115
„Ich weiß, GerichtsmanN Klose, weshalb Sie kommen." Dabei zog er den Hut und trat respektvoll bei Seite. Der Angeredete lächelte.
„Nun gut, Lehnert, wenn Ihr wißt, weshalb wir kommen, so werdet Ihr auch nicht erstaunt sein, wenn wir vorsichtig sind und Eure kleine Festung absperren und die Brückenstege besetzen. Ich will Euch und uns wünschen, daß sich schließlich alles als wicht nöthig gewesen' Herausstellen möge. Vorläufig aber muß ich Euch bitten, voranzugehen und dafür zu sorgen, daß wir Euch im Auge behalten. Im übrigen sollt Ihr, vor der Hand wenigstens, persönlich unbehelligt bleiben, denn es handelt sich nicht um Eure Person, sondern um eine Sache. Wir sind nämlich hier, um Euer Haus nach einem falschen Bart zu durchsuchen."
Der alte Klose sagte das so hin, um den unter Verdacht Stehenden auf eine falsche Fährte zu führen und dadurch sicher zu machen, was auch glückte. Lehnert stieg voranschreitend die Steintreppe hinan, während der Gerichtsmann und der junge Forstgehilfe folgten. Gendarm Brey aber postierte sich vor der Vorderthür und überwachte von dieser seiner Hochstellung aus die durch den anderen Trupp erfolgende Besetzung der beiden Brückenstege.
In der Stube begann inzwischen ein Wehklagen und Geschrei. Die alte Menz warf sich dem Gerichtsmann zu Füßen, küßte den: jungen Forstgehilfen die Hand und schwor und jammerte, daß sie unschuldig sei und von nichts wisse, und daß Lehnert auch unschuldig sei und ein frommes Gemüth habe, was ja der liebe Pastor Siebenhaar bestätigen könne, der ihn auf die Freischule geschickt, weil er immer die Sprüche so gut gelernt und immer neben der Orgel gestanden und am besten gesungen habe. Ja, so sei das Lehnertchen immer gewesen, ein frommes Gemüth und kränke keinen und keine Fliege nich an der Wand. Und was die Leute gesagt haben und was auch Opitz gesagt habe, — Gott Hab' ihn selig, denn er war ein engelsguter Mann, und nun gar erst die Frau, die gab all und jedem, — das sei nicht wahr und alles bloß gelogen, weil es so viel schlechte Menschen gebe, die einem nichts gönnen, und sie seien unschuldig. Uud wenn sie vor Gottes Thron stünde und sie sollte es anders sagen, so könnte sie nicht anders sagen, als daß sie unschuldig seien und Lehnert auch, denn er sei immer ein frommes Kind gewesen, und Siebenhaar unten in Arnsdorf . . .
In diesem Augenblicke wurde der junge Forstgehilfe, während die Hände der Frau Menz die Kniee des alten Klose nach wie vor umklammert hielten, einiger an einer Bindfadenschlinge hängender Kalenderblätter gewahr und machte Miene, darauf zuzuschreiten. Lehnert, der mit klugem Auge jeder Bewegung gefolgt war, wußte, daß man ihn jetzt in Händen habe.
„Laß doch, Mutter!" rief er dieser in erkünsteltem Zorne zu, während er die Knieende vom Boden aufriß, „was erniedrigst Du Dich? Ich will das nicht. Ich kann das nicht mit anseh'n."
Und die kleine Frau heftig schüttelnd, schob er sie, scheinbar nur um dem Geschrei und Gewimmer ein Ende zu machen, auf die Thür und den Flur zu.
Der mittlerweile ganz an seine Fährte gebannte Forstgehilfe war, ohne für das, was sonst in der Stube vorging, einen Blick zu haben, an die vergilbten Blätter herangetreten und hob sie sammt dem Faden, daran sie hingen, vom Nagel. Und schon das erste, worauf sein Auge fiel, war das, wonach er suchte.
„Wir haben ihn!" Und triumphirenden Auges an den alten Gerichtsmann herantretend, wies er auf die Jahreszahl oben rechts in der Ecke. „Wir haben ihn!"
Und unter diesen Worten eilte man nach dem Flur hinaus, um Lehnert, dessen Schuld nun klar war, in Verhaft zu nehmen. Aber wo war er? Die Alte lag draußen, in wirklicher oder erheuchelter Ohnmacht, jedenfalls unfähig oder unwillig, auf die stürmisch an sie sich richtenden Fragen Antwort zu gebeu. Wo war er?
Die Brückenstege waren nach wie vor besetzt, so mußt' er denn, wenn nicht ein Wunder geschehen war, im Hause selbst irgendwo verborgen sein. Und bis unter das Dach Hill wurde nun jeder Winkel und Verschlag untersucht uud die Suche bis in Schuppen und Milchkeller fortgesetzt. Man durchwühlte das Heu, die Hobelspäne, selbst in den Rauchfang stieg mall hinauf und wurde nicht milde, das oberste zu lullerst zu kehren. Alles umsonst. Die Alte wußte uichts. Er war fort.
14 .
Sechs Jahre warm hin, und wieder war Sommer, als ein schlank aufgeschossener Mann von Mitte dreißig, der in stillem Aufzuge halb einem Cooperschen Trapper und halb einem Bret Harteschen Kalifornier aus den Goldfeldern, den „Diggings" glich, auf einem bequemen Waldpfade zu den Shawnee-Hills emporstieg, einem ausgedehnten, südlich vom Staate Kansas in den sogenannten „Jndian-Territories" gelegenen Gebirgszuge. Er kam vom Fort Mac Culloch, das er schon tags vorher verlassen, und hoffte noch vor abend in dem all der andern Seite der Shawnee-Hills gelegenen Fort Holmes zu sein, all dessen Befehlshaber er einen Empfehlungsbrief hatte. Der Brief selbst aber lautete:
„. . . Dem Kommaudierenden voll Fort Holmes empfehle ich den Ueberbringer dieser Zeilen, Mr. Lionheart Menz, ans San Francisko, einen Preußen (aus Silesia) von Geburt, der bei Gelegenheit des letzten Eisenbahnunfalls nach Fort Mac Entlock) gebracht und von uns in mehrwöchige Pflege genommen wurde. Er hatte einen Bruch des linken Oberarms erlitten. Mr. Lionheart Menz hat sich hier unser aller Herzen gewonnen. Er war, eh' er nach San Francisko ging, mehrere Jahre lang in den Diggings, kam daselbst zu Vermögen und hatte vor, von San Francisko nach Portland und von Portland nach Shanghai zu gehen, um daselbst in ein Geschäft einzutreten, als der Zusammenbruch der Neu-Mexiko- Bank ihn fast um sein ganzes Vermögen brachte. Von neuem anzufangen, war er unlustig, und so hat er denn vor, es wieder als Zimmermann zu versuchen, am liebsten, seiner eigellen Allgabe nach, in der Brettschneidebranche, weshalb er an den Mississippi will, wahrscheinlich nach St. Louis und, wenn er dort scheitert, nach Milwaukee, Wisconsin. Er ist, wie alle Deutschell, musikalisch, wovon er uns Probell gab, trotzdem ihm die ganze Zeit über nur die rechte Hand zur Verfügung war. Jetzt ist er vollkommen wieder hergestellt, und Ihr werdet zu Spiel und Tanz mehr von ihm habeil als wir. Seill eigentliches Instrument ist die Zither, hierlandes wohl schwer zu beschaffen, aber er knipst auch auf der Violine, meistens mit einer Federspule, was allemal eine vorzügliche Wirkung macht. Er hat den Wunsch ausgesprochen, seine Weiterreise, zunächst wenigstens, zu Fuß machen zu dürfen, weil er sich nach so vielen Wochen voll Unthätigkeit nach Bewegung und Anspannung sehnt. Wir haben seinem Wunsche gern willfahrt und ihm zwei von unseren Cherokeeleuten als Führer und Träger mitgegeben. Unsere Bitte an Euch geht nun dahin, ihm in Fort Holmes gastlich begegnen zu wollen, mit jenem Entgegenkommen, das Ihr immer übt und sich in diesem Falle doppelt belohnen wird. Er ist nämlich, von seiner Musik ganz abgesehen, über deutsche Zustände gut unterrichtet, war Anno Siebzig in der Nähe des deutschen Kronprinzen und hat den Einzug in Paris unter Bismarcks Augen mitgemacht. Daß seine Stellung in jenen Tagen eine hervorragende gewesen sei, wird sich kaum annehmen lassen, aber er hat doch den Vorzug, von allem damals Erlebteil erzählen zu können. Ich empfehle mich Eurer kameradschaftlichen Geneigtheit.
Henry Wood, Kommandant von Fort Mac Culloch."
So der Brief, der das, was Lehnert in den letzten sechs Jahren erlebt hatte, kurz erzählte. In, so war cs gewesen: ein Vermögen war rascher hingeschwunden, als er es erworben hatte. Im übrigen war die Nachricht von dem Bankrott der Neu-Mexiko- Bank, so unvorbereitet sie ihn traf, ohne tiefere Bewegung voll ihm ausgenommen worden, weil ihn dieser beinahe völlige Vermögensverlust rasch uud mit einem Schlag einem im Lauf des letzten halben Jahres in San Francisko geführten Spekulationsleben entriß, das ihm eigentlich schon widerstand, während er es noch mitmachte. Ja, er sehnte sich aufrichtig danach, all die Stelle des mit deutschen und schweizerischen und vielfach auch mit frauzösischen Abenteurern in den Diggings verbrachten Lebens und des schlimmem in der kalifornischen Hauptstadt wieder eiu Leben voll Arbeit treten zu lassen, und die Reise nach dem Osteil erschien ihm als der erste Schritt dazu. Selbst der Eisenbahnunfall, der ihn traf, war nicht dazu angethan, ihn anderen Sinnes zu macheil. Im Gegen- theil, die stillen Wochen in Fort Mac Culloch hatteil ihn in diesen seinen Anschauungen nur noch gefestigt, und es war unter einem lange nicht gefühlten Behagen, daß er jetzt frisch und rüstig die Shawnee-Hills hinanfstieg, auf kaum fünfzig Schritt die beiden Cherokees vor sich, die seinen Koffer an einer über ihre Schultern gelegteil Stange trugen. Von Zeit zu Zeit sahen sie sich nach