Heft 
(1890) 21
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stolze, hoch zum Himmel aufragende Koppe, das Hohe Rad, die Schneegruben und zu unseren Füßen den schreckhaft gähnenden Abgrund, in dem Kunigundens waghalsige Freier ihr elendes Ende gefunden haben. Ein biederer Schlesier hat darauf einen Vierzeiler gedichtet, welcher lautet:

Das Weibsbild kunnde Uf Knie'n mich bitten

Ich war' mit da Rittern Ni mitte geritten."

Es war bereits dämmerig geworden; feuchte Schleier umwoben Thal und Gebirg, als ich wieder ins Dorf hinabschritt. In den alten, trüb­sinnig dreinschauenden Nadelbäumen flüsterte es seltsam, und es war schier, als ob der ruhelose Geist des stolzen, grausamen Edelfräuleins, das einst da oben sich gesonnt im Glanze seiner Schönheit, leise an mir vorüberschwebe.

Der Morgen ist thaufrisch und sonnig. Ein fröhliches Wanderlied klingt mir durch den Sinn, indem ich ans Petersdorf, die stattliche, vbstge- segnete, industriereiche Ortschaft, zu- marschire. Nachdem ich dieselbe erreicht, muß ich mehrmals den Zacken über­schreiten, in dessen Bett sich

noch immer die Spuren der letzten Ueber- schwemmung zeigen. Am Ende des Dor­fes nimmt die Landschaft ein völlig anderes Gepräge an; eine kühle, erfrischende Waldluft weht mir aus der engen Felsenschlucht, die ich betreten habe, ent­gegen. Langsam, in gleich­mäßiger Steigung, geht's bergan. Der üppigste Pslanzenwuchs gedeiht in dem feuchten Grunde;

Birken, Buchen, Ahorn- büume und Fichten, nur hin und wieder dem nack­ten Stein Raum lassend, sich vorzudrängen, heben ihre Gipfel empor; un­zählige Wasserstürze schäu­men an mir vorüber. Hier ist ein wahres Wunderland für Maler, jeder Schritt bietet ein neues, herrliches Bild. Aber die Krone von allem ist der Kochelfall, der einige hundert Schritt von der Straße in tiefster Waldeinsamkeit, von hundertjährigen Bäumen beschattet, mit seinem goldbraunen Wasser in eine tief eingewaschene Felsenrinne hinabstürzt.

Wenn man dann auf die Straße zurückkehrt und noch eine halbe Stunde am Zacken aufwärts gewandert ist, so erweitert sich mit einem Male die dunkle Schlucht, und Schreiberhau, die be­strickend schöne Sommerfrische des Riesengebirges, liegt vor unfern Augen. In bunter Abwechslung grüßen uns freundliche Häuser und prachtvolle, vornehme Villen, auf blumenreichen Wiesen ver­streut, über denen der Reifträger emporsteigt und die Felsenrippen der Schneegruben sich erheben.

In kurzer Zeit gelangt man nach der Josephinenhütte, einer weitberühmten Glashütte, die vorzugsweise Luxusglaswaren er­zeugt, und von da geleitet uns ein wundervoller Waldweg nach dem Zackenfalle, der 26 Meter hoch, freilich nicht ohne künst­liche Spannung wie alle Wasserstürze des Riesengebirges, in die

tost. An granite­nen Wänden, wo üppiges Moos, Lattichblätter und Farnkräuter wuchern, über sich hochanstrebende Tan­nen und Fichten, stürzt er in blendender, diamantenstäu­bender Pracht hinab in sein nächtliches Bett, in Schaum und Gestrudel.

Vom Wassersturz des Zacken führt der Weg allmählich auf den Kamm des Gebirges, das wie eine granitene Mauer Schlesien, mein schönes Heimathland, von Böhmen trennt. Der Wald wird, je höher man steigt, immer niedriger, die Fichten schrümpfen mehr und mehr zusammen und das Gebiet des Knieholzes, der Zwergkiefer, die ohne eigentlichen Stamm buschartig ihre Aeste an der Bodenfläche ausstreckt, be­ginnt. Auf meiner Wanderung begegne ich der erstenBaude", derNeuen Schlesischen Baude". So werden die auf Stein ruhenden Blockhäuser genannt, in welchen die gutmüthigen, treu­herzigen Gebirgsbewohner Hausen und auch der müde Bergsteiger labende Erfrischung, Atzung und Herberge findet. Diese Bauden, die ohne Ausnahme von einer üppigen, sorgfältig gepflegten Wiese, demGarten", umgeben find, werden in Sommer- und Winter­bauden geschieden, d. h. in solche, deren Insassen mit ihrem Vieh im Winter in die Thäler ziehen, und in solche, die das ganze Jahr bewohnt bleiben. Früher ließen sie manches, oder sagen wir lieber: vieles zu wünschen übrig; die fortschreitende Zeit hat