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Deutsche Noman-Bibliothek.
Und sie hing diesen und ähnlichen Betrachtungen noch eine Weile nach.
Aber die Mittagsstunde war nahe heran, und der Graf ließ sagen, daß der Wagen in einer Viertelstunde Vorfahren werde. Da galt es denn, sich zu eilen. Sie wußte, wie sehr er auf Pünktlichkeit hielt, und trat eine Minute vor der Zeit in sein Zimmer in leichtem Hut und schwarz und weiß gestreiftem Burnus, darin er sie mit Vorliebe sah. Die Kapuze mit der Quaste daran und mehr noch der seidenglänzende Stoff, der im Winde bauschte, kleideten sie in der That vorzüglich. Ein zweiter, leerer Wagen, ebenfalls zweisitzig, folgte. Den Bergweg hinunter ging es in einem mäßigen Trab, unten aber jagten die Pferde durch die Tümpel hindurch, die hier noch überallhin von der Regenzeit her standen. Der Mais ragte hoch auf, so hoch, daß auf eine ganze Strecke hin der Ausblick gehindert war, kaum indeß, daß ihr Wagen die Maisplantage hinter sich hatte, so ward auch schon der Dampfer sichtbar, der ans die Anlegestelle zusteuerte.
„Rasch, rasch!" rief der Gras, indem er dem Kutscher einen Schlag auf die Schulter gab und auf das immer näher kommende Schiff deutete, dessen unausgesetztes Läuten eine ganze Welt von Ankömmlingen erwarten ließ. Aber nur wenige Passagiere standen unter dem ausgespannten Dach, dessen roth eingefaßte Borte lustig hin und her flatterte. Franziska glaubte die Gräfin schon von fern her erkannt zu haben und wies auf eine stattliche Gestalt in schwarzer Robe; der alte Graf aber, der schärfer sah, lachte herzlich, daß sie den Geistlichen von Nagy- Vasar, „der freilich noch schwärzer als Schwester Judith sei", mit dieser verwechselt habe.
Fast im selben Augenblick, wo der Wagen hielt, hielt auch der Dampfer.
Egon, in Jagdrock und steyrischem Hut, sprang an's Ufer, umarmte den Oheim und küßte Franziska die Hand. Er schien in ausgiebigster Laune, freilich auf Kosten der alten Gräfin, die noch immer nicht sichtbar wurde. Die Tante habe sich Zu Beginn der Fahrt auf Deck befunden und bei den gleichgültigsten Stellen im heißesten Sonnenbrände tapfer aus- gehalten, im Moment aber, wo der See breit und schön geworden sei, habe sie sich in die Kajüte zurückgezogen, nicht um zu schlafen, was er gelten lasse, sondern um eines seekranken Kanarienvogels willen, der seit etwa Zwei Monaten mit Feßler die Herrschaft theile. „Nals voilä." Und nun wies er auf die Tante, die mit dem Vogelbauer in der Hand eben die Kajütentreppe heraufkam und gleich darnach auch die kleine Rollbrücke passirte, die man inzwischen von der Landungsstelle her auf das Schiffsdeck geschoben hatte.
Die Begrüßung war herzlich, weniger mit dem Bruder, als mit Franziska, deren Handkuß sie mit einem Kuß auf die Stirn erwiederte. „Wie gut Dir die Luft von Schloß Arpa bekommen ist! Vortrefflich. Du siehst besser und frischer aus als in Oeslau. Und das waren doch auch schöne Tage. Nicht wahr? Hörst Du noch dann und wann von dem reizenden Fräulein Phemi?"
Unter solchem Gespräch und Geplauder hatte man
von der Landungsbrücke her den Punkt erreicht, wo die beiden Wagen hielten, Franziska nahm im ersten neben der Gräfin Platz, Egon aber im zweiten neben dem alten Grasen. Und im Fluge ging es nun auf Schloß Arpa zu.
„Nun, meine liebe kleine Gräfin," sagte Judith, während sie die Quaste, die beständig hin und her flog, in Franziska's Kapuze zurückstopfte, „nun sage mir: Lome sta? Wie lebt fich's mit diesem Ungeheuer von Bruder, mit diesem Inüäsis, mit diesem Ueberbleibsel aus dem Nachlasse des Herrn von Voltaire? Du hast mir geschrieben, Du seist glücklich und Dein Teint und Deine klaren Augen scheinen es mir bestätigen zu wollen, aber, meine theure Franziska, Briefe lügen und Teint und Augen auch. Aber was nicht lügt, das ist die Stimme, und so sage mir denn, denn so schön und so frei fahren wir nicht wieder in die Welt hinein, sage mir also: bist Du glücklich?"
Franziska nahm Judith's Hand und küßte sie. Dann sagte sie, während sie zu der Gräfin aufsah und ihre Hand, die sich wie Wohlwollen anfühlte, fest in der ihrigen behielt: „Ich habe mehr Glück gewonnen, als ich erwartete. Der Graf liebt mich und ist edel und gerecht. Ob ich glücklich bin? Ich weiß es nicht, gnädigste Gräfin, aber ich hoff' es. Vielleicht kann man glücklich sein, wenn man es sein will, und ich Hab' einmal gelesen, man könne das Glück auch lernen. Das hat mir gefallen. Und wirklich, es muß Mittel dazu geben."
„Ja, das Gebet. Und vor Allem das eine: ,Führ' uns nicht in Versuchung?"
Auch in dem Wagen, der folgte, ging das Gespräch. Etwas von dem Schlammwasser spritzte gegen Egon's Hut, der ihn abnahm, um ihn wieder zu säubern. „Sieh', gerad' an den Gemsbart," sagte der Oheim. „Und so straft Dich denn der erste magyarische Tümpel für Dein unmagyarisch Herz. In allem Ernst, Egon, Du kannst in dem Gemsbart- hute nicht zu dem alten Pejevics fahren, der, weil er eigentlich kein Magyar ist, selbstverständlich den Doppelmagyaren spielt. Aber gleichviel, Deine Mutter war eine Petöfy, das vergißt man Dir nicht und fordert einen Reiherbusch oder eine Adlerseder von Dir, so lange Du hier bist. Du kennst unsere kleinen Schwächen."
„Und unterwerfe mich ihnen. Am wenigsten aber möcht' ich mir die Jagd und die Stimmung auf Schloß Falcavar verderben. Weißt Du, wer zugegen sein wird? Natürlich Szabo."
„Der gewiß und sehr wahrscheinlich auch Perczel. Devaviany zweifelhaft. Familienmalheur. Im klebrigen steh' ich mit der Nachbarschaft auf einem Groll- suß und weiß eigentlich so gut wie nichts. Man beliebt nämlich, meine Gräfin nicht gräflich genug zu finden, oder bemängelt ihren Stammbaum. Ich bin aber nicht gewohnt, mir Vorschriften machen oder wohl gar alte Vorurtheilsalbernheiten als ebensoviel Weisheit aufdrängen zu lassen."
„Und so lebt ihr denn ziemlich einsam?"
„Nein und ja. Jedenfalls einsam genug, um sich eines lieben Besuches doppelt zu freuen."
Und damit fuhr ihr Wagen unter dem Portal fort in den Schloßhof ein»