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(1.1.2019) 07
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Mit dem Sommerloch arrangiert

Die sommerliche Auszeit wurde im 20. Jahrhundert zum Massenphänomen

Nicht nur die Theater schließen in den.heißen Sommermonaten, auch in den Sitzungssälen der Landtage herrscht gähnende Leere.

Foto: Tribukeit

Sommerloch- Das Wort lässt an die behagliche Langeweile heißer Tage denken. Das Sommerloch selbst besteht ja zunächst aus einem Mangel an den üblichen Nachrichten über wichtige Ereignisse: Die Bundesliga und das Parlament setzen aus, weil die Sportler und die Politiker in den Ferien sind; die meisten Theater bleiben geschlossen. Haben die Chef­redakteure sonst den Grabenkrieg ihrer Redakteure um die Platzierung ihrer Berichte zu pazifizieren, so sind sie nun händeringend auf der Suche nach Neuigkeiten, die die Sensationslust des gehobenen Publikums befriedigen. Natürlich ist die bunte Presse weniger betroffen: Über neue Verbrechen und enthüllte Leiber lässt sich auch im Hochsommer spannend erzählen. Die grelle Unterhaltung verdrängt die seriöse.

oder ganz aufs Land geschickt. Lagen die Som­merhäuser in der Nähe, fuhr der als Ernährer der Familie emsig tätige Patriarch an den Wochenen­den hinaus. Je weiter die Sommerfrische vom Familienheim entfernt lag, desto häufiger nah­men sich auch die Väter einige Tage oder später gar einige Wochen frei.

Familien, die ihre Kinder nicht von eigenen

ijeses Medienphänomen führt zu einer D Zirkularität: Die Zampanos des öffent­lichen Lebens machen Urlaub, weil alle Tragödien und Operetten in der Welt des Sports, des Theaters und der Politik erst nach der Som­merpause auf den Bühnen zurückerwartet wer­den. Das Sommerloch entsteht, weil sich so vie­le auf ein Sommerloch eingerichtet haben. Man­che treibt der Entzug zu hektischer Betriebsam­keit in die Fremde. Entstanden ist das Sommerloch im Zuge einer freundlichen Entwicklung. War es im 19. Jahrhundert in den Städten zu heiß und zu staubig, wurden die Ehefrauen und die Kinder mitsamt ihren Kindermädchen und einiger Dienstboten aus der Stadt in die Sommerhäuser

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Lehrern unterrichten lassen konnten, waren auf eine gemeinsame Ferienzeit angewiesen. Die sommerliche Auszeit wurde im Laufe des 20. Jahrhunderts zu einer Erscheinung, die fast alle Schichten der Bevölkerung erfasste und ent­sprechende Ferien- und Reisekulturen entstehen ließ. Das Privileg wurde im großmaßstäblich organisierten Urlaubs- und Erlebnistaumel, der dem steigenden Wohlstand der Bevölkerung folgte, zu einem Massenphänomen.

Jenseits dieses Taumels bleibt die gepflegte Muße ein Privileg jener, die das Sommerloch als Abwesenheit der öffentlichen Ereignisse erfah­ren. Noch andere träumen davon, konzentriert und kontinuierlich endlich jene Aufsätze fertig­stellen zu können, für die in den betriebsamen Wochen und Monaten davor keine Zeit war.

Erhard Stölting

Portal 7-9/02

Erhard Stölting bekleidet die Professur für Allgemeine

Soziologie an der

Universität Potsdam.

Foto: Fritze