Titel
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Was nicht im Gepäck fehlen sollte
Lesetipps von Helmut Peitsch
Urlaubszeit ist bekanntlich nicht nur Reisezeit. Nein, sie ist auch Lesezeit. Doch was sollte im Jahr 2002 unbedingt im Gepäck verstaut werden? Die Auswahl in den Buchhandlungen und Bibliotheken ist schließlich riesengroß. Deshalb bat die Redaktion von„Portal“ Prof. Dr. Helmut Peitsch aus dem Institut für Germanistik um einige Lesetipps. Er hat sich für zwei neuere und zwei ältere Titel, jeweils ein Mix von eher leicht, aber nicht seicht, und eher ernst, aber nicht langweilig entschieden.
= imm mich mit“— der am Leipziger Lite
raturinstitut entstandene Gemein1 schaftsroman der Westdeutschen Anke Stelling und des Ostdeutschen Robby Dannenberg— ist nicht nur eine flott geschriebene, die Perspektiven Ost/West, Frau/Mann wechselnde Geschichte einer Beziehung, sondern fordert durch die Dichte der Milieubeschreibungen unaufdringlich zum Nachdenken über Lebensperspektiven in der Nachwendegesellschaft auf. In die— hiervon unberührt scheinende- westdeutsche Provinz, in eine hessische Kleinstadt, führt Andreas Maiers„Wäldchestag“. Vorausgesetzt, man lässt sich auf die konsequent durchgehaltene indirekte Rede ein, gewinnt man nach und nach, indem die verschiedenen Beteiligten einer Beerdigung und Testamentseröffnung übereinander vom Pfingstsonntag bis zum traditionellen Volksfest am Dienstag, dem Wäldchestag eben, berichten, ein beklemmendes Gesellschaftspanorama. Nicht zuletzt, weil die Übergänge von der Sicht der einen zur anderen Figur verschliffen werden.
Angesichts heftiger Versuche, einen Kanon deutscher Literatur festzuschreiben, möchte ich an zwei Romane erinnern, die es weder in der BRD, noch in der DDR- aus unterschiedlichen Gründen— auf die Lektürelisten der Schulen und Universitäten gebracht haben. Und das, obwohl ihre Verfasser zeitweise— so Theodor Plievier im Westen während des frühen Kalten Kriegs— oder dauerhaft— so Bertolt Brecht nach Anfangsschwierigkeiten im Osten- Prominenz besaßen. „Der Dreigroschenroman“ Brechts von 1934 scheint mir in Zeiten neoliberaler Deregulierung an Aktualität gewonnen zu haben, wie vielleicht schon das folgende Zitat aus der Predigt eines Bischofs über eine„nationalen Katastrophe“
Portal 7-9/02
Helmut Peitsch bekleidet ım Institut für Germa
nistik die Professur für Neuere deutsche Literatur(19. und 20. Jahrhundert).
Foto: Fritze
zeigt. Denn es geht um das Bibelwort„Wer da hat, dem wird gegeben werden“:„Meine Freunde, es gibt von allen Vorgängen des Lebens, und das Leben besteht aus Vorgängen, ein Vorn und ein Hinten. Es gibt die Vordergründe eines Ereignisses, wie zum Beispiel unserer Schiffskatastrophe, und es gibt die Hintergründe. Und es gibt Leute, die sehen das Vorn, aber sie sehen nicht das Hinten. Die Hintergründe aber sind recht eigentlich das Wichtigste; nur wer sie kennt, kennt das Leben.“ Brechts Ironie, die die Lektüre zum Vergnügen macht, kann nicht immer verhindern, dass einem das Lachen im Halse steckenbleibt. Plieviers Roman„Stalingrad“ ist meiner Meinung nach aus zwei Gründen ein ganz außerordentliches Buch über den Zweiten Weltkrieg: Es kommt aus ohne die Schilderung von so genannten Kampfhandlungen, in denen der
Leser zum Komplizen des Tötens wird, und es zeigt Menschen, die unter dem Krieg leiden, ohne ihre Mitverantwortung zu vertuschen. Deshalb, finde ich, sollte es in Zeiten, wo Krieg wieder als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln propagiert wird, erneut gelesen werden.
Nicht nur ein Sommer
Problem: Mitunter muss
man auch das lesen, was
eigentlich nicht auf der eigenen Hit-Liste steht.
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