Herbert Goetze& Uta Gatzemeyer+ Verhaltenssgestörtenpädagogik im Spiegel der Fachzeitschriftenliteratur
und den erklärten Absichten der Herausgeber in Zusammenhang zu stehen.
Während der Themenbereich /nterventionen z.B. bei der Zeitschrift für Heilpädagogik und der Heilpädagogischen Forschung an erster Stelle der Rangfolge steht, zeigt er sich bei der Behindertenpädagogik erst in mittlerer Position. Ähnliches gilt für den Bereich der /nstitutionen, der nur bei der Vierteljahresschrift für Heilpädagogik und ihre Nachbargebiete an erster Stelle der Rangfolge erscheint, während er bei allen anderen Zeitschriften Positionen im mittleren oder unteren Bereich der Rangfolge einnimmt. Besonders auffällig stellen sich die Unterschiede zwischen den Fachzeitschriften auf die Kategorie unterrichtliche Aspekte bezogen dar: Während dieser Themenbereich bei der Zeitschrift für Heilpädagogik an zweiter Stelle der Rangfolge angesiedelt ist, befindet er sich bei allen anderen Fachzeitschriften im letzten Drittel, bzw. wurde von der Heilpädagogischen Forschung gar nicht behandelt. Zielgruppen stehen bei der Behindertenpädagogik an erster Position, bei den anderen Fachzeitschriften im mittleren Bereich der Rangfolge.
Die Sichtung der vorliegenden Arbeiten der deutschsprachigen Fachliteratur zur Verhaltensgestörtenpädagogik hat sowohl erwartete wie auch überraschende Ergebnistrends gezeitigt. Es ließ sich einerseits feststellen, daß durchaus Themenvielfalt repräsentiert ist, die sich jedoch unterschiedlich auf die Zeitschriften verteilt. Wer sich über den aktuellen Diskussionsstand informieren möchte, wird also nicht umhin können, sich durch die kontinuierliche Lektüre aller Zeitschriften auf dem Laufenden zu halten. Andererseits sind wirklich brennende und aktuelle theoretische und praktische Fragen der Fachrichtung nur eher beiläufig oder verspätet aufzufinden, wie z.B. Heimschließungskampagnen, schulische Erziehungshilfe, Drop-Out-Phänomene, unterrichtsdidaktische Fragen, selbstver
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letzendes Verhalten, Burn-Out bei Lehrkräften,“Reisepädagogik””, Einzelfallforschung etc.
Es stellt sich also der Eindruck ein, als hinke die veröffentlichte Zeitschriftenliteratur aktuellen Entwicklungen der Verhaltensgestörtenpädagogik hinterher, obwohl die Natur dieses Mediums nahelegt, auf aktuelle Fragen auch kurzfristig reagieren zu können.
Unsere Inhaltsanalyse hat in methodischer Sicht ergeben, daß Empirisches stark unterrepräsentiert ist. Methodologisch ist dies kaum zu rechtfertigen, da die untersuchten Inhalte zum großen Teil auch erfahrungswissenschaftlich erschließbar sind. Folglich müßte empirischen Arbeiten der Verhaltensgestörtenpädagogik in der Zeitschriftenliteratur in Zukunft größere Geltung verschafft werden.
Unsere Inhaltsanalyse hatte eine deskriptive Absicht; sie hatte die Repräsentanz von Themen der Verhaltensgestörtenpädagogik in der Zeitschriftenliteratur in quantitativer Hinsicht zum Gegenstand. Eine Einschätzung der Qualität der veröffentlichten Arbeiten ist absichtsvoll nicht versucht worden. Impressionistisch fällt allerdings ins Auge: Die veröffentlichten nicht-empirischen Arbeiten bewegen sich regelhaft auf dem Niveau eines Meinungs- oder Positionspapiers bzw. eines mehr summarischen, jedoch nicht vollständigen Überblicks zu einem Thema. Phänomenologisch orientierte Forschung, in der der Sachstand auf dem Hintergrund des aktuellen Wissens mit Hilfe sämtlicher erreichbarer Literatur eruiert werden müßte, stellt eine extreme Ausnahme dar. Empirische Arbeiten bewegen sich meist auf rein deskriptivem, im Ausnahmefall statistisch univariat verarbeitetem Niveau.
Multivariate Inferenzstatistik, die der Analyse von Variablenkomplexionen, wie sie nun einmal in der Verhaltensgestörtenpädagogik gegeben sind, entsprechen würde, ist fast nicht auffindbar. Da für Untersuchungszwecke in der Verhaltensgestörtenpädagogik fast nur kleine
Stichproben, Kontrollgruppen kaum herstellbar sind, müßte vermehrt qualitative oder quantitative Einzelfallforschung zur Geltung kommen; sie ist als Untersuchungsmethode jedoch in den Arbeiten fast nicht präsent.
Im Gegensatz zum anglo-amerikanischen Raum scheint es hierzulande eine Tendenz dahingehend zu geben, die Ergebnisse auch kleinster Forschungsvorhaben in Buchform zu publizieren, so daß sie einer Zeitschrift weitgehend entzogen sind. Daraus folgt auch, daß die aufgezeigten Monita kaum gegen die Fachzeitschriften selbst gewendet werden dürfen, sind sie doch in der Veröffentlichungspolitik vom Angebot qualifizierter Manuskripte abhängig. Der Aufforderungsappell richtet sich vielmehr an gegenwärtige und zukünftige Fachvertreter(innen), die Maßstäbe für Qualität in Methoden und Inhalten in den von ihnen eingereichten Arbeiten zu setzen haben. Unsere Ergebnisse dürfen allerdings in ihrem Aussagegehalt nicht überbewertet werden; sie präsentieren kein vollständiges Bild über das Fach, weil Buchpublikationen indie Analyse nicht einbezogen worden sind. Auch kann man legitimerweise Einwände gegen unser Vorgehen (Kategorisierung, Auswahlkriterien etc.) vorbringen, soweit es mit zwar nach vollziehbaren, aber doch subjektiv gefärbten Entscheidungen in Zusammenhang steht. Es wäre deshalb wünschenswert, daß analog einer Kreuzvalidierung unsere Ergebnisse mit anderen Materialien und Methoden überprüft werden. Weiterhin wären weitere Inhaltsanalysen von Arbeiten der anderen sonderpädagogischen Arbeitsbereiche von hohem informativem Interesse.
Die Implikationen unserer Inhaltsanalyse führen uns insgesamt zu dem Schluß: Angesichtsdes Sachstandes müssen überzogene Ansprüche an das Fach ins Leere gehen. Die noch junge Disziplin Verhaltensgestörtenpädagogik hat ihren wissenschaftlichen Standort erst noch zu finden.
HEILPÄDAGOGISCHE FORSCHUNG Band XVIII, Heft 1, 1992