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Einleitung
Die Methode beruht auf der Ausnutzung des sehr seltenen Phänomens des„ obligaten Kainismus“ beim Schreiadler( MEYBURG 1971, 2001). Wenn das jüngere Küken regelmäßig von seinem Geschwister getötet wird, spricht man von„ obligatem Geschwistermord". Dieses Phänomen, auf das der jahrzehntelange Schreiadlerbeobachter WENDLAND ( 1932, 1951, 1958) besonders hingewiesen hat, wird in Anlehnung an die alttestamentlichen Schriften als ,, Kainismus“ bezeichnet. In etwa zwei Dritteln aller Fälle legen Schreiadlerweibchen ein Gelege mit zwei Eiern. Das zweite Junge stirbt jedoch kurz nach dem Schlupf im Horst, ohne dass Nahrungsmangel eine Rolle spielt. Dies wird direkt oder indirekt durch das 2 bis 5 Tage ältere erste Küken verursacht. In Brandenburg ist bisher kein einziger Fall bekannt, bei dem zwei Jungadler flügge wurden. Die biologische Bedeutung dieses Phänomens ist umstritten. Dieser obligate Geschwistermord" fasziniert seit Jahrzehnten Forscher, die versuchen, eine evolutionär zufriedenstellende Erklärung für dieses extreme Verhalten zu finden( z. B. MORANDINI& FERRER
Otis 31( 2024)
2015). Im Allgemeinen werden zwei Theorien diskutiert: Die erste Theorie geht davon aus, dass sich der Schreiadler evolutionär in einem Stadium zwischen Ein- Ei- und Zwei- Ei- Gelegen befindet. Einige Arten, wie bspw. der in Deutschland als Brutvogel ausgestorbene Schlangenadler Circaetus gallicus legen immer nur ein Ei. Die zweite Theorie besagt, dass das zweite Ei als Reserve dient, falls aus dem ersten Ei kein Junges schlüpft oder dieses aus irgendeinem Grund vorzeitig im Nest stirbt.
Weltweit gibt es zahlreiche Projekte, um den Bestand bedrohter Greifvogelarten zu erhalten oder sie in Gebieten wieder anzusiedeln, in denen sie bereits ausgestorben sind. Dabei werden in der Regel Jungvögel aus Nestern mit mehr als einem Jungvogel entnommen, weiter aufgezogen und an anderer Stelle ausgewildert. Beispiele hierfür sind die Wiederansiedlung des Seeadlers Haliaeetus albicilla in Großbritannien und Irland oder die Umsiedelung von Rotmilanen Milvus milvus , vor allem aus Deutschland und Spanien , nach Großbritannien , wo die Art bis auf einen kleinen Restbestand in Wales ausgestorben war. Auch der Fischadler Pandion haliaetus wurde z. B. in eini
Abb. 1: Aufzucht des überlebenden Cains durch das Weibchen. Foto: P. Wernicke.
The female rears the surviving Cain.