Heft 
(1.1.2019) 05
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Warum eigentlich

hat die Uni keine Kita mehr?

Heiner Stahl und Anne Zimmer sind seit vier Jahren ein Paar, seit andert­halb Jahren teilen sie sich das Sorgerecht um Noam-Nicolas. Sie wollten ein Kind während der Studienzeit, weil beide der Ansicht waren, dort noch am ehesten ihre Zeit einteilen zu können. Dass sich mit dem Nachwuchs ihr Leben und ihr Zeitbudget radikal verändern, jede Menge Organisa­tionsstress und finanzielle Belastungen auf sie zu kommen würden, war beiden klar. BAföG beziehen sie nicht, die Unterstützung kommt von bei­der Eltern.

Die Finanzierung ist das Hauptproblem. Das Erziehungsgeld endet nach zwei Jahren, egal ob man studiert oder aussetzt, sagt Heiner. Er, Pots­damer Student der Geschichts- und der Politik­wissenschaften, schreibt seit Oktober letzten Jah­res an seiner Magisterarbeit zur Jugend- und Medienpolitik in der DDR am Beispiel des Ju­gendstudios DT 64. Sie, die ebenfalls Geschichts­wissenschaften und zusätzlich Anglistik in Pots­dam studiert, stieg im letzten Wintersemester nach zwei Urlaubssemestern wieder in den Stu­dienalltag einsteigen. Nach Interesse geht es dabei kaum noch. Nur noch das, was unbedingt erledigt werden muss, kommt noch in Frage. Zusammen zählen beide dreiundzwanzig Semester, das Exa­men wollen beide in spätestens anderthalb Jah­ren hinter sich gebracht haben. Die Lebenspla­nung wird langfristiger organisiert. Wenn das Kind gesund ist, bleiben täglich effektiv fünf Stun­den für Studium, Selbstständigkeit und Erholung. Anne findet manchmal noch Zeit für einige Stun­den Nachhilfe in Englisch. Von 8.30 Uhr morgens bis 14.30 Uhr mittags kümmert sich die Kita um das Kind. Nur zweihundert Meter ist die vom Wohnort, einer Dreizimmerwohnung in Potsdam West, entfernt. Ein Glücksfall, im Gegensatz etwa zur dortigen Einkaufssituation. Was es für jeman­den bedeutet, der beispielsweise in Golm studiert und sein Kind zum Schlaatz bringen muss, wol­len sich beide besser nicht ausdenken. Beide kön­nen sich nicht vorstellen, wie es gar ohne Kita­platz gehen sollte, ebenso wenig, wie es funktio­nieren würde, wären sie allein erziehend. Die Ein­teilung ist klar: Wer sich um das Kind kümmert, kann nicht studieren.Warum eigentlich hat die Uni keine Kita mehr?, fragt Anne.Die Gebur­tenzahlen zeigen nach oben. Mittelfristig wird man mit diesem Problem mehr und mehr kon­frontiert werden.Die Universität ist alles Mög­liche, aber familienfreundlich ist sie nicht, setzt Heiner nach.Da fehlen grundlegende Überle­gungen. Sie übernimmt alsArbeitgeber in die­

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Bedarf für einen Kitaplatz im Herbst anmeldeten,

ser Hinsicht generell zu wenig Verantwortung. Abgesehen von dem miserablen Spielplatz auf dem Campus fehlt ein zentrales Beratungs- und Betreuungsangebot für Studierende mit Kind sei­tens der Universität völlig. Durch diese Anlauf­stelle würden nicht nur Sozialkontakte hergestellt. Auch der enorme Verwaltungsablauf mit der Stadt könnte so entlastet und vor allem verläss­licher gestaltet werden. Die Ämter sagen einem ja nicht, welche Papiere man wo, wann und wofür braucht. Auch hier an der Uni sagen alle etwas anderes. Und auch das Babysitting ließe sich dort zentral koordinieren.Letztlich, so Anne,be­rührt diese Frage nicht nur die Sozialkompetenz der Einrichtung und den Umgang mit ihrem Humankapital, sondern führt direkt zum Pro­blem Frauen mit Kind in Wissenschaft und For­schung. Denn dies funktioniert ja nur in Abhän­gigkeit von einem Kitaförderplatz. Da es ohne­hin schwierig sei, einen solchen zu bekommen, sind beide erst recht über die verwaltungstechni­schen Richtlinien des Studierendensekretariats verärgert.Als wir im Frühjahr letzten Jahres dort

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bekamen wir die nötige Bestätigung erst mit der Rückmeldung zum Wintersemester, vorher nicht. Die Kita braucht diese aber im Prinzip bereits Ende Mai, Anfang Juni, um planen zu können. Viel Hilfe und Verständnis erfahren beide nicht, Solidarität kommt in der Regel nur von Studie­renden, die ähnliche Probleme zu bewältigen haben.Es gab auch niemanden, der versuchte, unsere Ängste abzubauen. Wenn das überall so ist, braucht man sich über Abbrecher nicht zu wundern, meint Anne.Immerhin handhaben die meisten Professoren die Fristen für die Abga­bezeiten der Hausarbeiten ziemlich kulant. Und die Gebühren für längst überfällige Bücher wer­den einem auch schon mal erlassen, wenn ich mit dem Kleinen in der Bibliothek stehe. Aber die meisten bringe ich zur Zeit ohnehin ungelesen zurück. tp

Kein Refugium für Eltern und Kinder:

Der Spielplatz vor den

Wohnheimen am Neuen Palais.

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