Heft 
(1890) 07
Seite
110
Einzelbild herunterladen

11V

fünf Mal in der Minute los ging, wieder angepicht wurde und wieder losging. Schließlich rief der wohlgemeinte Rath:Laß ihn doch ganz weg!" eine wahrhaft verzweifelte Stimmung bei dem unglücklichen Besitzer hervor, da er diesen Bart als Hauptgrund und Zweck des ganzen Maskenballs angesehen hatte.

Während solchergestalt alles mit verschiedenen Empfindungen und Zerstreuungen beschäftigt war, stand unser Robert in der Fensternische und kämpfte innerlich die verzehrendsten Kämpfe. Sein jugendliches Herz war von dem ersten Pfeil des Liebes­gottes getroffen worden, und er hätte Welten vielleicht sogar das verheißene Taschenmesser! um einen Hopser mit der Rokokodame gegeben, die schon ganz regelrechte Pas zu machen verstand und beständig mit einem oder dem andern Jungen sich im Kreise drehte.

Daß Robert der Erkorenen seines Herzens nur ungefähr bis an die Schulter reichte, steigerte seine Leidenschaft womöglich noch. Zum Entschlich konnte er aber nicht kommen, er stand und stand, den günstigsten Augenblick abwartend, und wies jede andere sich ihm darbietende Gelegenheit zum Tanzen mit männlicher Rauhheit und der einzigen Silbeweg!" ab, mit der er sich ihm freundlich nahende junge Damen wie Brumm­sliegen verscheuchte. Zum kräftigeren Ausdruck seiner Gefühle riskirte er wohl sogar auch einen kleinen Schubs, wenn die Tanz­lustigen sich durch die erste Abweisung nicht gleich ein­schüchtern ließen. Sein An- theil an den Freuden des Tages blieb daher, vom reichlichen Kuchengenuß ab­gesehen, ein ziemlich nega­tiver, während Minchen, an deren Wiege die Grazien nicht gestanden hoffen wir, weil sie vor dem Zn- drang der Musen keinen Platz gefunden hatten! als fröhliches Elefantenkalb unbefangen mit den andern, schlimmsten­falls auch mit sich selbst im Kreise sprang.

' Daß der Abend nicht zu Ende ging, ohne daß Robert den Riesenentschluß ausführte, seine Flamme zum Reigen zu führen, und daß diese auch mit einem kühlen:Meinetwegen!" sein Flehen erhörte, verdient hervorgehoben zu werden, wie denn Robert die feste Absicht faßte, sich dessen der Mutter gegenüber zu rühmen:Ich habe mit der Hübschesten getanzt!"

In diesem Entschlüsse wurde er freilich im Verfolge seiner Ball- nnterhaltung wieder schwankend, die nur darin bestand, daß die Schöne, nachdem er zweimal mit ihr ohne jede Ahnung von den Forderungen der rhythmischen Künste halb durch die Stube gehopst war, ihm einen kleinen Stoß vor die Brust gab und mehr wahr als zart bemerkte:Du Schafskopf, Du kannst ja gar nicht tanzen!"

Vernichtet zog sich Robert zurück und fühlte sich wirklich zur schwärzesten Weltverachtung geneigt, als in dem Augenblick die Musik schwieg und in die allgemeine plötzliche Stille hinein das Dienstmädchen des Hauses mit weithin vernehmlicher Stimme rief:Die Kleinen vom Herrn Doktor Rademann werden abgeholt!" Auf diese schmach­volle Aufforderung hin mußte sich Robert mit Minchen in: Bunde der Dame des Hauses empfehlen und alsKleiner",Abgeholter" noch den nagenden Zweifel im Busen mit forttragen, obder Schwarz", der Dämon der Quarta, der seinem Charakter ganz untreu als schuldloser Schäfer erschienen war, diese unsterbliche Blamage mit angehört habe und Roberts sociale Stellung in der Klasse durch Wiedergabe derselben vernichten würde.

Die derbe Rokokosee hatte jedenfalls das Schreckliche nicht vernommen, das war ein Trost! Sie stand fächerschlagend

und eifrig plaudernd mit einem Schornsteinfeger, der zu Ostern sitzen geblieben und daher nur ans unbegreiflicher väterlicher Nachsicht auf den Ball gelangt war, in einer Fensternische und übersah unsern Robert vollständig. O Bitterkeit und doch Süßig­keit der ersten Liebe!

Als die beiden kleinen Masken mit einer Menge Gewinne aus einer Lotterie zu Hause angelangt waren und dieselben vor den staunenden Blicken der Eltern ausgekramt hatten, die diesen Luxus fürrechten Unsinn" erklärten, begann Minchen mit schnatternder Geläufigkeit alle Erlebnisse des Balles mitzutheilen, wobei ver­schiedene:Siehst Du, Tony!" der kleinen Schwester die Unklug­heit ihres Verzichtes auf weltliche Vergnügungen klar machen mußten.

Die Geschwister opferten übrigens auf dem Altar der Ge­schwisterliebe einige Gewinne Minchen ein angebissenes Zucker- schaf und Robert einen likörgefüllten Bonbon eine That, der er jeden Nimbus der Großmuth sofort durch den Zusatz raubte:

Solche esse ich nicht!"

Nun, habt Ihr denn auch getauzt?" erkundigte sich die Mutter, die mit gerechtem Stolz auf ihre Ballkinder blickte.

Minchen bejahte eifrig und wichtig, während Ro­bert sich mit einem Achsel­zucken und Erröthen be­gnügte, welches dem Scharf­blick der Mutter bedeutungs­volle innerliche Erlebnisse verrieth.

Wer war denn die Hübscheste?" frug sie schein­bar unbefangen.

Die Große!" brachte Robert mit Entschiedenheit hervor.

Wie hieß sie denn?" forschte die Mutter weiter.

Ich glaube, Neumann," bekannte Robert erröthend, dessen einzige Unterhaltung mit seinerersten Liebe", wie wir wissen, nicht so ermuthigend war, daß sie ihn zu Fragen nach den Personalien der Angebeteten hätte berechtigen können.

Die nächste, sichtbare Folge der erwachten Neigung war, daß die Wände und die weißlackirten Fensterbretter in Roberts Stube verschiedene kunstvolle N in deutscher und lateinischer Sprache zeigten. Roberts Leidenschaft, den theuren Namen nach dem Vor­gang des bekannten Liedesin alle Rinden" einzuschneiden, ging sogar noch weiter: als der Klassenlehrer den Liebenden wegen mangelhaft gelernter Vokabeln zu der schmachvollen Strafe des Eckestehens" verdammte, versüßte dieser sich den schmerzlichen Augenblick dadurch, daß er in die Wand der bewußten Ecke ein etwas mißgebornes Herz einkratzte, worin sein und der vornamen­losen Neumann Anfangsbuchstaben prangten.

Die Eltern nahmen von der zarten Neigung ihres Sohnes, die so jeder Nahrung von außen entbehrte er hattedie Neumann" seit dem Maskenabend nie wieder gesehen! weiter keine Notiz, nach dem bewährten Grundsatz, daß solcher Blödsinn an: ersten ein Ende nimmt, wenn man sich gar nicht darum kümmert.

Nur der Vater legte bei einer besonders abscheulich ausge­fallenen Schularbeit den Finger roh an die blutende Wunde, indem er dem erziehlichen Kopfstück noch die verbitternde Be­merkung hinznfügte:Wenn das die Neumann wüßte!" eine Aeußerung, die, da der betrübende Fallvor der Minchen" er­örtert wurde, Robert mit rebellischer Empfindung gegen das Ober­haupt der Familie erfüllte.

Das von den Eltern vorausgesehene Ende der Leidenschaft sollte in schneller und unerwarteter Weise Hereinbrechen.

Robert ging an einen: schönen Wintertag nach der Schlitt­schuhbahn, von der Mutter, Minchen und Tony begleitet, die ihn