Vermischtes
damit längst nicht alle Ortsbestimmungen gemacht, aber einige Höhepunkte benannt. Was Orientierung gab, war das Spannungsfeld zwischen Puppe/Figur und Mensch. Etwa jede dritte Vorstellung umkreiste das Begriffspaar Belebt/Unbelebt und thematisierte damit wie von selbst ein anderes, nämlich Leben und Tod. Wo heute kaum noch eine Inszenierung auf Leinwandbilder, Live-Kamerafahrten oder Projektionen per Mausklick auskommt, zeigten sich die Arbeiten von ihren theatralischen Mitteln insgesamt eher archetypisch. Das so genannte Life-Stile-Theater mit seinen Pop-Posen ließ Unidram nie außen vor, präferiert hat es das nie, sondern immer als Teil eines vielfältigen Spektrums präsentiert. Auch in diesem Jahr war dies nicht
anders.
Was also lag sonst noch am Wege? Goethe in der Tradition barocken Gassentheaters im Bauch eines Kinderwagens, zu sehen nur durch eine Vergrößerungslinse, verspielte Körperinstallationen und anarchisches Variete in weißen Kabinen oder Heiner Müller in einem kargen Rund aus dreißig Stühlen, streng und kühl. Neben vielen Neuentdeckungen erinnerte sich das diesjährige Festival an seine frühen Jahre und holte Gruppen aus der Anfangszeit nochmals zurück. Künstlerische Arbeitsprozesse und Entwicklungen über einen längeren Zeitraum zu verfolgen, war immer ein wesentliches Unidram-Signum. Für die ein oder andere Gruppe war Unidram das Sprungbrett, um international bekannt zu werden. Apropos Erinnerung: Eine Fotoausstellung mit großformatigen Bildern des Potsdamer Fotografen Göran Gnaudschun in den Potsdamer Bahnhofspassagen, organisiert von Studierenden des Studiengangs Kulturarbeit der Fachhochschule Potsdam, ließ zehn Jahre Unidram noch einmal vorüberziehen. Das Filmmuseum gratulierte mit einer osteuropäischen Filmreihe. Und dann war da vor allem St. Petersburg: Am Anfang, am Ende, Petersburg auch zwischendurch— mit gleich vier Gruppen gönnte Unidram seinen Zuschauern so etwas wie eine kleine Hommage an die dortige vitale Theaterszene,
der man im Laufe der Jahre nicht nur so manches Staunen verdankt, sondern auch ein Stück weit ästhetische Profilierung des Festivals insgesamt. Wenngleich mittlerweile Gruppen aus fast allen Ländern Osteuropas Potsdam bereisten, es waren polnische und russische Compagnien, die quantitativ und qualitativ immer wieder neue Akzente setzten und den Anspruch der Organisatoren auf künstlerische Kontinuität und Integrität markant widerspiegelten. Russischer als in diesem Jahr jedenfalls war Unidram nie.
Zugleich aber schlich sich damit auch die Wehmut ein, die ja bekanntlich in Russland erfunden wurde. Im Waldschloss, dem so vertrauten wie gleichermaßen unvollkommenen Festivalzentrum, glaubte man schon so etwas wie eine leichte Aufbruchstimmung in Richtung Schiffbauergasse zu spüren; und das nicht nur mit Blick auf die einzelnen Programm
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Postal 5-7/93 jahr
punkte am sich entwickelnden Kulturstandort. Steht die Potsdamer Kulturpolitik zur ihrem Wort, wird der Theaterverein DeGater‘87 dort in Zukunft Quartier nehmen, die nächsten zehn Unidram werden folglich dort beginnen. Eine neue, wesentliche Verwandlung also steht an. Egal, wie sie aussehen mag, man wird das Festival wiedererkennen. tp