Heft 
(1890) 07
Seite
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zelnen Prozeduren sind Kinderspiel, man gewöhnt sich sehr bald daran, schlimmer ist der Zustand, wenn die Geschwüre und der Ausschlag kommen, wo dann auch sehr über Schlaflosigkeit geklagt wird; indessen versichern alle, daß man bei aller Schlaflosigkeit doch nicht erschöpft sei. Wie Du siehst, kann durch alle diese Zwischenfälle die Kur sehr in die Länge gezogen werden. Ich für meine Person muß erklären, daß ich noch nie so auf dem Damme gewesen bin, wie jetzt, obgleich ich die Kur jetzt vielleicht am schärfsten gebrauche. Ausschlag habe ich noch nicht, werde

ihn aber wohl kriegen.-Essen und Trinken ist gut,

und ich meine, die Kranken langen zu! Deine Frau kann sich freuen, wenn ich wiederkomme, die Wurst wird nicht sauer und die Spickgans nicht Zu alt werden.

Mein lieber Fritz, Du bist ein verständiger Mensch und wirst gewiß mich soweit kennen, daß ich das Beste zu thun glaube,

wenn ich zurathe, Du wirst aber auch nicht so ungerecht sein und mir Vorwürfe machen, wenn es sich nicht zum guten wenden sollte; das steht in Gottes Hand! Daß ich nicht ein alberner Nachbeter neu aufgekommener Wahrheiten bin, weißt Du, und noch heute habe ich dreist in Gegenwart von Leuten, die die Wasserheilknnst in den Himmel erheben und die übrige Medizin verdammen, die letztere allein gegen fast alle in Schutz genommen, ich bin von allen der kühlste Verehrer der Wasserkur, vielleicht weil ich der zuletzt angekommene bin, darum wird mein Rath kein übertriebener sein, und mein Rath ist, schicke Deine Mutter

hierher.-Grüße meine liebe Freundin, Deine gute Frau,

und sage ihr, wenn ich nach Th. käme, würde der Kaffeetopf Ruhe vor mir haben, den wird man hier ab. Lebe wohl und schreibe an Deinen Freund.

F. Reuter."

Moöerls erste Lieöe.

Eine Faschmgsgeschlchte von Acrrrs Arnold.

Nachdruck verboten. Alle Rechte Vorbehalten.

^ie Welt stand im Zeichen des ^ Pfannkuchens! Der Fast- ßnachtsdienstag winkte in aller­nächster Nähe, und groß und klein wurde von einer unbezwing- lichen Sucht ergriffen, sich zu maskiren!

Auch das Haus des Doktors Rademann entging der allgemei­nen Epidemie nicht, ja sie trat dies Jahr sogar in ein ernsteres Stadium! Hatten sich bisher die Kinder des Hauses damit be­gnügt, alte Hüte von der Mutter aufzusetzen, den Pelz des Vaters verkehrt umzunehmen, oder höchstens, als besonders aus­gesuchtes Vergnügen, sich ihre gegenseitigen Kleider anzuziehen und mit einer einzigen Larve, die allen gemeinsam gehörte und aus unbekannten Zeiten stammte, die Wohnung zu durchrasen, über­zeugt, ganz unkenntlich zu sein, so war in diesem Jahr eine Einladung zum Kindermaskenball an die Familie ergangen und soeben erst angenommen worden.

-Die verspätete Zusage sehr kurz vor dem festlichen Tage hatte ihren Grund in dem durchaus gerechtfertigteil Abscheu des Vaters gegen Kinderbälle in jeder Form ein Abscheu, der von seiner Frau theoretisch so lange aufs tiefste getheilt wurde, als die Versuchung, ihre Kinder zu maskiren, nicht praktisch an sie herangetreten war.

Das Fünkchen weiblicher Eitelkeit aber, welches im Herzen jeder Mutter schlummert, war bei dem Gedanken, Robert, Tony und Minchen in Charakterkostümen glänzen zu sehen, zu verzehren­der Flamme aufgelodert, in der die Einwände des Gatten wie Flor verbrannten und zu nichts wurden.

Das zweite Hinderniß war schwieriger zu besiegen gewesen. Robert, der Quartaner, befand sich in dem Stadium, in welchem Jungen alle Versuche, ihre äußeren Reize durch Toilettenkünste zu erhöhen, für etwas Unmännliches und Verächtliches ansehen, und die freundliche Einladung zumKindertänzchen", wie in diesem Fall der Kunstausdruck hieß, hatte bei dem Erstgeborenen des Hauses ein dumpfes Wuthgeheul zur Folge:Ich gehe nicht fällt mir gar nicht ein!"

. Der Vater war auf Roberts Seite, erstens aus den bereits vor­her erwähnten pädagogischen Grundsätzen überhaupt, und zweitens, weil er nach seiner ungalanten Bemerkung der Ansicht war:Meine Mädel sind von Natur Affen das liegt in der Eigenthümlichkeit des weiblichen Geschlechts warum ich mir aber den Jungen künstlich zum Affen machen lassen soll, das sehe ich nicht ein!"

Wenn uns nun jemand fragt, wie Roberts moralischer Wider­stand gegen dasVergnügen" schließlich gebrochen wurde, so müssen

wir allerdings beschämt bekennen, daß sich sein männliches Herz gegen Bestechungsversuche nicht gestählt erwies, und daß die ver­lockende Verheißung eines neuen Taschenmessers mit zwei Klingen, wie Robert deren durchschnittlich zwölf im Jahr mit Entzücken zu bekommen und mit Thränen zu verlieren Pflegte, seine Ab­neigung gegen gesellige Freuden überwand, so daß auch er seine Persönlichkeit in den Dienst des Karnevals stellte.

Die Frage der Kostümirung erregte demnächst noch einen Sturm im Wasserglase". Der Vater hielt sein Portemonnaie mit Hartnäckigkeit zu, da er für dergleichen Unsinn keinen Pfennig übrig zu haben behauptete, und die Doktorin mußte mit allem Scharfsinn, der weiblichen Herzen zu Gebote steht, aus dem Vorhandenen Neues zu schaffen suchen. Die Wahl der Verkleidung wurde denn diesemVorhandenen" durchaus angepaßt.

Robert sollte auf Rechnung eines großen Filzhutes, der von Generation zu Generation als auffällig beiseite geschoben worden war, als Fuhrmann erscheinen ein Kostüm, das um so leichter zu beschaffen war, als ein biederes Nachthemd, mit rothwollenem Band besetzt, und ein Paar lederne Schulunaussprechliche den übrigen Anzug vervollständigten. Da Robert noch die Stall­peitsche in der Hand trug, so war die historische Treue des Kostüms auffallend wer sich einen Fuhrmann anders gedacht hatte, der konnte uns eben aufrichtig leid thun und mußte sich mit seiner Enttäuschung abfinden, so gut er es imstande war.

Minchen war mit ähnlich einfachen Hilfsmitteln zu einen: Bauernmädchen umgewandelt worden, wobei ihr das Vorhandensein eines alten, schwarzen Sammetmiederchens mit goldenen Knöpfen, in dem die Mutter vor etwa fünfundzwanzig Jahren als Bäuerin auf einem Polterabend geglänzt hatte, ein bedeutendes Ueber- gewicht über ihre Geschwister verlieh.

Was endlich Tony, die Fünfjährige, betraf, so hatte mau aus einem Stück Möbelkattuu, das sich noch vorfand, einen herrlichen Hanswurstanzug für sie geschneidert, der, mit Schellen­kappe und Pritsche vervollständigt, Tony zum Glanzpunkt der Familie erhob.

Die Mutter, mit dem stolzen Gefühl:und ich, die all dies Herrliche vollendet" > putzte eben ihre Gesellschaft an, die sich nach kindlicher Sitte bei grellem Tageslichte in den Ballsaal be­geben sollte.

Robert war sich äußerst Peinlich in seiner Maske und nahm jeden ihn: vom Dienstpersonal oder den Schwestern geschenkten Blick lächelnder Bewunderung als tödliche Beleidigung auf, die er durch wüthendes Anrennen mit gesenktem Kopf rächte, so daß der Vater ihm die Versicherung gab, als zorniger Ziegenbock würde er sich viel naturgetreuer machen wie als Fuhrmann, da ein solcher sich gesitteter zu betragen Pflege.

Minchen stand in seliger Selbstversunkenheit vor dem Spiegel und betrachtete ihr eigenes Bild, wobei nur düstere Zweifel ihre Seele bewegten, ob sie nichtwas um den Hals" haben müßte eine Anmaßung, welcher die Mutter durch die mehr kühnen als begründeten Worte:Bäuerinnen haben nie etwas um den Hals!" ein schnelles und beschämendes Ende bereitete. ,