Heft 
(1890) 07
Seite
116
Einzelbild herunterladen

116

ihm um, und ihr freundliches Grinsen, wenn er nach diesem oder jenem fragte, steigerte nur noch die Heiterkeit seiner Seele.

. Gegen mittag hatten alle drei, nach mehrmaliger Rast, den Kamm des ziemlich hohen Gebirgszuges erreicht, und Lehnert sah nun weit und frei nach Norden hin. Alles, was da vor ihm lag, ! war ein wohl an sieben Meilen breites, von der von Galveston kommenden Bahn durchschnittenes Querthal, an dessen entgegen­gesetzter Seite das Land allmählich wieder anstieg, bis es abermals einen ziemlich hohen, dem diesseitigen Zuge der Shawnee-Hills entsprechenden Bergzug bildete. Dazwischen war wenig Leben. Von den Ortschaften an der Bahn hin waren nur die weiter entfernten sichtbar: Station Darlington und Station Gibson (letztere schon ganz drüben), während sich die verhältnißmäßig nahe gelegene Station Holmes sammt ihrem gleichnamigen Fort verbergen zu wollen schien. Erft als Lehnert die beiden Indianer herbeirief und nach dem Fort fragte, gaben sie seinem Auge die nöthige Richtung, und nun sah er (die Station blieb versteckt) wenigstens die vier gekupferten Thnrmchen von Fort Holmes deutlich in der Hellen Sonne blinken.

Und ehe noch sechs Uhr heran war, hatte sich Fort Holmes in aller Gastlichkeit aufgethan, trotzdem der mitgebrachte Empfehlungs­brief, und zwar infolge zufälliger Abwesenheit des Kommandanten von Fort Holmes, noch gar nicht seine Schuldigkeit hatte thnn können. Als nun aber zwei Stunden später der Kommandierende wieder daheim war und den ausführlichen Brief seines Kameraden Henry Wood von Fort Mae Culloch gelesen hatte, steigerte sich das Entgegenkommen noch um ein Erhebliches, und Aufforderungen von beinah' dringlicher Natur ergingen an Lehnert, auch in Fort Hvlmes eine längere Rast nehmen zu wollen. Lehnert aber, den ein ernstliches Verlangen erfüllte, dem vielwöchigen Nichtsthun ein Ende zu machen, blieb nur bis über den zweiten Tag. Am Morgen des dritten nahm er Abschied und schritt vom Fort aus auf das gleich­

namige Stationsgebäude zu, das in kaum halbstündiger Entfernung gerade da, wo der Schienenweg aus dem Gebirge trat, in einer halbmondförmigen Ausbiegung am Saum eines Ahvrnwäldchens lag.

Die kleine Bahnhofsuhr von Station Holmes zeigte neun Uhr früh, als Lehnert daselbst eintraf. In einer Viertelstunde mußte der von Galveston nach dem Norden führende Zug da sein, er kam aber mit erheblicher Verspätung, so daß Lehnert und die wenigen Personen, die mit ihm auf dem Bahnsteige warteten, sich beim Einsteigen beeilen mußten. Die Wagen waren nur schwach besetzt und in demjenigen, in welchem sich's Lehnert alsbald be­quem zu machen suchte, befand sich nur ein einziger Mitreisender, eilt junger Mann Volt achtzehn Jahren, der, wiewohl einigermaßen abweichend von der Mode gekleidet, trotzdem leicht erkennen ließ, daß er einem guten Hause zugehörte. Seine Züge verriethen den Deutschen, während andererseits die Sicherheit und Ruhe seiner Haltung mit gleicher Bestimmtheit zeigte, daß er, wenn auch vielleicht nicht in Amerika geboren, so doch jedenfalls amerikanisch geschult sei. Die Gegend schien er zu kennen. Er las, in die Ecke gedrückt, eine Zeitung und hatte den linken Arm ans eine Ledertasche gestützt, in deren Messingschild, wenn nicht alles täuschte, der Name des jungen Reisenden eingraviert war. Lehnert suchte denn auch das Eingravierte zu lesen, was ihm unschwer glückte.Tobias Hornbostel" stand in oberster Reihe, dicht darunter aber in etwas kleinerer Schrift:Nogat-Ehre, Station Darlington, Jndian-Territvry." Das war beinah' eine Biographie, mindestens eine volle Adresse. In Lehnert stieg, als er Namen und Ortsangaben entziffert hatte, eine alte Erinnerung auf, und wenn er schon vorher den Wunsch einer Gesprächs­anknüpfung gehabt hakte, so steigerte sich dieser Wunsch jetzt bis zu festem Entschluß. Er wollte nur warten, bis der Mitreisende das Zeitungsblatt aus der Hand gelegt haben würde.

(Fortsetzung folgt.)

Wlütter und WlutNen.

AastnachL in der Neumark. (Zu dem Bilde S. 101 .) Wie alle Volksfeste, so, wird auch Fastnacht in den verschiedenen deutschen Land­schaften mit verschiedenen Bräuchen gefeiert. Die Armuth ist überall erfinderisch, wenn es gilt, die festliche Stimmung der Begüterten zu be­nutzen. So ist es in der Nenmark eine alte Sitte, daß die Kinder armer Leute am Fastendienstag, wie unser Bild zeigt, mit einemFast­nachtspieß" von Haus zu Haus gehen. Dies Gerüche, mit welchem die jungen Sänger sich ausrüsteu, besteht ans einem anderthalb bis zwei Fuß langen, oben zngespitzten Stock mit mehreren krenzweis stehenden, spitzen Querhölzern. Die kleinen Stadtwanderer singen halb, halb sprechen sie den folgenden Vers:

Fastelabend ist hier,

Sechs Dreier zu Bier,

Sechs Dreier zu Speck,

Geh' gleich wieder weg.

Da oben in der Firste,

Da hängen drei Würste:

Die lange gieb mir,

Die kurze behalt' dir.

Schneid' weg, schneid' weg,

Schneid' ein groß Stück Speck,

Schneid' Raun:, schneid' Raum,

Schneid' nicht in 'n Baum."

Es ist dies bloß einer von vielen Versen, aber er genügt, um Wurst und Speck an den Spieß der Kinder zu zaubern. Früher gingen auch die Kinder wohlhabender Eltern zu Nachbarn und Verwandten mit dem Spieß und waren stolz darauf, recht viel Fastenbrezeln, Würste u. dergl. mit nach Hause zu bringen. ft

Heizung der Wwrsonenzüge. Die Ueberheizung eines Eisenbahn­wagens hat bekanntlich für die Gesundheit des Reisenden größere Nach­theile znr Folge als eine ungenügende Heizung. Bei den jetzigen Heizmethoden tritt das erstere Uebel leider nicht selten ein. Ans den über die Heizung der Personenzüge erlassenen Bestimmungen ist zwar zu erkennen, daß die Eisenbahnverwaltungen den Anforderungen in Bezug auf das Wohlbefinden der Reisenden Rechnung tragen wollen, indessen fehlt es bei den heutigen Betriebseinrichtungen an den nothwendigsten Prüfungsmitteln. Es ist nämlich angeordnet, irr der Zeit voll Anfang Oktober bis Ende April zu Heizen, wenn die äußere Temperatur auf -j- 50 IL sinkt. In den Monaten Dezember bis Februar soll nur aus­nahmsweise nicht geheizt werden, überhaupt darf, wenn einmal mit Heizen angefangen wurde, eine Unterbrechung nur dann stattfinden, wenn in drei

aufeinanderfolgenden Nächten die Temperatur nicht unter -st 50 U. ge­sunken ist.

Jll den Wagen ist eine mittlere Wärme voll -l- 80 U. anzustreben, welche anscheinend niedrige Temperatur im Hillblick ans die wärmere Winterkleidung der Reisenden vollständig genügt.

Unterwegs haben die Zugführer die Aussicht zu führen, auch etwaige Beschwerden der Reisenden wegen zu geringer oder zu starker Heizung nach Möglichkeit zu berücksichtigen. Zur Prüfung solcher Beschwerden fehlt aber den Zugführern ein Thermometer in ihrer Ausrüstung. Es bleibt des­halb zum mindesten anzuordnen, daß jeder Zugführer einen Wärmemesser mit sich führe, den er auf Anfordern der Reisenden in die Wagen zu reichen hat. Noch besser wäre es freilich, wenn sich die Eisenbahnver- waltungen entschließen könnten, in jeder Wagenabtheilung ein solches Instrument aufzuhüngen, damit sich die Reisenden jederzeit von der Temperatur-hohe überzeugen und namentlich den schädlichen Einflüssen einer Ueberheizung, wenn nicht anders, dann durch rechtzeitige Lüftung, selbst begegnen können.^

Das Ziel der Wünsche ist freilich eine Heizeinrichtung mit selbftthätiger Würmeregulirung.

Klemer Wrlefk asten.

(Alwmnne Anfragen werden nicht berücksichtigt.)

- Inhalt: Flammenzeichen. Roman von E. Werner (Fortsetzung). S. 101. Ungedruckte Briefe Fritz Reuters. II. S. 104. Odaliske. Illustration S. 105. Roberts erste Liebe. Eine Faschingsgeschichte von Hans Arnold. S. 108. Mit Zeichnungen auf S. 108, 109 u. 110 . Quitt. Roman von Theodor Fontane (Fortsetzung). S. 111. Madame Pompadour und Marquis Posa auf dem Maskenball. Illustration. S. 112. Madame Pompadour und Marquis Posa am nächsten Morgen. Illustration. 'S. 113. Blätter und Blüthen: Fastnacht in der Neumark. S. 116. Mit Illustration S. 101. Heizung der Personenznge. S. 116. Kleiner Briefkasten. S. 116.

Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Krön er. Verlag von Ernst Keil's Nachfolger in Leipzig.