Studiosi
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Am Puls der Zeit
Christina Kestels Motto ist Learning by Doing
Christina Kestel hat die Chance bekommen, bei einer der renommiertesten Zeitungen, der Financial Times Deutschland(FTD), arbeiten zu können. Die Hamburgerin kam 1993 zum Studium der Literaturwissenschaft, Betriebswirtschaftslehre und Psychologie nach Potsdam. Nach dem Studium kehrte sie im vergangenen Jahr in ihre Heimatstadt zurück. Mit der Ehemaligen sprach Portal-Redakteurin Dr. Barbara
Eckardt.
Seit Oktober vergangenen Jahres sind Sie in der Online-Redaktion der FTD beschäftigt. Was mussten Sie tun, um ein Volontariat bei dieser Zeitung zu bekommen?
Kestel: Zum ersten Mal musste ich ein ganztägiges Auswahlverfahren bestehen. Zunächst ging es mir nur darum, dabei zu sein. Ich war sehr überrascht, dass ich am Abend bereits mit einem Vertrag in der Tasche nach Hause gehen konnte. Wahrscheinlich lag es an meinen zurückgeschraubten Erwartungen. Was ich letztlich bekommen habe, ist schon einzigartig: Zwei Jahre im Gruner+ Jahr Online-Volontärsprogramm. Das bedeutet neun Monate Ausbildung an der Henri-Nannen-Schule und im Institut für Interaktive Medien in Lüneburg. Webpublishing, Online-Recherche, Webdesign, Radio, Fernsehen und vieles mehr.
Was denken Sie, warum wurden gerade Sie für diese Stelle ausgewählt?
Kestel: Ich denke, der Mix hat es gemacht. Meine Studienfächer, die Pressearbeit im Bereich Organisation und Personalwesen der Uni, zwei Jahre als freie Journalistin bei den Potsdamer Neuesten Nachrichten, meine Tätigkeit als Mentorin beziehungsweise Tutorin und diverse Praktika. Eines weiß ich ganz sicher: Wichtiger als fachliches Wissen und Erfahrungen ist die Fähigkeit, sich in jedes Thema einarbeiten zu können. Learning by Doing heißt die Devise.
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Kestel: Ganz spannend, weil es so anders ist als bei einem Printmedium. Die Redaktion ist jeden Tag in der Woche von sieben Uhr morgens bis
23 Uhr abends besetzt. Wir wechseln uns in
Portal 12/01
Der Eindruck täuscht. Christina Kestels Alltag bei Financial Times Deutschland ist hektisch.
Schichten ab, um die Aktualität zu gewährleisten. Wenn ich Nachrichtenschicht habe, geht es in der Regel rund: Am Ticker die Nachrichtenentwicklung beobachten, Themen auswählen und sofort schreiben und sie online stellen. Viel Zeit, um sich in ein Thema einzuarbeiten, bleibt nicht. Ist eine Geschichte erst einmal im Netz, wird sie ständig aktualisiert. Als kürzlich ein Airbus auf den New Yorker Stadtteil Queens stürzte, habe ich die Geschichte gleich fünfmal innerhalb von drei Stunden auf den neuesten Stand gebracht. Wie sehr sich das lohnt, sehen wir an den Klickzahlen. Anders als Zeitungsmacher können wir genau sehen, wie viele Leute unsere Geschichten lesen. Vor allem an der Börse kommt es auf zeitnahe Berichterstattung an. Wir schreiben unsere Marktberichte selbst. Dabei müssen die Sinne viel leisten: Mit einem Auge haben wir ständig Fernseher und Newsticker im Blick, das andere verfolgt die Kursentwicklung der Aktien. Am Telefon hören wir O-Töne von
Foto: privat
Ze der Wirt
Händlern und Analysten. Währenddessen wird fleißig getippt, um die Entwicklung auf dem Frankfurter und New Yorker Börsenparkett zeitnah mitzubekommen. Lediglich die Autorentage ähneln dem, was man vom Arbeitsablauf der Print-Journalisten kennt. Web- und Telefonrecherchen prägen den Alltag.
Wenn sich Ihre Wünsche erfüllen, wie geht es dann nach dem Volontariat weiter?
Kestel: So richtig kann man das jetzt nicht wissen. Wegen der Anzeigenflaute, der Unsicherheit an den Märkten und zunehmenden Stellenstreichungen regiert auch in den Verlagshäusern der Rotstift. Aber mit dieser speziellen OnlineAusbildung hoffe ich weiter auf Chancen, denn dem multimedialen Journalismus gehört die Zukunft.
Vielen Dank für das Gespräch.
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