Heft 
(1.1.2019) 11
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Ein Paradies mit Kratzern

Jörg Assmus lebt, lehrt und forscht in Norwegen

Genießt es, in Norwegen fast ohne bürokratischen Ballast lehren und forschen zu können: Jörg Assmus.

Norwegen und die Mathematik haben es dem Ehemaligen Jörg Assmus angetan. Der 32-Jährige machte 1998 sein Diplom in diesem Fach an der Universität Potsdam. Ganz nach dem Motto wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg, arbeitet er heu­te am Institut für Mathematik der norwegischen Universität Bergen. Über Land, Leute und seine Zukunft unterhielt sich Dr. Barbara Eckardt mit Jörg Assmus.

Sie haben alles daran gesetzt, in Ihr Traumland Norwegen zu kommen. Sie haben die Sprache gelernt, waren Austauschstudent und arbeiten seit einem Jahr als Stipendiat an der renom­mierten Universität Bergen. Was fasziniert Sie an diesem Land?

Assmus: Sicher war ich vor dem Austauschauf­enthalt 1995/96 bereit, einiges in Bewegung zu setzen, um in Norwegen zu studieren. Dank Prof Dr. Heinz Junek aus dem Institut für Mathematik der Uni Potsdam war aber nur ein geringer Krafteinsatz notwendig. Wenn man als Tourist in Norwegen ist und sich vornehmlich in den Bergen bewegt, bekommt man den Ein­druck, dass es sich bei diesem Land wohl um das Paradies handeln muss, zugegeben, ein teu­res Paradies. Wunderbare Landschaften, freundliche Menschen, alles funktioniert bis hin zu gentleman agreements, die in Deutsch­land nur schwer vorstellbar wären. Also wollte ich wissen, ob es tatsächlich das Paradies ist.

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Dieser Eindruck wurde für mich als Austausch­student keineswegs zerstört, wenn auch das Paradies einige kräftige Kratzer bekam. Aller­dings steht man als ERASMUS-Student unter Naturschutz und wird kaum mit den Unbilden des Alltags konfrontiert. Als dann die Stipendi­atenstelle lockte, hatte gewiss auch das Gehalt einen gewissen korrumpierenden Einfluss.

Hat sich Ihr Alltagsleben verändert? Wie ist der Kontakt zu Kollegen, Nachbarn?

Assmus: Natürlich ist es eine Umstellung, in einem anderen Land zu leben. Nichtsdestotrotz isst man jeden Tag, die Sonne geht auf und unter. Wie in Deutschland. Und wie in Deutschland ist es nicht das Paradies. Manche Dinge sind leichter, was in einigen Fällen mit dem Gehalt zu tun hat. Ich ertrage auch mit Fassung, dass man nicht für jede Kleinigkeit, Berge von Formularen ausfüllen muss. Andere Dinge sind schwerer. Ich habe in Potsdam einen Freundeskreis zurückgelassen, den ich als einen der größten Glücksfälle in meinem Leben betrachte. Etwas vergleichbares aufzu­bauen, wird mir hier kaum gelingen, auch wenn ich viele sehr angenehme Menschen, zum Beispiel meine Kollegen, kennen gelernt habe. Mein Alltag wurde nicht zuletzt durch die Frau verändert, mit der ich jetzt zusammen wohne und dies wohl noch ein Weilchen tun werde.

Alumni

www.uni-potsdam.de/portal/dezo2/alumni

Sie haben inzwischen einen Einblick in den 8 Lehr- und Forschungsbetrieb der Uni Bergen . gewonnen. Welche Unterschiede im Hoch­

schulbereich erleben Sie im Vergleich zum

deutschen System?

Assmus: Im Gegensatz zu Potsdam, wo man

dabei ist, direkt von der Gründungs- in die

Abbauphase zu wechseln, gibt es hier eingefah­

rene Gleise, weil viele Dinge schon immer so

gemacht wurden. Die müssen nicht neu erfun­den werden, es gibt ein Regal, wo alles liegt.

Das wird sich vermutlich bald ändern, weil man

auch in Norwegen mittlerweile lernt, das Wort

Haushaltskürzung zu buchstabieren. Ein

gewaltiger Unterschied in der Lehre besteht

darin, dass die Studenten zu Semesterbeginn eine Pensumliste bekommen, die zum Semes­terende in recht umfangreichen Prüfungen, vier bis acht Stunden Klausur, getestet wird. Ein Zweitprüfer von einer anderen Einrichtung ist immer dabei. Ein sehr aufwendiges System, dass eine gute Vergleichbarkeit herstellt, aber . auch zum Aufgabendrill einlädt. Das Niveau scheint mir niedriger zu sein als in Deutsch­land. In der Forschung ist es sehr angenehm, dass man weitestgehend von administrativen

Aufgaben verschont bleibt. Die meisten dieser

Dinge laufen mit einer wohltuenden Selbstver­

ständlichkeit ab, die ich bisher noch nicht kann­

te.

Werden Sie in Norwegen bleiben? Was möch­ten Sie beruflich noch erreichen?

Assmus: Die erste Frage ist mittlerweile nicht mehr nur meine Sache und unbeantwortet. Es gibt ausreichend offene Fragen, die ein erfüll­tes Arbeitsleben in der Forschung zulassen. Wo die dazu notwendigen Brötchen herkommen werden, weiß ich noch nicht.

Hat sich Ihr Blick auf Ihr Heimatland Deutsch­land aus der Ferne verändert?

Assmus: Ich habe mit Erstaunen festgestellt, dass ich deutscher bin als ich dachte. Das aller­dings hier erschöpfend zu erklären, würde ver­mutlich den Rahmen sprengen. Außerdem sind diese Gedanken, vorsichtig formuliert, noch nicht ganz ausgegoren.

Vielen Dank für das Gespräch.

Portal 11-12/02