Männer als
Ressourcenverschwendung?
Evolutionsbiologe Ralph Tiedemann widmete seine Antrittsvorlesung der Sexualität
Beim„richtigen“ Thema sind selbst relativ große Hörsäle derart überfüllt, dass in noch größere ausgewichen werden muss. So geschehen bei der Antrittsvorlesung Ralph Tiedemanns(40), seit April vergangenen Jahres Professor für Evolutionsbiologie und spezielle Zoologie.„Wie(un)wichtig sind Männer?“ fragte der„Neue“ am Institut für Biochemie und Biologie- natürlich im streng evolutionsbiologischen Kontext, aber eben deshalb auch mit Bezug zu den Menschen. Wohl kaum wurde in einer Antrittsvorlesung je so gelacht, und selten dürfte es am Schluss so herzlichen Beifall gegeben haben.
alph Tiedemanns Kompetenz ist unbeReiten Immerhin hat er von 1982 bis 1990 acht Jahre lang an den Universitäten Kiel und Reykjavik Biologie studiert. In sei
ner 1994 verteidigten Dissertation ging es um Populationsgenetik von Enten- und Watvögeln
Ralph Tiedemann: 1:1 hat Vorteile.
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und bei seiner Habilitation Ende der neunziger Jahre trieb es ihn im Rahmen von Wirbeltieruntersuchungen sogar bis zu den Elefanten nach Sri Lanka. Heute forscht Tiedemann auf Gebieten wie dem der genetischen Erfassung der biologischen Vielfalt, der Evolution des Immunsystems und- wie vom Vorlesungsthema her nicht anders zu erwarten- dem der sexuellen Selektion.
Warum gibt es eigentlich in der Tierwelt eine annähernd gleiche Zahl von Männchen und Weibchen, obwohl doch wenige Männchen ausreichen würden, die jeweilige Population zu erhalten? Ist das nicht eine gewaltige Ressourcenverschwendung? In Tierherden dominiert sowieso das weibliche Element. Männliche Tiere laufen oft allein und kümmern sich nicht um den Nachwuchs. Der Referent machte dann eine Rechnung auf, die dem Verschwendungsgedan
ken weitere Nahrung gab:„Stellen Sie sich eine
Foto: Fritze
Forschung
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Situation vor, in der jedes Weibchen zwei Weibchen erzeugt. Dann haben Sie in jeder Generation eine Verdoppelung der Population. In einer Population, wo Männchen und Weibchen erzeugt werden, haben Sie hingegen eine lineare Dynamik, also es wird immer nur praktisch diese Population aufrecht erhalten.“ Auch mache die Natur selbst vor, dass Fortpflanzung entweder ganz ohne Männchen oder in Bezug auf das männliche Geschlecht sehr ressourcesparend möglich ist.
Tiedemann brachte dazu Beispiele von sich einfach teilenden Bakterien und Ringelwürmern bis zu Rädertierchen, deren Keimzellen nicht unbedingt befruchtet werden müssen. Kraken und Igelwürmer würden sich zwar zweigeschlechtlich vermehren, gingen aber mit dem männlichen Anteil sehr sparsam um. Ein zwei Meter langer weiblicher Krake kommt mit einem 2.4 Zentimeter„kurzen“, nur ein Viertel Gramm wiegenden Männchen aus. Ähnlich verhält es sich bei einem Igelwurm. Sogar Elefantenherden kommen mit dem durch Elfenbeinjagd stark „verdünnten“ Angebot an männlichen Tieren aus.
Doch hält der Sexualselektionsforscher durchaus viel vom ı:1-Verhältnis Männchen zu Weibchen. Schließlich ist für eine„gesunde“ Fortpflanzung im Sinne der Gewährleistung genetischer Vielfalt und Evolutionsstabilität sexuelle Selektion notwendig, und die ist nur bei Vorhandensein vieler männlicher Vertreter optimal. Die Weibchen können dann sehr differenziert nach Konditionsmerkmalen des männlichen Geschlechts auswählen. Das tun sie auch permanent. Elefantenweibchen wählen eben„Männer“ mit Stoßzähnen, Eiderentenweibchen bleiben nur dann über Jahre hinweg beim gleichen Partner, wenn dieser sich vorbildlich um den Nachwuchs kümmert. Sie stehen also auf„gute Väter“. Und die von den menschlichen Weibchen bevorzugten Konditionskriterien sind ja bekannt. Das reicht bis zum Einkommen... ak
Prof. Dr. Ralph Tiedemann ist im Institut für Biochemie und Biologie unter
Tel.: 0331/977-5249 oder per E-Mail: tiedeman@rz.uni-potsdam.de zu erreichen.
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