Heft 
(2024) 31
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späten Fortpflanzungsbeginn, eine hohe natürli­che Lebenserwartung und damit eine besondere Bedeutung jedes einzelnen Altvogels für die Po­pulation aus. Zusätzliche Mortalitätsfaktoren sind daher für den Erhalt der Art besonders bedrohlich. Im Gegensatz dazu stehen die R- Strategen, die ei­nen Überschuss an Nachkommen produzieren. Sie weisen eine hohe Reproduktionsrate auf.

Verlässliche Daten zum Erreichen der Fort­pflanzungsfähigkeit, zum Durchschnittsalter adulter Individuen, zum Partnerwechsel an den einzelnen Brutplätzen und zur Mortalität der Art liegen bisher kaum vor( MEYBURG et al. 2005, 2020, 2022). Lediglich an einem Brutplatz in Brandenburg wurden besonders langjährige Un­tersuchungen zum Bruterfolg, Partnerwechsel, Er­reichen der Brutreife etc. durchgeführt( MEYBURG et al. 2022). Auch zu den Todesursachen gibt es in der Literatur nur wenige genaue Angaben( z. B. MEYBURG 2009).

Wir haben daher in den deutschen Brutgebie­ten 17 Jungadler aus Wildhorsten, in denen keine Managementmaßnahmen durchgeführt wurden, zu Vergleichszwecken mit Satellitensendern aus­gestattet. Nach den bisher unveröffentlichten Er­gebnissen wurden davon nur zwei Männchen( ca. 12%) fortpflanzungsfähig, die beide ein Alter von acht Jahren erreichten. Ein Männchen zog im Alter von fünf und sieben Jahren jeweils ein Junges auf. Das andere Männchen siedelte sich erst im Alter von sieben Jahren an und unternahm einen Brut­versuch. Das fast flügge Jungtier wurde jedoch von einem Habicht getötet. Das weitere Schicksal der beiden ausgeflogenen Jungadler ist unbekannt. Bei dieser geringen Überlebensrate erscheint das Ziel, den Bestand allein durch konventionelle Metho­den( Habitatverbesserungsmaßnahmen usw.) bei gleichzeitigem Ausbau der Windenergie zu errei­chen, nahezu ausgeschlossen.

4.1 Anmerkungen zum bisherigen Projekterfolg

Die Umsiedlung von Wildtieren in vom Menschen veränderte und ehemals besiedelte Lebensräume kann umstritten sein. Es wird jedoch zunehmend anerkannt, dass solche Umsiedlungen notwendig sind, um effektive Erhaltungsstrategien zu entwi­ckeln( z. B. SMITH et al. 2023).

Otis 31( 2024)

Entsprechend dem Artenschutzprogramm Adler des Landes Brandenburg und den Empfehlungen der Internationalen Naturschutzunion( IUCN ) ( IUCN / SSC 2013) zur Bestandsstützung und Wie­deransiedlung haben wir versucht, den sogenann­ten obligaten Kainismus in möglichst vielen Fällen zu vermeiden und viele der in der Regel früh im Horst verendenden Jungvögel in Gefangenschaft aufzuziehen und in Brandenburg auszuwildern. Zusätzlich wurden Zweitgeborene aus Lettland und Ostpolen importiert und ausgewildert.

Die Datenlage deutet darauf hin, dass das Jungvogelmanagement bereits bis 2016- vor Be­ginn des angestrebten deutsch - polnischen Pro­jektes dazu beigetragen hat, den Rückgang des Schreiadlers zu stoppen: Nach einem Tiefstand von 21 Paaren im Jahr 2006 schwankte der Bestand zwischen 22 und 24 und lag 2023 bei 28 Brutpaa­ren. 2024 gab es 31 anwesende Paare. Damit wurde ein Ziel des Artenschutzprogramms Adler( MLUV 2005, LANGGEMACH 2022) erreicht: Stopp des rückläufigen Bestandstrends in Brandenburg und Stabilisierung des Schreiadlerbestandes. Die weiteren Ziele einer Bestandszunahme, im Zuge derer Bestandslücken wieder geschlossen werden und eine Arealausweitung vor allem nach Westen und Süden erfolgt, wurden bisher nur teilweise erreicht. Langfristig soll der Schreiadler in weiten Teilen Brandenburgs wieder heimisch werden.

Die Aufzucht vom Schlupf an ist schwierig und zeitaufwendig. In den ersten Tagen sind drei Personen erforderlich, die sich bei der Fütterung abwechseln. Deshalb ist die Aufzucht und Auswil­derung derzeit auf 25 Tiere begrenzt. Sehr wichtig ist die anonyme Aufzucht während der gesamten Zeit, die Adler dürfen den Menschen als Fütterer nicht kennenlernen und fehlgeprägt werden. Diese müssen sich verkleiden und z. B. eine Maske tra­gen, die dem Kopf des Altadlers nachempfunden ist. Auch die sogenannte Geschwisterprägung ist sehr hilfreich. Da die Adler immer in Gemein­schaft mit mehreren anderen jungen Schreiadlern aufgezogen werden, werden dadurch Fehlprägun­gen vermieden. Alt- und Jungadler unterscheiden sich in der Gefiederfärbung etc. nur geringfügig. Insbesondere bei den aus Lettland und Ostpolen importierten Jungadlern wurde von Kritikern pro­phezeit, dass sich diese Adler später im Brutgebiet der Eltern und nicht in Brandenburg ansiedeln