Theater lebt von Verwandlung, das Osteuropäisch-deutsche Festival Unidram mit seiner Veranstaltungsfülle ist permanente Verwandlung. Insgesamt über hundertfünfzig Mal hat es sich verwandelt, die Maske gewechselt- so viele Vorstellungen präsentierte das Theatertreffen in der zurückliegenden Dekade zwischen 1994 und 2003; zweiundzwanzig waren es allein in diesem Jahr; mehr zeigte auch das Berliner Theatertreffen nicht.
y ehn Jahre Unidram— das ist die Entstehung eines der mittlerweile größten und bekanntesten Theaterfestivals der Neuen
Bundesländer aus dem Geist des Studententheaters; nicht erst mit diesem Jahr hat es sich international einen Namen gemacht. Es ist die Entwicklung eines professionellen Standards, der immer auch einher geht mit einer als notwendig empfundenen und energisch verteidigten Improvisation. Weil sein Thema das Suchen und Entdecken ist, assoziiert man mit Unidram eine oft gefaltete, wieder und wieder ausgebreitete Landkarte, mit Neugier auf und Respekt vor den weißen Flecken; von Hochglanz keine Spur. Weil ein anderes Thema das Atmosphärische ist, lässt es sich beispielsweise ebenso gut als zusätzliche Jahreszeit, als Bahnhof, Baustelle oder Labyrinth beschreiben. Ein Event im marktschreierischen
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Sinne war es nie, stattdessen hat es immer auch ein Stück weit seine Intimität bewahrt. Die Liste seiner Förderer ist inzwischen lang; die, die sich fördern lassen und auf dem Festival spielen wollen, immer länger. In diesem Jahr waren es über zweihundert Bewerbungen.
Das Festivaljahr 2003, erstmals im Hans Otto Theater eröffnet, begann mit einem Paukenschlag: Mit circensischem Tanztheater großen Stils nach Dantes„Göttlicher Komödie“ schickte die international renommierte, aus St. Petersburg stammende und in Dresden lebende Gruppe Derevo(russisch: Baum) das Publikum entlang einer holpernden Drehbühne, mit fliegenden Booten und viel Feuerwerk auf die zehntägige theatralische Reise. Der geübte und ausdauernde Unidram-Besucher weiß, wer häufig die Richtung wechselt, muss nicht zwangsläufig vom Wege ab-, sondern kann viele Male irgendwo ankommen, auch wenn er unwegsames Gelände durchquert und ihm unterwegs manches fremd bleibt. Auch beim Jubiläumsfestival waren die Genregrenzen zwischen Theater, Tanz, Performance und multimedialem Spektakel wieder äußerst durchlässig. Weite und Offenheit im
Programm hieß immer die Devise der Veranstalter, Nähe und Distanz dabei gleichermaßen suchend. Worte, die in ihrer kulturpolitischen Verwendung auch in den Ohren der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Christina Weiss, bedeutungsvoll schienen. Die nämlich war erstmals Schirmherrin des Festivals, was nicht nur seine Etablierung unterstreicht, sondern auch, dass es mit seinem beharrlich-konzentrierten Blick nach Osteuropa seit zehn Jahren in Sachen Kulturaustausch Bemerkenswertes zu leisten vermag.
Dieser an Fernen erprobte Blick entdeckte beispielsweise einen an Stabpuppen geführten georgischen Faust oder eine expressiv-melancholisch getanzte Alkestis im norditalienischen Nago, er sah die skurrile Auferstehung eines Helden der Sowjetunion in einem Prager Figurentheater, dadaistische und mystische Stücke in Polen oder in Stuttgart, eine urkomische Farce, worin zwei Fellini-Clowns vergeblich auf Bill Gates warten, allmählich renitent werden und sämtliche Festplattenbauten gehörig ins Wanken bringen— geographisch wie ästhetisch sind
Portal 5-7/03
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