Heft 
(1885) 36
Seite
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Deutsche Noman-Bibliothek.

Und nun begann ein abermaliges peinliches Verhör. Ich wiederholte zwar alles Tatsächliche, was ich dem Kaiser gesagt, vermied jedoch, irgend einen Namen zu nennen, zumal der Graf viele der­selben im Gedächtniß behalten. Er schrieb sich Einiges auf und diktirte dann sogar einem Schreiber zu Protokoll, so sehr ich auch bemüht war, das bisher Berichtete zu verdunkeln und die Spuren der Ver­schwörung zu verwischen, was er recht wohl bemerkte.

Mensch, mir scheint, Du willst Dich kostbar oder interessant machen!' fuhr er mich plötzlich mit Donnerstimme an. ,Willst jetzt Alles wieder ver­tuschen, nachdem Du Alles halb verrathen hast. Sieh' Dich vor! Wenn Du Umstände machst und für die Elenden Partei ergreifst, werde ich Dich als Mitverschworenen behandeln. Wagst Du etwa, den Kampf mit mir auszunehmen, versuch' Deine Kraft, Pygmäe!'

Endlich war auch dieß Verhör beendet. Der Graf stand aus, trat zu mir und sagte: ,Du gehst jetzt nach Novomirgorod zurück. Beobachte die Uebel- gesinnten scharf und wende alle Mittel zu weiteren Enthüllungen an, aber hüte Dich, auf eigene Faust zu handeln. Du stehst von heute an unter unserer speziellen Aufsicht, und verräthst Du das Staats- geheimniß, so wirst Du am Galgen büßen. Ver­standen? Jetzt geh' Du wirst eine Podoroshna und Vorschuß zu besonderen Ausgaben erhalten. Rechnest Du auf mehr, so halte Dich darnach. Der Kaiser wie der Staat Rußland werden Dir nichts schuldig bleiben.'

Er wollte noch mehr sagen, aber wir wurden unterbrochen. Es traf eine Nachricht von seinem Landsitz Grusino ein und sie schien nichts weniger als angenehm zu sein. Der Graf sprang plötzlich wuthschäumend auf, sein Gesicht war blau und roth geworden, als müsse ihn im nächsten Augenblick ein Schlaganfall treffen. Zugleich zerbrach er einige Gläser und Vasen, die in seiner Nähe standen, und jagte mich und den Schreiber davon wie Bettler vielmehr als unwillkommene Zeugen seines Jähzorns.

So bin ich damals von ihm geschieden, und jetzt ist es bald eine Woche, daß ich Petersburg ver­lassen habe. Hier übrigens sehen Sie die Belege für meine Mittheilungen."

Dabei nahm Sherwood eine ihm in Petersburg ausgestellte Podoroshna ans der Tasche und über­reichte sie mir. Sie war für alle Städte des rus­sischen Reichs aus drei Monate gültig und verpflichtete die Posthalter, ihm Kurierpserde zu geben.

Sie sehen jetzt, Herr Oberst, daß ich Ihnen ein Staatsgeheimniß entdeckt habe," sagte er,und nur deßhalb, weil Sie mich dazu gezwungen haben; aber dabei haben Sie zugleich die Verpflichtung über­nommen, unverbrüchliches Schweigen zu bewahren. Jetzt bin ich zu Ende. Handeln Sie nun nach Ihrem Gutdünken."

Nach allen diesen Mittheilungen und Beweisen hatte ich keine Ursache mehr, irgend einen Zweifel in Sherwood's Angaben zu setzen, ja, ich gestehe, daß sein eigenthümliches Auftreten vor dem Kaiser und seine männliche Haltung vor dem allmächtigen

Grasen ihm meine ganze Sympathie wiedergewonnen hatten.

Gleichwohl konnte es mir kein besonderer Gewinn sein, Mitwisser eines so wichtigen Staatsgeheimnisses geworden Zn sein. Als solcher trat ich gewisser­maßen mit einem immerhin unberechenbaren und gefährlichen Menschen in Gemeinschaft und gab mich in seine Hände.

Um nicht ebenfalls in diese verhängnißvolle Sache verwickelt zu werden, mußte ich mich mit äußerster Vorsicht benehmen und hielt es für nöthig, das äußerste Erstaunen Zu erkennen zu geben. Auf Sherwood's Gesicht sprach sich eine gewisse Selbst­zufriedenheit und die Begierde aus, zu erforschen, wozu ich mich entschließen würde. Seine Augen folgten gierig allen meinen Bewegungen.

Ohne weiter in die Beurtheilung Ihrer Motive einzugehen," sagte ich,will ich gern zugeben, daß Sie Ihre Pflicht erfüllt und dem Kaiser und Staat einen großen Dienst erwiesen haben, gewiß eine sehr lobenswerthe Handlung. An Ihrer Stelle hätte ich ebenso verfahren müssen. Jetzt bleibt Ihnen nichts zu thun übrig, als konsequent zu sein, wenn es mir auch dunkel ist, wie Sie auf der einmal betretenen ge­fährlichen Bahn fortgehen wollen. Sie haben es dabei nicht mit dem Kaiser allein, Sie haben es mit seinem despotischen Minister zu thun. Was mich betrifft, so muß ich bitten, verwickeln Sie mich nicht in eine mir völlig fremde Sache und verlangen Sie auch keinen Ihnen übrigens völlig unnützen Beistand von mir. Ihre Beschäftigung in der Kanzlei können Sie einstellen oder nach Belieben fortsetzen, das hängt ganz von Ihnen ab. Allerdings interessirt es mich, zu wissen, was Sie nun zunächst thun wollen."

Das möchte ich nun eben von Ihnen hören, Herr Oberst," erwiederte er.Der Kaiser hat mir überlassen, als ein Christ zu handeln. Ich werde also den Kamps mit dem Grafen Araktschejef auf­nehmen, um die Verschwörung aufzulösen. Aber hier bin ich auf dem Punkt, wo ich mich allein nicht weiter wage, denn andererseits muß ich fürchten, daß mir der Graf keine Zeit läßt, sondern selbstständig handeln wird. Daß die Revue in Belaja Tscherkow aufgeschoben ist, wie Sie selbst nun wissen, beweist zwar, daß man meinem Rath gefolgt ist, und ich hoffe, inzwischen meine Federn spielen zu lassen.

Wissen Sie denn, ich habe bereits dem General Lwowitsch, Licharew, Sochatzki, vor Allen Bulgari und Wadkowski anonyme Warnungen zugeschickt mit der Weisung, sofort Urlaub zu nehmen und abzu­reisen, höchst ernst gemeinte Warnungen hier sehen Sie das Formular dazu" und er zog ein Blatt Papier heraus, welches er mir hinreichte.

Ich las:Den Bundesbrüdern zur Nachricht: Kaiser Alexander weiß Alles, was im Vereine des öffentlichen Heils beschlossen worden. Stellen Sie sofort alle Unternehmungen ein, und der Kaiser wird Ihnen verzeihen, denn er will Ihr Verderben nicht. Nehmen Sie so schnell als möglich Urlaub und reisen Sie in's Ausland. Dieß ist Ihre einzige Rettung."

Ich weiß," sagte Sherwood,die Meisten wer­den diesem Rath folgen, und so wird die glimmende Bombe gelöscht, bevor sie platzt." .