Heft 
(1.1.2019) 01
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Lust an Kunst

Heute vorgestellt: Aigis Klemm

Die renommierten Kunsthochschulen Berlin-Weißensee oder Burg Giebichenstein in Halle kennt jeder; ungezählte, vor allem ostdeutsche Bildende Künstler und Künstlerinnen, haben in deren Ateliers ihre Wurzeln. Wer aber kennt Empfertshausen im Thüringischen, wo man Holzbild­hauer werden kann? Dort begann die künstlerische Laufbahn von Aigis Klemm, sieht man ein­mal vom Brandenburger Pionierhaus ab, wo sie sich als Kind an Textilgestaltung übte. Nach dem Abitur kam sie in das Dreihundertseelendorf, wo es nichts weitergab als einen Konsum, die Dorfschenke und eben die Schnitzschule. Dort lernte sie in drei Jahren die Kunst der Holzbild­hauerei, zusammen mit Leuten, die von Alter und Herkunft unterschiedlicher nicht sein konn­ten und aus allen möglichen Himmelsrichtungen ausgerechnet in die tiefste Provinz kamen, um das Rüstszeug für die künstlerische Arbeit zu erlernen.

I y-unst lebt von Abwegen. Die Erfahrungen f und die Menschen dort haben sie ^geprägt. Holz ist für Aigis Klemm, die im Jahre 1974 in Brandenburg an der Havel gebo­ren wurde und dort aufwuchs, zu einem Teil ihrer Identität geworden; auch wenn sie gegen­wärtig mehr zeichnet. Holz sei ein Material, auf welches man sich einlassen müsse, sagt sie.Ich wollte immer etwas Handwerkliches machen. Ohne dem könnte ich nicht leben. Trotzdem sie unbedingt weit weg wollte von zu Hause, hatte sie Heimweh. Und obwohl die Atmosphäre wunderbar war, wusste sie am Anfang nicht, was sie gerade dort sollte und ob das über­haupt das Richti­ge für sie sei. Und schon war ich mittendrin

Aigis Klemm zeigt ihre erste j^nzelausstellung

»in der Sinnkri- »*ys/3.. Zum Glück ! gib es damals nKtne Eltern.

,j^ur _Zeit studiert '=Algis Klemm im achten

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Semester Kunst und Arbeitslehre an der Univer­sität Potsdam. Das Studium sei ihr Leben, doch sei es oft mit Frustration verbunden, da der Kunstbereich aus Geld- und Personalmangel alle Anstrengungen darauf richten müsse, die Ele­mentarlehre zu realisieren. Sie hat nach ihrem Holzbildhauerinnen-Abschluss im Jahre 1996 Puppen geschnitzt, erst serielle bei einem Berli­ner Puppenbauer, danach individuelle in Bran­denburg an der dortigen Puppenbühne für ein Andersen-Märchen; ihr erster selbständiger Arbeitsversuch. Sie sei keinFriemler, arbeite unruhig und sehr stimmungsabhängig. Sie akzentuiert das Skizzenhafte, scheut nicht das Unfertige.Es sind eher die unglücklichen Momente, welche Phasen kreativer Schübe aus- lösen und gleichzeitig zu guten Resultaten füh­ren. Dann wolle sie immer viel schaffen und halte sich nicht endlos fest an einer Sache.Ich fühle mich mehr als Handwerker denn als Künstler. Bei Letzterem ist doch der innere Schaffens­zwang immens groß und viel unbedingter. Vorbilder sind alle oder keiner. Sie finde bei ganz vielen etwas, das sie inspiriere. Und schließlich ändere sich im Laufe der Zeit ja auch die persönliche Ein­stellung zu Künstlern und deren Werk.

In Dresden wollte sie Bühnenplastikerin wer­den, in Greifswald studierte sie ein Semester Kunstpädagogik, um die Studienmöglichkeiten dort kennen zu lernen. Sie hat auch an der Fach­hochschule Brandenburg ein Semester lang TA^pigitale Medien studiert. Möglichst bald will sie ins Ausland. Nach Potsdam kam sie eher zufäl- '~^> 4 ig und ganz spontan. Sie besteht den Eignung- stest im Fachbereich Kunst und landet in Golm. Wieder so ein merkwürdiges Dorf und man 'hört, wie sie es mag. Zur Zeit mache sie viele / Grafiken. Ihre ersten zeichnerischen Versu­

che bringt sie im Alter von dreizehn Jahren zu Papier.Meistens ist nichts klar, wenn ich begin­ne. Der Prozess und die damit verbundene Ver­änderung der Formen sind wichtig. Kunst sei ein Transformationsprozess zwischen dem, der sie macht, und demjenigen, der sich ihr nähert. Mit allen unkalkulierbaren Risiken und Missver­ständnissen. Inhalt und Form würden sich ja beim Betrachter meist zu etwas völlig anderem verdichten, als es je intendiert war. Für Aigis Klemm beschreibt diese Differenz einen Teil des Wesens von Kunst. Kommunizieren will sie auch mit der in Golm von Studierenden, den Mitglie­dern des Fachschaftsrates Kunst kürzlich neu gegründeten GalerieKunstGang, deren Mitin­itiatorin sie ist. Sie ist nicht nur die erste Studen­tin, die dort ausstellt, es ist auch ihre erste Ein­zelausstellung. Sie trägt den doppelsinnigen Titel Akte 1. Außerdem ist Aigis Klemm zur Zeit zusammen mit anderen Kunststudenten der Universität Potsdam an einer Ausstellung im Brandenburger Tor beteiligt. DieMeditation im Torhaus läuft noch bis Ende Februar.

Bevor sie zurKunstGängerin wurde, habe sie lange überlegt, und es hat der Ermunterung von Freunden bedurft, um sich an eine größere Öffentlichkeit zu wagen. Aber letztlich wolle sie die Rückkopplung, die eine wichtige Motivation sei, weiter zu machen, weiter zu kommen. Sie weiß, dass es vielen so geht. Deshalb hofft sie, das es ihr möglichst viele gleichtun.Dann hat die Galerie auch ihren richtigen Namen. tp

Galerie KunstGANG

Golm, Karl-Liebknecht-Straße 24/25, Haus 18, obere Etage.

Akte 1 ist noch bis zum 15. März 2002 wochentags von 8.00 bis 18.00 Uhr zu sehen.

Der Eintritt ist frei.

Portal 1-2/02

Fotos: Fritze