Heft 
(1.1.2019) 05
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Theater lebt von Verwandlung, das Osteuropä­isch-deutsche Festival Unidram mit seiner Veran­staltungsfülle ist permanente Verwandlung. Insge­samt über hundertfünfzig Mal hat es sich verwan­delt, die Maske gewechselt- so viele Vorstellungen präsentierte das Theatertreffen in der zurücklie­genden Dekade zwischen 1994 und 2003; zwei­undzwanzig waren es allein in diesem Jahr; mehr zeigte auch das Berliner Theatertreffen nicht.

y ehn Jahre Unidram das ist die Entste­hung eines der mittlerweile größten und bekanntesten Theaterfestivals der Neuen

Bundesländer aus dem Geist des Studententhe­aters; nicht erst mit diesem Jahr hat es sich inter­national einen Namen gemacht. Es ist die Ent­wicklung eines professionellen Standards, der immer auch einher geht mit einer als notwendig empfundenen und energisch verteidigten Improvisation. Weil sein Thema das Suchen und Entdecken ist, assoziiert man mit Unidram eine oft gefaltete, wieder und wieder ausgebreitete Landkarte, mit Neugier auf und Respekt vor den weißen Flecken; von Hochglanz keine Spur. Weil ein anderes Thema das Atmosphärische ist, lässt es sich beispielsweise ebenso gut als zusätzliche Jahreszeit, als Bahnhof, Baustelle oder Labyrinth beschreiben. Ein Event im marktschreierischen

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Sinne war es nie, stattdessen hat es immer auch ein Stück weit seine Intimität bewahrt. Die Liste seiner Förderer ist inzwischen lang; die, die sich fördern lassen und auf dem Festival spielen wol­len, immer länger. In diesem Jahr waren es über zweihundert Bewerbungen.

Das Festivaljahr 2003, erstmals im Hans Otto Theater eröffnet, begann mit einem Pauken­schlag: Mit circensischem Tanztheater großen Stils nach DantesGöttlicher Komödie schickte die international renommierte, aus St. Peters­burg stammende und in Dresden lebende Grup­pe Derevo(russisch: Baum) das Publikum ent­lang einer holpernden Drehbühne, mit fliegen­den Booten und viel Feuerwerk auf die zehntägi­ge theatralische Reise. Der geübte und ausdau­ernde Unidram-Besucher weiß, wer häufig die Richtung wechselt, muss nicht zwangsläufig vom Wege ab-, sondern kann viele Male irgend­wo ankommen, auch wenn er unwegsames Gelände durchquert und ihm unterwegs man­ches fremd bleibt. Auch beim Jubiläumsfestival waren die Genregrenzen zwischen Theater, Tanz, Performance und multimedialem Spektakel wie­der äußerst durchlässig. Weite und Offenheit im

Programm hieß immer die Devise der Veran­stalter, Nähe und Distanz dabei gleichermaßen suchend. Worte, die in ihrer kulturpolitischen Verwendung auch in den Ohren der Beauftrag­ten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Christina Weiss, bedeutungsvoll schie­nen. Die nämlich war erstmals Schirmherrin des Festivals, was nicht nur seine Etablierung unterstreicht, sondern auch, dass es mit seinem beharrlich-konzentrierten Blick nach Osteuropa seit zehn Jahren in Sachen Kulturaustausch Bemerkenswertes zu leisten vermag.

Dieser an Fernen erprobte Blick entdeckte bei­spielsweise einen an Stabpuppen geführten georgischen Faust oder eine expressiv-melan­cholisch getanzte Alkestis im norditalienischen Nago, er sah die skurrile Auferstehung eines Helden der Sowjetunion in einem Prager Figu­rentheater, dadaistische und mystische Stücke in Polen oder in Stuttgart, eine urkomische Far­ce, worin zwei Fellini-Clowns vergeblich auf Bill Gates warten, allmählich renitent werden und sämtliche Festplattenbauten gehörig ins Wan­ken bringen geographisch wie ästhetisch sind

Portal 5-7/03

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