Heft 
(1885) 02
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politisch gehört es natürlich zn einen: Bezirk und einem Unionsstaat Verwaltungs-Ortsbehörden aber hat es nicht. Die Stadt ist Eigenthum der Ualueo dar Oompan^ und wird ausschließlich von dieser und ihrer: Angestellten verwaltet. Der Reisende steigt in dem von einen: Pullman'scheu Beamten geleiteten Gasthof ab, besucht das Pullmanffche Theater, trinkt das Wasser der Pullmanffchen Wasserleitung, brennt das Gas der Pull- man'schen Gasanstalt, miethet ein Pferd im Pullmanffchen Marstall, wohnt in der Schule dem Unterricht der Kinder des Pullman-Völkchens durch Pullmanffche Beamte bei, wechselt einen Check in der Pullman'schen Bank, wird des Nachts von der aus Püllman'schen Untergebenen bestehender: Feuerwehr bewacht. Er, kann nichts einkanfen, wenn er nicht gesonnen ist, bei Leuten Pullmarlls einzukanfen. Er wird vergeblich nach Polizisten, Konstablern, Gerichtshöfen u. dergl. suchen; diese Behelfe der modernen Kultur haben sich bisher als ganz überflüssig erwiesen. Etwaige Ruhe­störungen oder Streitigkeiten würde Herr Pullman selber aburtheilen, bis­lang jedoch ist diese Nothwendigkeit noch nie eingetreten. Offenbar übt der praktische Erfinder und Direktor eine Artaufgeklärten Despotismus" ans. Uebrigens ist seine Jdealstadt nicht nur ein menschenfreundliches, sondern für seine Aktiengesellschaft auch ein rentables Unternehmen, das sechs Prozent des daran gewendeten Kapitals abwirft. Wie oft könnten in ähnlicher Weife Menschenfreundlichkeit und Geschäft Hand in Hand gehen, wenn Kapitalisten mehr an ihre Mitmenschen denken würden und wenn sie in dieser Beziehung unternehmungslustiger wären!

Bestrebungen verwandter Natur machen sich seit Kurzem in der britischen Viermillionenstadt geltend *. Schon der berühmte anglo-amerika- nische Menschenfreund Peabody hatte große Summen zur Errichtung und Verwaltung ausgedehnter Komplexe von guten, wohlfeilen Arbeiter- Wohnungen hinterlasfen. Diese Kapitalien tragen ebenfalls Zinsen, welche zur Erbauung neuer Häuser dienen. Doch liegen die Peabody-Komplexe zumeist inmitten der bevölkertsten Bezirke Londons. Nach anderen Grund­sätzen verfährt die dortigeGesellschaft für Handwerker-, Arbeiter- und andere Wohnungen"; sie ist auf dem besten Wege, der Oeffentlichkeit, welche sich seit einigen Monaten so eifrig und ernst mit der Wohnungs­frage der proletarischen Bevölkerungsschichten Londons befaßt, zu zeigen, wie diese brennende Frage sich am zweckmäßigsten lösen lasse.

Die Häuserkomplexe dieser Gesellschaft, deren Mitgliederliste zahlreiche hervorragende Namen aufweist (wie Tennyson, Salisbury, Tyndal, Roth­schild und Andere), befinden sich nicht in der Stadt, sondern in nächster Nähe derselben und bilden selbst kleine Städte, sogenannte68tat68"; und dann sind sie keineZinskasernen" nach festländischer Art, wie die Woh­nungen der Peabodystiftung, sondern separirte Häuschen nach dem in England allgemeinen Muster. Der erste68tat6" (Liegenschaft) der in Rede stehenden Gesellschaft, 8tiakt68dur^ Uarlr I^tuto, wurde im Süden Londons im Jahre 1874 eröffnet; bei dieser Gelegenheit äußerte Disraeli- Beaconsfield:In meinem Leben war ich über nichts so erstaunt wie über den Anblick dieser sozusagen aus der Wüste erstandenen Stadt." Wie würde der bewährte Staatsmann sich erst über den im Nordosten liegen­den, vor etwa zwei Jahren eingerichteten Hu66n'8 Uarü L8tat6 wundern, könnte er denselben sehen! Umfaßt der Shaftesbury-Komplex vierzig Morgen Landes mit 1200 Häusern, so zählt der von Queen's Park 2176 Häuser, die sich aus siebzig Morgen vertheilen. Die Straßen haben eine Gesammtlänge von neun Zehnteln einer geogr. Meile, sind breit und gut gepflastert; die Gebäude bestehen aus Ziegeln, sind mit Terrakotta verziert und erregen im Beschauer durch ihr nettes Aeußere um so größere Befriedigung, als die meisten Insassen gewöhnliche Arbeiter mit geringem Einkommen sind. Die vortreffliche Organisation und die Wohlfeilheit des Eisenbahnverkehrs ermöglichen es den Bewohnern der L8tat68, ihre Arbeits­plätze rasch zu erreichen und am Abend ans der ungesunden Metropole in bessere Luft zu entfliehen.

Unsere Gesellschaft hat zum Zweck die Errichtung von bequemen, ge­sunden, geräumigen, angenehmen Hänschen mit je einem Vorder- und einem Hintergarten. Je nach ihrer Größe in der qualitativen Be­schaffenheit ist kein Unterschied vorhanden gehören die Wohnungen

mld^RupÄ^ ^ vr- Wilhelm Ruprecht^Bandenhoeck

einer der fünf folgenden Klasse!: au: I. zwei Wohn-, vier Schlafzimmer, Spülküche, Küche, Waschkammer; Miethzins zwölf Mark wöchentlich.

II. Ein Wohn-, drei Schlafzimmer re. wie oben; Zins zehn Marl.

III. Dasselbe,, nur etwas kleiner, neun Mark. IV. Ein Wohn-, zwei Schlafzimmer re. wie oben, siebenundeinhalb Mark. V. Ei:: Wohn-, zwei Schlafzimmer, Küche, Waschkammer; Zins sechs Mark für die Woche. Jedes Zimmer ist mit Tobin'schen Ventilationsröhren versehen. Die Oefeu, die Gesimse, die Tapeten sind hübsch und gut. Die Fnßbodenbretter liegen im Gegensatz zn den meisten Leistungen der vielen Maffen-Schwindel- baumeister Londons ganz dicht beieinander, abgesehen davon, daß sie ungewöhnlich dick sind. Ein Haus, das jährlich 312 Mark kostet, ist ge­nau so eingerichtet wie ein doppelt so theures. Der Fachmann, der die L8tat68 besichtigt, gelangt alsbald zur Erkenntniß, daß allen bau-hygiei- nischen Anforderungen hier Rechnung getragen worden, sowie daß die Bedürfnisse der Insassen in einer Weise berücksichtigt sind, die einem ge­wöhnlichen Hausbesitzer Schrecken einjagen würde, wenn man ihm die Nachahmung zumuthete. Ein intelligenter Mensch mit mäßig starker Fa­milie und mäßigem Einkommen kann sich, sei er nun Industrie-Arbeiter, Gewerbsmann oder Mitglied der freien Stände, keine bessere, hübschere und billigere Wohnung wünschen als ein Haus erster Klasse der v4V6ttinZ8 Eoruxan^, das aus ein ganzes Jahr blos 624 Mark kostet. Diese Häuser sind denn auch sehr gesucht, und ihre Insassen werden von manchen besser gestellten Bürgern der Mittelklasse beneidet, denen es aus irgend einem Grunde unmöglich ist, nach einem der L8tato8 zu ziehen. Man braucht weder Philanthrop noch Enthusiast zu sein, um anzuerkennen, daß die Gesellschaft" sich, außer einem Erträgniß von fünf Prozent, großeVer­dienste" erwirbt.

DieI)4V6l1inK8 Eonixan^" ist, von ihrer: seitherigen Erfolgen ange­spornt, vor einiger Zeit an die Anlage eines dritten Städtchens geschritten: Voel karlc LMata", auf dem bislang 381 Häuser stehen, wurde erst ganz kürzlicheröffnet". Dieser Komplex, der größte von allen, mißt hundert Morgen und liegt nördlich von London, in der Nähe des bekannten Volks­belustigungslokalsAlexandrapalast", also in prachtvoller Umgebung uud herrlicher Lust. Im Ganzen sollen hier 2600 Wohnungen erbaut werde::; die Hauptstraßen sollen neunzig, die übrigen sechszig Fuß breit sein. Schon die jetzt fertigen Straßen weisen längs des Trottoirs Banmreihen und auf dem Fahrweg vorzügliches Bodenmaterial auf. Die Häuser werden auch hier fast in allen Fällen sofort nach dem Austrocknen be­zogen so lebhaft ist die Nachfrage.

Auf allen drei L8tat68 wird für die religiösen und geistigen Bedürf­nisse der Bewohner und für ihre Erholung im Freien nach Thunlichkeit gesorgt. Es fehlt nicht an Kirchen, Schulen, Lesezimmern, Versammlungs­lokalen und öffentlichen Gärten. Die Pflege von Fensterblumen und Topfgewächsen wird erfolgreich ermuthigt. Das Erfreulichste aber ist, daß es in-keinem der Ideal-Städtchen derGesellschaft" ein Wirthshaus giebt; die Gesellschaft gestattet nicht, daßGinpaläste" errichtet werden, und ihre Miether sind mit dieser Bestimmung vollkommen einverstanden ja, sie widersetzen sich sogar der Eröffnung von Schenken in der Nähe der L8tat68". Schon die Nüchternheit allein sichert diesen vernünftige:: Leuten einen gewissen Grad von Glück, Behagen und Gesundheit, die gute Luft und die Reinlichkeit thun ein Uebriges.

Die ,,6omxanzV besaß vor Kurzem nahezu viertausend Häuser: 452 erster, 994 zweiter, 1418 dritter, 731 vierter, 92 fünfter Klasse. Daß sie so gute Wohnungen so wohlfeil Herstellen und dabei noch einen leidlichen Gewinn erzielen kann, wird nur dadurch ermöglicht, daß sie ihre Einkäufe in größtem Maßstabe macht und daher beträchtliche Ersparnisse an den Preisen erzielt. Sie bestellt zwölf Millionen Ziegel auf einmal und läßt aus Schweden riesige Ladungen Hölzer kommen; in einem Schuppen aus Vool Uarll L8tat6 trocknet sie eine Million Fuß Bretter, die, trocken gekauft, viel mehr kosten würden als die hundert­tausend Mark, die sie in Wirklichkeit kosten. Tapeten, für die in gewöhn­lichen Detailgeschäften zwei Mark verlangt wird, kommen der6ompan/' blos auf siebzig Psennig zu stehen. Solcher Vortheile kann sich kein Privat­baumeister rühmen! Das sind Fingerzeige für die mit der Lösung der Arbeiterwohnungsfrage betrauten Faktoren! Nicht nur in London, sondern auch in Paris, Berlin und Wien, wo die Miethzinse viel höher sind als in der Metropole an der Themse, thäte man gut, sich mit den von uns geschilderten Jdealstädten näher zu beschäftigen. Leopold Kätscher.

Die Movizen des Meichstags.

ls der Alterspräsident Graf Moltke am 20. November vorigen Jahres die erste Sitzung des neuen Reichstags eröffnete, war die Physiognomie der hohen Versammlung in der That neu. Die erbitterten Wahlkämpfe des vergangenen Herbstes haben auf die Zusammensetzung derselben einen nicht unbedeutenden Einfluß ausgeübt. Der vierte Theil der Abgeordneten erschien zum ersten Male im Reichstage, und dieseNovizen" hatten sich erst hineinzufinden in Luft und Licht und Leben ihrer neuen Wirksamkeit.

Zun: ersten Male im Reichstage!

Da ist gar Vieles zu beachten und zu lernen; da heißt es nach allen Richtungen hin aufpassen. Es ist interessant, die Novizen im Reichs­tage zu beobachten; ältere Mitglieder erleichtern ihnen die Akklimatisirung, die Fraktionsgenossen nehmen sich der Neulinge liebevoll an, es tritt ein Verhältniß ein, wie in den studentischen Vereinigungen zwischenLeib­bursch" undLeibsuchs", hat ja doch das Fraktionswesen überhaupt manche Aehnlichkeit mit den studentischen Verbindungen und hat sich aus diesen ja ausdrücklich die Einrichtung desSenioren-Konvent" auf unsere Parlamente übertragen. Mit einer gewissen Schüchternheit betritt der Neuling das Reichstagsgebäude. Der fragenden Miene des Portiers be­gegnet er mit der zuversichtlichen Antwort:Ich bin der Abgeordnete N» N."

Die nun folgende ehrfurchtsvolle Verbeugung des Portiers und seine Beflissenheit, den Herrn Abgeordneten sofort in die Mysterien des Hauses einzuführen, schmeicheln dem letzteren gewaltig, es überkommt ihn sofort das Gefühl seiner neuen Würde. So gelangt er in das Bureau. Das Heer von Dienern, Schreibern, Boten aller Art, welches das Vorgemach zum Allerheiligsten füllt, darin der Bureaudirektor, von seinen Unter­gebenender Chef" genannt, thront, macht den neugebackenen Volks­vertreter wieder stutzig und, wenn er nun vor denChef" Vorgelasien wird, vollends befangen. Der Direktor patronisirt ihn aber sofort, er hat ihm eine Menge Schriftstücke: Legitimation, Geschäftsordnung, allerlei Broschüren re. einzuhändigen und unterweist ihn schnell über die aller- nothwendigsten Erfordernisse für den neuen Berus. Der Direktor ist ein ungemein liebenswürdiger Herr, er vertheilt seine Gunst ohne Ansehen der Partei: unser Neuling nehmen wir einmal an, es sei ein Liberaler hatte nicht übel Lust, der Macht der Vorurtheile zu grollen, Alles, was man ihm Unliebsames über die Bureaukraten gesagt hat, war doch au: Ende einseitiger Anschauung entsprungen. Draußen auf dem Flur erinnert er sich der empfangenen Schriftstücke, er ärgert sich, daß er sie nicht gleich durchstudiren kann, daß nicht ein ruhiges Plätzchen im Hause dazu