Beethoven und Chopin spielt.„Aus dieser Zeit habe ich meine Substanz, von den täglichen acht Stunden an und zwischen den Tasten. Und von dort habe ich auch ein Gefühl für Grenzerfahrungen.“
Seit 1986 ist die verheiratete Mutter zweier Töchter in Potsdam ansässig. Im Augenblick hat sie 21 Schüler und Schülerinnen, darunter auch eine Chinesin, eine Ukrainerin und einen Finnen.„Da stoße ich oft auf diametral entgegengesetzte musikalische Traditionen, Konzeptionen und Gedanken über Musik.“ Ein inspirierender Reiz für sie, die ohne Lehre nicht sein will und die für sie im Idealfall einen Austausch von musikalischen Anregungen und Ideen bedeutet. Musik dürfe nicht zum Lernfach verkommen, bei aller erzieherischer Funktion. Lebensbereicherung sei ihr Sinn, dem sie auch als Jurorin des Landesausschusses„Jugend musiziert“ und im Tonkünstlerverband, dessen Mitglied sie ist, Ausdruck verleiht.
„Es geht ja darum, eine Begabungsstruktur zu entdecken und nicht zu verhindern. Und egal, wie Schüler welche Stücke auch immer interpretieren, sie müssen mich überzeugen, das sie das genau so wollen und nicht anders. Denn dann haben sie etwas von sich entdeckt.“ Unweigerlich denkt sie dabei an die extreme und legendäre Glenn Gould-Einspielung von Beethovens„Apassionata“. Den kanadischen Klavierexzentriker bewundert sie genauso wie die musikalischen Grenzgänger Friedrich Gulda, Keith Jarrett oder Chick Chorea.„Die sind so gelöst und spielen immer sich
selbst. Allesamt Virtuosen, verkommt ihr Spiel doch nie zu Virtuosentum.“
Für die Bachverehrein, die in den letzten Jahren den schmeichelnden Klang des Cembalos für sich entdeckt hat, die zur Zeit viel Debussy spielt, über dessen Stimmungsbildern improvisiert und die Tango mag, weil dort auf wunderbare Weise Musik, Rhythmus und Bewegung miteinander verschmelzen würden, muss Musik erlebt werden. Sie selbst glaubt, mit ihren Mitteln genug erzählen zu können. Natürlich hat sie Phasen von Selbstzweifel, auch kommt sie mit Erfolgen besser zurecht als mit Misserfolgen, aber dieses ständige, in Musikerkreisen so verbreitete„Sich aneinander messen“ hält sie für falsch. Die meisten Stücke eignet sie sich an, indem sie sie zuerst auswendig lernt. Sehr anstrengend sei das zwar, es ermögliche aber mehr Freiheit und Konzentration zugleich, sich im Kosmos des jeweiligen Stückes zu bewegen. Solide Vorbereitung nennt sie das.„Das Lampenfieber sinkt aber dadurch allerhöchstens um ein Grad.“
Sie, bei der die musikalischen Vorlieben phasenweise wechseln, gibt jährlich etwa ı5 bis 20 Solo- oder Kammermusikkonzerte und ist neugierig-willkommene Begleiterin anderer Instrumentalisten.„Ich bin bei Konzerten schon sehr auf mich selbst konzentriert, insofern ist es egal, wie viele Leute mir zuhören. Das ist nicht autistisch oder arrogant gemeint. Ich stelle mich als Interpretin nur möglichst intensiv in den Dienst einer Sache, die Musik heißt und von der die Zuhörer erwarten, dass ich sie ihnen so genau und persönlich wie möglich gebe.“ tp
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Foto: Fritze