Titel
www.uni-potsdam.de/portal/dezo2/titel
Von der Daseinsvorsorge zur Kundenorientierung
Kommunale Unternehmen zwischen Markt und Politik
Nicht nur Bahn und Post sind privatisiert worden, auch auf kommunaler Ebene schreitet die „Deregulierung der Märkte“ kontinuierlich fort. Diese Entwicklung kann trotz der Vorteile für die „Kunden“ auch Nachteile für den„Bürger“ bringen. Dies zeigt eine im letzten Jahr abgeschlossene DFG-Studie der Professoren Thomas Edeling, Erhard Stölting und Dieter Wagner zum Wandel kommunaler Unternehmen am Beispiel der Stadtwerke.
nisierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts
übernehmen in Deutschland die Städte und Gemeinden Aufgaben der„Daseinsvorsorge“ auf den Gebieten der Energie- und Wasserversorgung, des Nahverkehrs oder der Entsorgung. Kommunale Wirtschaftstätigkeit wird zum Instrument der städtischen Selbstverwaltung und versetzt Städte und Gemeinden in die Lage, lokale Aufgaben unabhängig vom Zentralstaat selbst in die Hand zu nehmen und im öffentlichen Interesse zu übernehmen. Die Bindung an ein öffentliches Interesse legitimiert bis auf den heutigen Tag die wirtschaftliche Tätigkeit der Kommunen.
Inzwischen hat die Deregulierung der meisten europäischen Energiemärkte die tradierte Stellung kommunaler Unternehmen als lokale Versorgungsmonopole aufgebrochen. Die damit einhergehende Öffnung zum Markt zwingt die
IE Prozess der Industrialisierung und Urba
20
%
Wandel kommunaler
Unternehmen— Nachteile für den Bürger?
Foto: Pösl
städtischen Betriebe, sich gleich privaten Unternehmen im Wettbewerb zu behaupten und öffentliche Interessen zunehmend aus einer wirt
schaftlichen und immer weni
ger aus einer politischen Perspektive zu berücksichtigen. Der Gewinn an wirtschaftlicher Rationalität und die Angleichung° kommunaler Unternehmen an privatwirtschaftliche Vorbilder untergraben aber gerade die Basis, die kommunales Wirtschaften legitimiert,
zunehmende
die Bindung an ein öffentliches Interesse.
Die Grenzen zwischen öffentlicher und privater Wirtschaft sind brüchig geworden. Spektakuläre Privatisierungen- Bahn und Post auf der Bundesebene, der Verkauf des„Tafelsilbers“ auf der Ebene der Kommunen— markieren nur den Abschluss eines Prozesses, der sich unter der Hand längst vorbereitet hat, die Übertragung öffentlicher Aufgaben an privatwirtschaftliche Unternehmen. Für den Einzelnen als„Kunden“ erweist sich die Privatisierung in Gestalt größerer Wahlmöglichkeiten oder sinkender Preise oft als Vorteil. Für den Einzelnen als„Bürger“ bleibt das Ergebnis problematisch, denn es verringert seine Chance, öffentliche Interessen, der Stadtentwicklung, der Infrastruktur, der Ökologie, in Stadt und Region politisch zur Geltung zu bringen. Die Analyse mündet so in eine neue Fragestellung, nämlich: Welches öffentliche Interesse rechtfertigt heute kommunale Wirtschaftstätigkeit, und wie wird dieses öffentliche Interesse im politischen Prozess artikuliert und durchgesetzt?
Thomas Edeling
Übergreifendes Forum
WE Anteil der Stadtwerke
A
Der Beitrag der Stadtwerke zur Energie- und Wasserversorgung in Deutschland
Thomas Edeling ist Pro
fessor für Organisationsund Verwaltungssoziologie an der Wirtschaftsund Sozialwissenschaftlichen Fakultät.
Das Potsdamer Organisationswissenschaftliche Seminar ist ein disziplinübergreifendes wissenschaftliches Forum, das seit 1996 alljährlich Politikund Verwaltungswissenschaftler, Soziologen und Betriebswirte unterschiedlicher wissenschaftlicher Schulen zu Diskussionen über theoretische und praktische Fragestellungen der Organisationstheorie und Organisationsfor
schung an der Potsdamer Universität versammelt.
Portal 11-12/02
Red.
Foto: Fritze