Heft 
(1.1.2019) 07
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Was nicht im Gepäck fehlen sollte

Lesetipps von Helmut Peitsch

Urlaubszeit ist bekanntlich nicht nur Reisezeit. Nein, sie ist auch Lesezeit. Doch was sollte im Jahr 2002 unbedingt im Gepäck verstaut werden? Die Auswahl in den Buchhandlungen und Biblio­theken ist schließlich riesengroß. Deshalb bat die Redaktion vonPortal Prof. Dr. Helmut Peitsch aus dem Institut für Germanistik um einige Lese­tipps. Er hat sich für zwei neuere und zwei ältere Titel, jeweils ein Mix von eher leicht, aber nicht seicht, und eher ernst, aber nicht langweilig ent­schieden.

= imm mich mit der am Leipziger Lite­

raturinstitut entstandene Gemein­1 schaftsroman der Westdeutschen Anke Stelling und des Ostdeutschen Robby Dannen­berg ist nicht nur eine flott geschriebene, die Perspektiven Ost/West, Frau/Mann wechselnde Geschichte einer Beziehung, sondern fordert durch die Dichte der Milieubeschreibungen unaufdringlich zum Nachdenken über Lebens­perspektiven in der Nachwendegesellschaft auf. In die hiervon unberührt scheinende- west­deutsche Provinz, in eine hessische Kleinstadt, führt Andreas MaiersWäldchestag. Vorausge­setzt, man lässt sich auf die konsequent durch­gehaltene indirekte Rede ein, gewinnt man nach und nach, indem die verschiedenen Beteiligten einer Beerdigung und Testamentseröffnung übereinander vom Pfingstsonntag bis zum tra­ditionellen Volksfest am Dienstag, dem Wäld­chestag eben, berichten, ein beklemmendes Gesellschaftspanorama. Nicht zuletzt, weil die Übergänge von der Sicht der einen zur anderen Figur verschliffen werden.

Angesichts heftiger Versuche, einen Kanon deutscher Literatur festzuschreiben, möchte ich an zwei Romane erinnern, die es weder in der BRD, noch in der DDR- aus unterschiedlichen Gründen auf die Lektürelisten der Schulen und Universitäten gebracht haben. Und das, obwohl ihre Verfasser zeitweise so Theodor Plievier im Westen während des frühen Kalten Kriegs oder dauerhaft so Bertolt Brecht nach Anfangs­schwierigkeiten im Osten- Prominenz besaßen. Der Dreigroschenroman Brechts von 1934 scheint mir in Zeiten neoliberaler Deregulierung an Aktualität gewonnen zu haben, wie vielleicht schon das folgende Zitat aus der Predigt eines Bischofs über einenationalen Katastrophe

Portal 7-9/02

Helmut Peitsch bekleidet ım Institut für Germa­

nistik die Professur für Neuere deutsche Litera­tur(19. und 20. Jahr­hundert).

Foto: Fritze

zeigt. Denn es geht um das BibelwortWer da hat, dem wird gegeben werden:Meine Freun­de, es gibt von allen Vorgängen des Lebens, und das Leben besteht aus Vorgängen, ein Vorn und ein Hinten. Es gibt die Vordergründe eines Ereig­nisses, wie zum Beispiel unserer Schiffskatastro­phe, und es gibt die Hintergründe. Und es gibt Leute, die sehen das Vorn, aber sie sehen nicht das Hinten. Die Hintergründe aber sind recht eigentlich das Wichtigste; nur wer sie kennt, kennt das Leben. Brechts Ironie, die die Lektü­re zum Vergnügen macht, kann nicht immer ver­hindern, dass einem das Lachen im Halse ste­ckenbleibt. Plieviers RomanStalingrad ist mei­ner Meinung nach aus zwei Gründen ein ganz außerordentliches Buch über den Zweiten Welt­krieg: Es kommt aus ohne die Schilderung von so genannten Kampfhandlungen, in denen der

Leser zum Komplizen des Tötens wird, und es zeigt Menschen, die unter dem Krieg leiden, ohne ihre Mitverantwortung zu vertuschen. Des­halb, finde ich, sollte es in Zeiten, wo Krieg wie­der als Fortsetzung der Politik mit anderen Mit­teln propagiert wird, erneut gelesen werden.

Nicht nur ein Sommer­

Problem: Mitunter muss

man auch das lesen, was

eigentlich nicht auf der eigenen Hit-Liste steht.

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