Heft 
(1885) 33
Seite
769
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Hraf Uetöfri.

Roman

von

Tluoilor

(Fortsetzung.)

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

en dritten Tag darnach kam einTelegramm: Wir treffen mit dem Mittagsdampfer ein; Egon." Und wenn schon in den Tagen vorher ein Lüften und Klopfen, ein Schieben und Stellen gewesen war, so verdoppelte sich jetzt der Einrichtungseifer. Für Gräfin Judith wurden die Zimmer bestimmt, die neben denen ihres Bruders gelegen waren, während für Egon, wie scholl bei manchem früheren Besuche, wieder die kleine Thurmstube hergerichtet wurde, womit der in seinem unteren Theile nur ein Treppen­haus bildende alte Schloßthurm nach oben hin ab­schloß. Egon, wenn er hier wohnte, stieg dann oft und gern auf die Plattform hinauf und erfreute sich von dieser aus der wunderbar schönen Aussicht über den See. Der alte Gras behandelte dieß alsdeutsche Romantik" und spottete darüber, obschon er selbst in Dinge verfallen konnte, die viel romantischer waren.

Und nun brach der Tag an, wo sie kommen sollten. Franziska war früh auf, nahm noch einmal bis in die Thnrmstube hinaus eine Musterung vor und stand eben aus dem Punkte, durch den großen Eßsaal in ihre Zimmer zurückzukehren, als sie Hannah's ansichtig wurde, die von dem der alten Kapelle gegenüber gelegenen Balkon her irgend einem

Deutsche Noman-BibNothek. XIP 17.

auf dem Schloßhofe stattfindenden Vorgänge neu­gierig zuzusehen schien.

Was hast Dud" fragte sie, Hannah aber winkte nur halb geheimnißvoll, so still wie möglich heran­zutreten, und als Franziska diesem Winke folgte, sah sie, daß eine Taube bemüht war, ein großes Wollknäuel abzuwickeln, das mitten aus dem Schloß­hof lag und von einer der Mägde verloren sein mußte. Das Thierchen, eine Kropstaube, pickte be­ständig daran herum und ruhte nicht eher, als bis es einen wohl zwanzig Fuß langen Faden abgewickelt hatte, mit dem es nun, während das unten liegen bleibende Knäuel sich abwechselnd hob und wieder fiel, aus eine dicht neben dem Glockenstuhl befindliche Maueröffnung zuflog. Es war ganz ersichtlich, daß es den unten von ungefähr gemachten Fund benützen - wollte, sich oben sein Nest zu bauen, und als Hannah wahrnahm, daß Alles beinahe abgewickelt war, schickte sie sich an, an das alte Knäuel ein neues anzubinden, bloß um sich zu vergewissern, wie lange das Thier wohl in seinem Fleiße verharren würde. Franziska litt es aber nicht und sagte:Du darfst es Dem, der sein Nest bauen will, nicht zu schwer machen."

Ich mach' es ihm nicht schwerer, als er sich's selber macht. Dieser Kröpfer kann ja den Faden, wenn er will, jeden Augenblick wieder fallen lassen."

Es war nur ein kleiner und unbedeutender Her­gang, und doch hastete das Bild davon in Fran- ziska's Seele.Trieb!" sagte sie.Wohl nichts weiter als Trieb. Aber er bedeutet Arbeit und Mühe um Lebens und Liebe willen."

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