Heft 
(1.1.2019) 11
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Verführung

und Kaufrausch

Eine Weihnachtslektüre: Emile ZolasParadies der Damen

Hüben und drüben: Der Kaufrausch als Autonomie des Schauens und Begehrens.

Au Bonheur des Dames,Das Paradies der Damen ist ein Roman über das, was Frauen glücklich macht: nicht etwa die große Liebe, beruflicher Erfolg oder wohlgeratene Kinder. Aus der Perspektive Emile Zolas(1840 bis 1902), des unbestechlich-nüchternen und zugleich sentimen­talen Chronisten des 19. Jahrhunderts, besteht weibliches Glück- im Kaufrausch.

aufrausch: nicht von ungefähr hat das Ken einen erotischen Beiklang; es lässt n Ekstase, Hingebung, selige Selbstver­gessenheit denken. Und genau darum geht es: um die alles durchdringende Erotik des Begeh­rens und der Verführung- nicht durch andere Menschen, sondern durch Gegenstände, die man sehen, berühren, anziehen, kaufen und für immer besitzen kann; durch Objekte, die ein anderes Leben, eine andere Identität ver­

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sprechen und dieses Versprechen so regelmäßig brechen wie sie es erneuern. Die Warenhäuser waren im 19. Jahrhundert, sie sind auch heute noch, Orte, in denen sich die Schaulust entfal­ten konnte und geschickt in Begehrlichkeit umgeleitet wurde. War bürgerlichen Frauen in der herrschenden Geschlechterökonomie das aktive Schauen untersagt, Frauen werden ange­schaut, so durften sie hier nach Herzenslust schauen, denn die Objekte ihrer Blicke waren nicht lebende(männliche) Menschen, sondern leblose Gegenstände. Diese werden mit Gefüh­len aufgeladen und so präsentiert, dass die Kun­din nicht einfach einen Teppich kauft, der in ihre Wohnung passt, sondern ein märchenhaftes Stück aus1001 Nacht. Der tatsächliche Nutzen der Objekte wird verschleiert. So funktioniert Werbung ja heute noch.

Emile Zola starb vor 100 Jahren. Seine Beschreibung der damals noch neuen Institu­

Foto: unicom-picture.de

Vermischtes

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tion Warenhaus und seine scharfsinnige Analy­se der Verführung durch den Konsum hat bis heute seine Aktualität nicht verloren. Es ist vor allem die Mode, die zum Kaufrausch verführt; die Mode, die wir unmittelbar auf dem Körper tragen, die eins mit uns wird die Mode, die mindestens zweimal im Jahr wechselt und genauso oft das Versprechen erneuert, dass wir eine andere oder doch zumindest interessanter oder schöner sein können, wenn wir dieses Kleid, jenen Schal besitzen. Mit etwas Pech hat die Neuerwerbung schon am nächsten Tag ihren Zauber verloren und ist nur noch toter Gegen­stand wie tausend andere auch. Aber da das Kleid, der Schal, die Bluse..., den unvergleich­lichen Zauber einmal besessen hat, haftet ihm trotz der unvermeidlichen Enttäuschung die Erinnerung an dieses einstige Versprechen noch immer an.

Konsum ist, wie der französische Philosoph und Soziologe Michel de Certeau behauptet, nicht nur passive, erzwungene Reaktion, sondern kann eine kulturelle Aktivität sein, durch die Ver­braucher ihre eigenen Listen und Finten entwi­ckeln und die herrschenden Gesetzein die Öko­nomie ihrer eigenen Interessen und Regeln umfrisieren. Dieses Potenzial besitzt er für den Romancier des späten 19. Jahrhunderts noch nicht. Uns aber ermöglicht diese moderne Erkenntnis, Zolas Roman in einer etwas ande­ren Perspektive zu lesen: als Chance der bürger­lichen Frauen des 19. Jahrhunderts, im Konsum und sei es nur für Momente, eine Autonomie des Schauens, Begehrens, Sich-Selbst-Entwerfens zu entdecken, die sie aus der Abhängigkeit von den Blicken und vom Begehren des ANDEREN zu befreien vermag. Prof. Dr. Gertrud Lehnert Institut für Künste und Medien

Emile Zolas Warenhausroman ist eine wunder­bare Lektüre zur Weihnachtszeit und jetzt auch wieder in deutscher Übersetzung erhältlich: Das Paradies der Damen, übersetzt von Hilda Westphal, mit einem Nachwort von Gertrud Lehnert, Berlin, edition ebersbach 2002.

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