Heft 
(1890) 07
Seite
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18.

Vom Gerichtskretscham aus bis zumGoldenen Frieden" war die Dorfstraße leer, und erst als Lehnert an dieser Stelle links einbiegen und auf dem mehrerwühnten Schlangelpfade nach dem tiefer gelegenen Wolfshau hinunter wollte, sah er Frau Opitz auf eben diesem Schlängelpfade herankommen und trat seitab in den Schatten eines hier stehenden Schuppens, um nicht gesehen zu werden. Frau Opitz sah ihn auch wirklich nicht und schritt ihrerseits auf den Gerichtskretscham zu, wo sie, wie man ihr in Wolfshau gesagt hatte, den Todten finden würde. Jeder war erschüttert, als sie hier in den Saal trat und dem Todten das Haar aus der Stirn strich und ihn küßte, und wenn sich schon vorher ein Stimmungsumschlag zu Gunsten Opitz' gezeigt hatte, so vollends jetzt. Die Männer hielten wohl noch zurück, aber die verheiratheten Frauen fuhren mit dem Schürzenzipfel nach den: Auge, wenn sie nicht geradezu schluchzten und weinten. Einige drängten sich an die nun Verwitwete heran und baten, sie nach Hause begleiten zu dürfen, wobei sie Hoffell mochten, noch 'was Besonderes zu hören, die gute Frau war aber entweder zu schwach oder wollte sich nicht von dem Todten trennen. Jedenfalls nahm sie statt der Anerbietungen ihrer Wolfshauer Nachbarsleute lieber das Anerbieten der Kretschamwirthin all und setzte sich zu dieser ill die Küche. Das geschäftige Treiben hier that ihr wohl und zerstreute sie, denn sie hatte den Hausfrauensinn, der sich auch in diesem Augenblicke nicht verleugnete.

Drinnen im Saale war mittlerweile das Bild ein anderes geworden. Es gab nichts mehr zu hören und zu sehen, und so vertiefen sich die bloß aus Neugier Herzugeströmten, und nur die, die wegen des Protokolls pflichtmäßig zu bleibell hatten,' blieben noch und suchten sich über einige fragliche Punkte zu einigen. Die That selbst lag klar vor. Aber die Fragewer" blieb durchaus unentschieden und wurde durch Opitz' Aufzeich­nungen, der auf einenBöhmischen" gerathell hatte, mehr ver­wirrt als aufgeklärt.

Es war kein Böhmischer," wiederholte Gerichtsmann Klose, der seinen ohnehin starken Verdacht gegen Lehnert durch das Plötz­liche Verschwinden desselben nur noch bestätigt sah,es war kein Böhmischer, und wenn ich Bestimmung zu treffen Hütte, so brächen wir in dieser Minute noch auf, um Lehnert Menz in Verhaft zu nehmen. Alles deutet auf ihn, auf ihn und keinen andern. Er hat Sonnabend sechs Uhr Wolfshau verlassen, ist das Gehänge hinaufgestiegen, und die Schulkinder haben ihn gesehen. Um acht Uhr muß er,oben gewesen sein, um neun Uhr ist es geschehen, um zehll Uhr war er auf der Hampelbaude. Niemand anders ist im Wald oben betroffen worden. All das sagt genug. Zu­dem wissen wir, daß er noch von 1870 her einen Span mit Opitz hatte, und als vorhin alles, was draußen war, in den Saal drängte, hat er immer im Hintergründe gestanden, statt mit in vorderster Reihe zu stehen, wie doch sonst wohl seine Art ist; Und als das Notizbuch von mir vorgezeigt und sein Inhalt verlesen wurde, da hat er's nicht ertragen können und ist davongegangen. Das alles hat mir den Beweis gegeben. Und ich wiederhole, der, der diesen Mord auf seine Seele geladen hat, ist kein anderer als Lehnert Menz."

Die Mehrzahl stimmte zu. Nur der jüngere Gerichtsmann, der in einer Art Eifersucht gegen den alten Klose war, unterhielt allerlei Zweifel, oder gab es wenigstens vor, und brachte diese Zweifel auch zum Ausdruck. Alles, was eben gesagt worden, fei, seiner Ansicht nach, viel zu schwach, um darauf hin eine Ver­haftung vornehmen zu können. Es lasse sich schlechterdings nicht sagen, niemand anders sei oben im Gebirge gewesen, im Gegen- theil, man wisse nie, wer oben gewesen und wer nicht. Lehnert Menz sei gescheit und umsichtig, und gerade, daß er auf der Hampelbaude vorgesprochen und genächtigt habe, das beweise sein gutes Gewissen. Auch daß er sich hier im Saal immer an der Thür gehalten und die Vorlesung der letzten Worte kaum abge­wartet habe, spreche nicht so sehr gegen ihn, als es scheine, wohl aber spreche das für ihn, daß er der erste gewesen sei, der auf Hilfe gedrungen habe. Ja, rasche Hilfe, das fei das einzig Richtige gewesen, und er für seine Person beklage jetzt aufrichtig, daß man nicht gleich gestern abend diese Hilfe geleistet habe.Mond­schein war. Und vielleicht hätten wir ihn um Mitternacht noch am Leben gefunden."

Auch diese Rede wurde beifällig ausgenommen, was den

! alten Klose sichtlich verstimmte, und weil man sich, wie das so ^ leicht geschieht, infolge dieser immer persönlicher werdenden Fehde ^ nicht recht einigen konnte, stand man eben auf dein Punkt, die ^ Frage nach der Täterschaft vorläufig wenigstens ganz fallen zu lassen, als der Grenzaufseher und gleich nach ihm der junge Forst- ! gehilfe, die man beide zu weiterer Nachforschung an Ort und Stelle zurückgelassen hatte, voll großer Aufregung eintraten. Sie waren erschöpft, denn es war immer schwüler geworden; trotzdem ließ sich unschwer von ihrer Stirn lesen, daß sie gute Botschaft brachten und ihr Suchen nach einem Anhaltspunkte nicht vergeb­lich gewesen war.

Nun, Ihr Herren," empfing sie der alte Klose mit der ihm eigenen Gemüthsruhe.Was bringt Ihr? Aber erst einen Cognac und dann Euren Bericht. Eine Bärenhitze! Maywald, wir wollen Thür und Fenster aufmachen. So! Nun herangerückt! Und nun, Ihr Herren, was giebt es?"

Der Grenzanfseher, welcher der ältere war, nahm zunächst das Wort und erzählte mit vieler Anschaulichkeit, wie sie, nach Ausmessen der Fußspuren denn 'was anderes habe sich nicht finden lassen wollen nahe dran gewesen seien, unverrichteter Sache wieder umzukehren, als sein Kamerad, und hierbei wies er auf den jungen Forstgehilfen, eines angebrannten Papierstückchens an­sichtig geworden sei, das an der abgestochenen schmalen Lehm­wand des Weges geklebt habe. Dies Papierstückchen sei, wie sie gleich vermuthet, ein Schußpfropfen gewesen, was sie denn be­stimmt habe, dasselbe sorglich auseinander zu falten und zu glätten. Hier sei es und könne vielleicht zur Entdeckung des Thäters führen; denn es sei, wie leicht zu sehen, kein gewöhnliches Stück Zeitungspapier, sondern ein Strick von einem alten Kalender, und der Monat sei noch halb und die Jahreszahl 1816 noch ganz deutlich zu lesen. Er glaube, daß das wichtig sei; denn in dem­selben Hause, drin man einen alten Kalender von 1816 finde, werde man muthmaßlich auch den Mörder zu suchen haben.

Alles war unter diesem Berichte des Grenzaufsehers in Auf­regung gerathen, weil jeder fiihlte, daß die nächste Stunde schon das Geheimniß aufklären müsse. Natürlich war eine Haussuchung nöthig, und zur Frage stand nur noch das eine, bei wem damit begonnen werden solle.

Bei wem anfangen?" fragte der Alte.

Bei Lehnert Menz," antwortete der Forstgehilfe.

Gut! Und wann?"

In dieser Minute noch. Denn er hat viel Freundschaft hier herum, und erfährt er, was wir Vorhaben, oder wohl gar, wonach wir suchen, so wandert der Kalender in den Ofen öder­er selber in die Welt. Er hat es schon lange vor."

Alle waren einverstanden. Nur einige wenige blieben im Kretscham zurück, der Rest aber ging auf Wolfshau zu.

Bei der großen Hitze, die herrschte, zog man es vor, die ganz in greller Sonne liegende Chaussee zu vermeiden und lieber von dem hochgelegenen Kretscham aus gleich nach links hin bergab zu steigen, um hier, im Schatten der Berglehne, den Weg an der Kühlung gebenden Lomnitz hin zurückzulegen. Unterwegs wurden einige wieder unsicher und Zweifel ließen sich hören, die, wenn sie nicht geradezu von dem jüngeren Gerichtsmann ausgingen, so doch wenigstens durch eben diesen genährt wurden. Ein halb­verbrannter Papierpfropfen sei gefunden worden, so viel stehe fest, aber dieser Papierpfropfen brauche keineswegs aus dem Gewehre des Wilddiebs zu stammen. Auch Opitz habe geschossen, wenn nicht im Kampf, worüber sich vielleicht streiten lasse, so habe er doch jedenfalls ein paar Noth- und Signalschüsse abgegeben, was aus seinen eigenen Aufzeichnungell hervorgehe. Solcher Aeußerungen wurden hinten im Zuge mehrere laut, aber an der Spitze der Kolonne, wo neben Klose der aus Erdmannsdorf herbeigekommene Gelldarm Brey marschirte, hielt mall an der einmal gefaßten Meinung fest ulld war nur einigermaßen überrascht, als man im Näherkommen an das Jnselchen und seine Stellmachern Lehnert Menz gewahr wurde, welcher unter der Thür stand und damit beschäftigt war, ein Paar überhängende Rosenzweige mit Bast wieder zurück an den Stamm zu binden.

So wenigstens schien es. Er stand abgewandt und sah sich bei seiner Arbeit erst um, als er den Tritt der Herankommenden auf der kleinen Bohlenbrücke hörte. Daß er zusammenfuhr und sich verfärbte, sah niemand. Entschlossen ging er dem Trupp bis an den Brückensteg entgegen und begrüßte den alten Gerichtsmann.