Heft 
(1890) 17
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und rußigen Hemden der Arbeiter, die Verachtung gegen die Un­wissenheit und Plumpheit der neuen Machthaber und schmeichelte sich bei denselben zunächst mit einer allgemeinen Zustimmungs- erklärung ein. Endlich in die Kommune zugelassen, ließ er es sein erstes sein, als rechtgläubiger Robespierrist alle militärischen Titelauszeichnungen, an denen doch die Kommunarden eine so kindliche Freude hatten, zu bekämpfen und insbesondere den be­rüchtigten General Cluseret zu stürzen. Sowohl sein Verlangen, die militärische Gewalt müsse nur die blinde Vollstreckerin des Willens der Volksvertreter sein, wie seine fortwährende Klage, daß die geistige Unzurechnungsfähigkeit der meisten Kommunemitglieder nicht die Abhaltung öffentlicher Sitzungen gestatte, brachte ihn mehrmals in Gefahr, verhaftet zu werden. Uebrigens bewies er, um seine Genossen wieder zu versöhnen, die Unerschrockenheit des echten Jakobiners dadurch, daß er jeden, der etwa noch zweifelte, es blühe jetzt die wahre Freiheit in Paris, kurzweg als Ver- räther verurtheilte, alle mißliebigen Blätter unterdrückte und den hauptsächlich auf sein Betreiben eingesetzten Wohlfahrtsausschuß zu immer rücksichtsloserem Auftreten ermunterte.

Endlich, es waren allerdings nur noch zwei Wochen bis zum Untergänge der ganzen Herrlichkeit, wurde der schönste Traum seines Lebens erfüllt: Delescluze, ein einfacher Schriftsteller und Bürger, ward an die Spitze der ganzen Kriegsverwaltung gestellt. Muthig, sicher aber gegen sein besseres Wissen und Gewissen, weissagte er der Nationalgarde in einer Ansprache den Sieg, der das Heil aller Völker sein werde. Um diesen unmöglichen Sieg an die Fahne der Kommune zu fesseln, ließ er dann durch ganz Paris von Haus zu Haus nach Widerspenstigen fahnden und die Unglücklichen, die sich durch Flucht entziehen wollten, vor das Kriegsgericht stellen und täglich neue erlogene Siegesnachrichten der Kommune verbreiten. Ja, er forderte, als die Versailler schon in Paris standen, die Nationalgarde noch auf, sich bis auf den letzten Mann zu vertheidigen und im Nothfalle sogar, um den Feind aufzuhalten, dieses und jenes Haus mit Feuer zu zerstören.

Man weiß, wie die Kommunarden diesen Wink befolgten. Als Delescluze aber erfuhr, daß man auch Feuer an die Tuilerien, das Palais Royal und das Stadthaus gelegt hatte, rief er verzweiflungs­voll den um ihn noch versammelten Mitgliedern der Kommune

zu:Ihr seid ein Haufe Ruchloser, Ihr habt mich entehrt, mich, einen alten Republikaner; ich habe jetzt nichts mehr zu thun als zu sterben." Keiner hielt den zürnenden Greis auf; er ging nach seiner Wohnung, legte frische Wäsche und Kleider an und schritt waffenlos auf die vom Heere beschossene Barrikade am Boulevard Voltaire, wo er alsbald den gesuchten Tod fand.

Noch rauchten die Trümmer des Stadthauses und so vieler andern öffentlichen Gebäude; noch hörte man aus der Kaserne Lobau das Knattern der Gewehre, welche die Gefangenen der Kommune hundertweis hinstreckten; Mac Mahon war, von der Bevölkerung ehrerbietig begrüßt, mit seinem Generalstabe daher geritten, und eben sah ich Thiers, von seinen Ministern umgeben und von 80 berittenen Gendarmen begleitet, durch die Stadt fahren. Da redet mich auf der Straße eine bekannte Stimme an. Es ist ein nach der neuesten Mode gekleideter Stutzer, mit einem zierlichen Kürbishütchen aus dem Kopfe, ein geckenhaftes Monocle im Auge. Lächelnd flüstert mir der Mann seinen Namen zu. Aristide Rey steht vor mir; er hat Schlapphut und Vollbart ent­fernt und sich so zugerichtet, daß ihn kein Späherblick zu erkennen vermag. Sonst ist er unverändert, uubekehrt durch die grauen­haften Ereignisse der jüngsten Zeit. Gleichmüthig berichtet er mir das Ende der hervorragenderen Kommunemitglieder; die Brand­stiftungen und Mordthaten beirren ihn nicht in der Ueberzeugung, moralisch habe die Kommune gesiegt und dieser Sieg werde eine Bewegung über ganz Europa bringen, die nicht früher ruhen werde, als bis die ganze gegenwärtige gesellschaftliche und staatliche Ord­nung aufgelöst sei.

Nun hat bekanntlich auch Thiers in seinem Vermächtniß an die Franzosen mit einem bestimmten Seitenblick über die Vogesen hinüber geweissagt, die Krankheit der Kommune werde ihre Wanderung noch durch andere europäische Länder antreten. Allein ich halte an der Ueberzeugung fest, die ich einst im Vorworte zu meinemTagebuch unter der Pariser Kommune" ausgedrückt habe, daß das erst im rechten Aufstreben begriffene deutsche Bürger­thum und ein an Manuszucht unübertroffenes Heer unüber­windliche Hindernisse für eine Nachahmung der Kommune sein würden. Jedenfalls würde diese aber nicht ans Schriftsteller rechnen können, wie sie ihr in Paris zur Verfügung gestanden haben.

Msmarcks Abschied von Merlin.

Mit Bild Seite 289.

"ITaum stärker und überzeugender konnte sich dem aufmerksamen Bcob-

achter die ewige Kraft alter Wahrheiten aufdrängen, als in den Tagen, wo es feststand, daß der große Kanzler die Reichsfeder aus der Hand legen werde und zu dem Entschluß gelangt sei, in ländlicher Zurückgezogenheit zu Friedrichsruh sein Leben zu beschließen. Eine ewige Wahrheit aber bleibt, daß nichts so Großartiges in dieser wechselnden Welt geschehen kann, das nicht durch den Eindruck des Neuen, und seüs auch nur durch das, was des Tages Welle täglich unverändert an den Strand spült, in seiner Bedeutung herabgedrückt wird.

Während der Ungewißheit über den Ausgang dieses großen geschicht­lichen Ereignisses hatte sich allerdings der Berliner Bevölkerung eine starke Bewegung bemächtigt. Wenn es keineswegs dieselbe heftige und leiden­schaftliche Erregung war, welche sich zu Lebzeiten Kaiser Friedrichs bei gleichem Anlaß kundgab, so ist dies sicher auf den Umstand zurückzuführen, daß einerseits durch jene Vorgänge der Gedanke an die Möglichkeit eines Rücktrittes bereits Wurzel geschlagen hatte und dadurch der außerordent­liche Eindruck abgeschwücht wurde, andererseits die Bevölkerung von der Ueberzeugung durchdrungen war, der Kanzler wolle gehen, und der Kaiser empfinde seinen Entschluß in gleicher Stärke wie der begeistertste Anhänger des Scheidenden.

Nach der endgültigen Thatsache trat aber eine unnatürlich ruhige Ergebung in das Unvermeidliche ein, und wenn auch die Meinungen sich theilten, wenn auch das jüngere Geschlecht, insbesondere die Studenten­schaft, wenn auch die Frauen, Militärpersonen und Beamten vielfach eine fast stürmische Sympathie äußerten, wenn auch in der übrigen Bevölkerung bei manchen sich eine Stimmung bemerkbar machte, die nahe daran war, in der Lebhaftigkeit des Gefühls nach den Trauerfahnen zu greifen, die so oft in kurzer Zeit das Leid der Menge über das Hinscheiden eines edlen Hohenzollern zum Ausdruck gebracht hatten, so blieb doch im allgemeinen Berlin in dem gewohnten, ruhigen Schritt, und gegen.das Wort Bismarck tauschte sich lediglich der Name Caprivi.

Und dennoch wäre es falsch, wollte man glauben, daß Dankbarkeit, Verehrung und Bewunderung für den Mann, der Deutschland sein ge­bietendes Antlitz verliehen, aus dem Herzen der Bevölkerung gewichen sei. Bei dem Scheiden des großen Kanzlers sind ihm Huldigungen'dargebracht worden, die einen überwältigenden und zugleich rührenden Charakter trugen. Des Fürsten Abreise aus Berlin wird die Geschichte in ihre Tafeln einzeichnen, und wer theilgenommen hat an diesen tief aus dem Herzen dringenden Kundgebungen, wird den Eindruck nie wieder vergessen.

Als sich am Sonnabend den 29. März die Nachricht verbreitete, daß der Reichskanzler an diesem Tage Berlin für immer verlassen werde, war schon um die Mittagsstunde das Palais in der Wilhelmstraße umlagert. Aber erst gegen 4^ Uhr machten sich die Anzeichen der Abreise bemerkbar, indem sich die mit dem Gepäck der fürstlichen Familie beladenen Wagen in Bewegung setzten. Als die zur Abschiedsehrenwache bestimmte Schwadron der Gardekürassiere mit Standarte und Regimentsmusik an dem Palais vorüber nach dem Lehrter Bahnhof zog, begannen sich auch die Linden bis zum Brandenburger Thor mit Menschenmassen zu füllen, und als endlich kurz nach 5 Uhr die fürstliche Familie, der Kanzler mit seinem Sohn Herbert voranfahrend, erschien, schollen brausende Hochrufe ihr entgegen. Aber es blieb dabei nicht. Schon in der Wilhelmstraße hatte sich das Publikum stürmisch und begeistert an den Fürsten herangedrängt. Hände streckten sich ans, dichter zog sich der Kreis, der Schutzleute- nicht achtend. Da jeder noch einmal in die Nähe des nun für immer Scheidenden ge­langen wollte, ward der Wagen umringt und gehemmt und vermochte sich nur im langsamen Schritt fortzubewegen. Frauen überschütten den Fürsten mit Blumen, vielen reicht er bewegt die Hand, und erst allmählich wird die Bahn frei und erreicht der Kanzler, bis zum Ziel von den lebhaftesten Kundgebungen begrüßt, den Bahnhof.

Hier aber gestaltete sich die Feier in noch weit großartigerer Weise. Zahlreiche Damen, die schon seit fast einer Stunde des Kommenden ge­harrt hatten, überreichten dem Kanzler abermals Blumensträuße, und be­täubende Hurrah von seiten der dicht aufgestanten Massen erfüllten die Luft. Bald nach fünf Uhr nahm die Ehrenwache der Gardekürassiere in ihren schimmernden Uniformen mit gezogenem Säbel Stellung ans dem Bahnsteig; vor dem Bismarckschen Salonwagen hatte sich ein auser­wählter Kreis von der fürstlichen Familie nahestehenden Personen ein­gefunden, Vertreter des Kaisers, Gesandte, hohe Militärs, Minister, höhere Beamte hatten sich ihnen angeschlossen, und auch der neue Reichs­kanzler von Caprivi ragte unter der Menge hervor. In der Halle des Bahnhofs überreichten Abgesandte des Kaisers und der Kaiserin dem Fürsten Bismarck wundervolle Blumen, ein Veilchenkissen, in dessen Mitte sich ein prachtvoller Lorbeerkranz mit schwarz-weiß-rother Schleife befand, und einen Korb mit duftendem Flieder, der Von rothen und weißen Rosen umgeben war. Bis zur Eingangspforte schritten die Versammelten dem Fürsten entgegen, eine Fanfare der Militärmusik ertönte, jubelnd fiel das Publikum draußen und drinnen ein, und ein langer Austausch von Hände­drücken erfolgte zwischen dem Scheidenden und den Abschiednehmenden.