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Mit dem Sommerloch arrangiert
Die sommerliche Auszeit wurde im 20. Jahrhundert zum Massenphänomen
Nicht nur die Theater schließen in den.heißen Sommermonaten, auch in den Sitzungssälen der Landtage herrscht gähnende Leere.
Foto: Tribukeit
Sommerloch- Das Wort lässt an die behagliche Langeweile heißer Tage denken. Das Sommerloch selbst besteht ja zunächst aus einem Mangel an den üblichen Nachrichten über wichtige Ereignisse: Die Bundesliga und das Parlament setzen aus, weil die Sportler und die Politiker in den Ferien sind; die meisten Theater bleiben geschlossen. Haben die Chefredakteure sonst den Grabenkrieg ihrer Redakteure um die Platzierung ihrer Berichte zu pazifizieren, so sind sie nun händeringend auf der Suche nach Neuigkeiten, die die Sensationslust des gehobenen Publikums befriedigen. Natürlich ist die bunte Presse weniger betroffen: Über neue Verbrechen und enthüllte Leiber lässt sich auch im Hochsommer spannend erzählen. Die grelle Unterhaltung verdrängt die seriöse.
oder ganz aufs Land geschickt. Lagen die Sommerhäuser in der Nähe, fuhr der als Ernährer der Familie emsig tätige Patriarch an den Wochenenden hinaus. Je weiter die Sommerfrische vom Familienheim entfernt lag, desto häufiger nahmen sich auch die Väter einige Tage oder später gar einige Wochen frei.
Familien, die ihre Kinder nicht von eigenen
ijeses Medienphänomen führt zu einer D Zirkularität: Die Zampanos des öffentlichen Lebens machen Urlaub, weil alle Tragödien und Operetten in der Welt des Sports, des Theaters und der Politik erst nach der Sommerpause auf den Bühnen zurückerwartet werden. Das Sommerloch entsteht, weil sich so viele auf ein Sommerloch eingerichtet haben. Manche treibt der Entzug zu hektischer Betriebsamkeit in die Fremde. Entstanden ist das Sommerloch im Zuge einer freundlichen Entwicklung. War es im 19. Jahrhundert in den Städten zu heiß und zu staubig, wurden die Ehefrauen und die Kinder mitsamt ihren Kindermädchen und einiger Dienstboten aus der Stadt in die Sommerhäuser
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Lehrern unterrichten lassen konnten, waren auf eine gemeinsame Ferienzeit angewiesen. Die sommerliche Auszeit wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einer Erscheinung, die fast alle Schichten der Bevölkerung erfasste und entsprechende Ferien- und Reisekulturen entstehen ließ. Das Privileg wurde im großmaßstäblich organisierten Urlaubs- und Erlebnistaumel, der dem steigenden Wohlstand der Bevölkerung folgte, zu einem Massenphänomen.
Jenseits dieses Taumels bleibt die gepflegte Muße ein Privileg jener, die das Sommerloch als Abwesenheit der öffentlichen Ereignisse erfahren. Noch andere träumen davon, konzentriert und kontinuierlich endlich jene Aufsätze fertigstellen zu können, für die in den betriebsamen Wochen und Monaten davor keine Zeit war.
Erhard Stölting
Portal 7-9/02
Erhard Stölting bekleidet die Professur für Allgemeine
Soziologie an der
Universität Potsdam.
Foto: Fritze