Heft 
(2024) 31
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Meyburg: Jungvogelmanagement beim Schreiadler

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Abb. 4: Bis 2022 wurden die jungen Schreiadler zunächst in Polen zwei Wochen lang aufgezogen, hier 1922 von Michael Schulze und Bernd Meyburg im Zoo Zamość . Ab 2023 wurden Eier kurz vor dem Schlüpfen nach Branden­ burg gebracht. Durch die Kopfmaske wurde eine Fehlprägung auf den Menschen verhindert. Foto: B.-U. Meyburg. Until 2022, the young lesser spotted eagles were initially raised in Poland for two weeks, here in 1922 by Michael Schulze and Bernd Meyburg at the Zoo in Zamość . From 2023, eggs were brought to Brandenburg shortly before hatching. The head mask prevented the young eagles from being imprinted on humans.

würden. Um dies zu verhindern ist die sogenann­te Ortsprägung" sehr wichtig. Wir haben daher großen Wert darauf gelegt, dass die Adler so früh wie möglich in die Auswilderungsstation gebracht werden und dort einen guten Überblick über die Umgebung bekommen. Da die Bettelflugphase, also die Zeit vom Ausfliegen bis zum Beginn des Herbstzuges, etwa vier bis sechs Wochen dauert, lernen die dann frei fliegenden Adler die Umge­bung gut kennen, was für die Prägung des Ortes sehr wichtig ist. Dies bestätigt die aus der Telemet­rie und Beringung gewonnene Erkenntnis, dass bei Ansiedlungen zwar mit einer gewissen Philopatrie ( Geburtsorttreue) zu rechnen ist, ein Teil der Vögel aber später auch außerhalb Brandenburgs brüten kann. Die Brandenburger Adler gehören zur westpolnisch/ nordostdeutschen Population, die geographisch recht gut von weiter östlich gele­genen Vorkommen abgegrenzt ist.

Allen Befürchtungen der Kritiker zum Trotz, dass die zweiten Jungadler nicht überlebensfähig seien, hat sich das Gegenteil herausgestellt. Mit Hilfe der Satellitentelemetrie wurde nachgewiesen, dass die Abel zum Teil wie auch die in den Wild­

horsten aufgewachsenen Kains in die Überwinte­rungsgebiete ziehen, allerdings nur, wenn sie sich mit älteren Tieren zusammenschließen und deren Zugroute über den Bosporus , Anatolien und die östliche Mittelmeerküste bis zum Suezkanal nach Afrika nutzen. Einige Jungadler, auch aus Wild­horsten, folgen dieser Route nicht und versuchen auf verschiedenen Wegen weiter westlich bis zur Straße von Gibraltar nach Afrika zu gelangen. Von allen telemetrierten Jungvögeln, darunter 17 In­dividuen aus Wildhorsten, gelang dies nur in vier Fällen. Zwei junge Schreiadler, die Gibraltar über­flogen hatten, starben in Westafrika . Einer wurde in Nigeria abgeschossen. Zwei weitere telemetrierte Adler überquerten das östliche Mittelmeer westlich von Kreta . Ein Vogel starb kurz darauf auf dem Zug durch die Sahara . Der andere Jungadler überwin­terte in Zentralafrika und zog im Frühjahr von dort in gerader Linie durch die Libysche Wüste nach Norden, wo er die Küste Libyens auf der Halbinsel Cyrenaika erreichte. Dort pendelte er lange Zeit hin und her, ohne den Weg nach Suez zu finden.

Diese beiden Fälle sind bisher die einzigen, in denen die Überquerung des Mittelmeers an breiter