Christa Schultze (Berlin)
Ein Briefwechsel zwischen Th. Fontane und K. A. Varnhagen von Ense aus dem Jahre 1852
I.
1967 veröffentlichten wir an diesem Ort einen Brief Karl August Varnhagen von Enses an Fontane vom 11. Februar 1852 1 . Bereits damals konnte vermutet werden, daß diesem Brief Varnhagens ein Schreiben Fontanes vorausgegangen war, wies doch L. Sterns 1911 verfaßte Aufstellung der Varnhagen von Enseschen Sammlung in der Berliner Bibliothek einen Brief Fontanes aus dem Jahre 1852 aus 2 . Inzwischen ist die während des letzten Krieges ausgelagerte „Sammlung Varnhagen“, deren Verbleib vor 18 Jahren noch unbekannt war, wieder verfügbar. Wir verdanken der Biblioteka Jagielloriska in Krakau eine Fotokopie des Briefes, die sie dem Fontane- Archiv Potsdam zur Verfügung stellte. Diese Fotokopie dient dem nachfolgenden Erstdruck als Grundlage.
Der Brief stellt klar, was 1967 noch ungewiß war, daß es sich bei der ersten „Attacke“, die Fontane auf Varnhagen unternahm (eine zweite lehnte er — dieses Wort gebrauchend — ab) 2 , um keine Visite, sondern eben um diesen Brief handelte. Fontane hatte im ersten Februardrittel 1852 bei seinem Besuch in Dessau von Wilhelm Wolfsohn den Auftrag übernommen, bei Varnhagen vorstellig zu werden, damit dieser kraft seines Ansehens in literarischen und Verlegerkreisen dem Königsberger Schriftsteller und einstigen Redakteur des liberalen „Königsberger Literaturblattes“ (1841 bis 1845), Alexander Jung, bei der Veröffentlichung des Werkes „Goethes Wanderjahre und die wichtigsten Fragen des 19. Jahrhunderts“ behilflich sei. (Das Buch erschien allerdings erst zwei Jahre später durch Vermittlung von Karl Rosenkranz.) >
Fontanes Urteil über Jungs Manuskript möchten wir auch hier nicht vorenthalten; er schrieb Ende März 1852 an Wolfsohn: „Der arme A. Jung, in dessen Situation ich mich hineinversetzen kann, tut mir in der Seele leid; — aber andrerseits, wie kann man heutzutage solche Bücher machen! Man muß sich schon Zeit nehmen, um die ,Wanderjahre‘ des großen Meisters zu lesen, über die pietätreichen Kommentare des Schülers geht die Welt zur Tagesordnung über. Wenn wir den nächsten großen Krieg hinter uns haben und die von Strapazen und Blutverlust müdgewordene Menschheit sich wieder auf ein 30 Jahre langes Ruhebett wirft, mag Jung sein Manuskript zum zweiten Mal in die Welt schicken. Es ist nicht liebloser Spott, was ich schreibe; — es ist nur die Wahrheit.“''
Zum besseren Verständnis legen wir hier nicht nur Fontanes bisher ungedruckten Brief an Varnhagen von Ense vor, sondern auch dessen einen Tag später geschriebene bereits bekannte Antwort, deren Original sich als Dauerleihgabe der Deutschen Staatsbibliothek Berlin im Fontane-Archiv Potsdam befindet. Hinsichtlich der Einzelheiten dieses nur einmaligen Briefwechsels verweisen wir jedoch auf die Kommentare unserer Publikation
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