Heft 
(1890) 21
Seite
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Es giebt aber einen Punkt, wo diese Pflicht aufhört, Du kennst ihn jetzt richte Dich danach!"

Er kehrte seinem Sohne den Rücken und trat wieder an das Fenster. Hartmut sprach kein Wort mehr, stumm, ohne einen Laut wandte er sich zum Gehen.

Das Vorzimmer war nicht erleuchtet, aber es war erfüllt von dem Wiederschein des glühenden Himmels ha draußen, und in diesem Scheine stand eine Frau, todtenbleich, die Augen mit einem unbeschreiblichen Ausdruck auf den Nahenden gerichtet. Er sah auf, und ein einziger Blick zeigte ihm, daß sie alles wußte. Das war das Letzte! Vor dem Weibe, das er liebte, hatte er, diese tödliche Demüthigung empfangen, vor ihr war er nieder­geworfen in den Staub!

Hartmut wußte nicht, wie er das Schloß verlassen hatte, wie er in das Freie gelangt war, er fühlte nur, daß er ersticken müßte in diesen Mauern, daß es ihn hinausjagte mit Furien­gewalt. Er fand sich erst wieder am Fuße einer Tanne, die ihre fchneebedeckten Aeste auf ihn niederneigte. Es war Nacht im Walde, kalte, eisige Winternacht; aber droben am Himmel leuchtete fort und fort das geheimnißvolle Licht mit purpurner Gluth, mit zuckenden Strahlen, die sich hoch oben im Zenith zu einer Krone einten ein loderndes Flammenzeichen!

Es war wieder Sommer geworden, der Juli hatte bereits seinen Einzug gehalten, und in den heißen, fonnendurchglühten Tagen lockte das Waldgebirge unwiderstehlich mit seinen kühlen Schatten und der grünen, duftigen Pracht seiner Thäler und Höhen.

Ostwalden, die Besitzung, die Herbert von Wallmoden noch unmittelbar vor seinem Tode gekauft hatte, ohne daß es ihm vergönnt gewesen war, sie auch nur einen Sommer lang zu be­wohnen, hatte seitdem vereinsamt gelegen, aber vor einigen Tagen war die junge Witwe in Begleitung ihrer Schwägerin, der Frau von Eschenhagen, dort eingetroffen. Sie hatte bald nach dem Tode ihres Gemahls die süddeutsche Hauptstadt verlassen, um mit ihrem Bruder, der auf die Trauernachricht sofort zu ihr geeilt war, nach der Heimath zurückzukehren. Ihre kurze Ehe hatte nur acht Monate gewährt, und jetzt trug die noch nicht zwanzigjährige Frau die Witwentrauer.

Regine ließ sich leicht bestimmen, ihre Schwägerin zu be­gleiten. Die einst so unumschränkt herrschende Gebieterin von Burgsdorf war bei ihremEntweder- oder" geblieben, und da sich Willibald ebenso hartnäckig zeigte, hatte sie ihre Drohung wahr gemacht und war nach der Stadt übergesiedelt, noch wäh­rend der ersten Trauerzeit um ihren Bruder.

Frau von Eschenhagen täuschte sich aber, wenn sie glaubte, mit diesem letzten Mittel noch eine Wirkung zu erzielen. Sie hatte gehofft, ihr Sohn werde es auf eine wirkliche Trennung doch nicht ankommen lassen, aber es war vergebens, daß sie ihn die ganze Bitterkeit dieser Trennung durchkosten ließ. Der junge Majoratsherr bekam vollauf Gelegenheit, zu zeigen, daß seine er­wachende Selbständigkeit und seine Liebe nicht nur flüchtige Auf­wallungen gewesen waren. Wohl versuchte er alles, um die Mutter umzustimmen, als es aber nicht gelang, da zeigte auch er den gleichen Trotz, und Mutter und Sohn hatten sich seit Monaten nicht mehr gesehen.

Noch war allerdings seine öffentliche Verlobung mit Marietta nicht erfolgt. Er glaubte seiner früheren Braut und deren Vater die Rücksicht schuldig zu sein, der ersten aufgehobenen Verbindung nicht sofort eine zweite folgen zu lassen. Ueberdies war Marietta durch ihren Vertrag noch volle sechs Monate an das Hoftheater gefesselt, und da ihre Verlobung vorläufig noch Geheimniß blieb, so war eine frühere Lösung dieser Verpflichtungen nicht zu er­reichen gewesen. Das junge Mädchen kehrte erst jetzt in das Haus des Großvaters zurück, wo auch Willibald erwartet wurde. Frau von Eschenhagen wußte selbstverständlich nichts davon, sonst hätte sie schwerlich eine Einladung angenommen, die sie in die Nähe von Waldhofen brachte.

Der Tag war sonnig und heiß gewesen, erst die späteren Nachmittagsstunden brachten einige Kühlung, aber die Fahrstraße nach Ostwalden war größtentheils schattig, da sie durch die Rodecker Forsten führte. Auf dieser Straße trabten zwei Reiter dahin, der eine, in grauer Joppe und Jägerhut, war der Oberforstmeister von Schönau, der andere, eine schlanke, jugendliche Gestalt in einem sehr gewählten Sommeranzuge, der Fürst Adelsberg. Sie hatten sich zufällig auf dem Wege getroffen und bei der Begrüßung erfahren, daß sie beide das gleiche Ziel hatten.

(Fortsetzung folgt.)

WtÄLLer und WlutHen.

Ale Hpfer des KcuchtthurrnlichLes. Man hört oft von den Ver­heerungen, welche die Leuchtthürme unter der Vogelwelt anrichten; namentlich während der Zugzeit, so wird erzählt, sollen unzählige Vögel auf das Licht losfliegen und an den dicken Glasscheiben derLaterne?" sich Hals und Flügel brechen. Die Thatsache ist an und für sich wahr, nur die Massenhaftigkeit der auf diese Weise zu Grunde gegangenen Vögel wird von Fachleuten in Abrede gestellt. Man hat die Leuchtthurm­wächter zur genaueren Beobachtung veranlaßt und die Ermittelungen des Oberwächters Gaebel an dem Leuchtthurm in Horst bei Treptow an der Rega sind neuerdings von H. Röhl in einem Fachblatte veröffentlicht worden. Die Zahl der umgekommenen Vögel schrumpft danach bedeutend zusammen, von Tausenden todter Vögel, die in einer Nacht gesammelt werden sollten, ist darin keine Rede. Die Zahlen stellen sich erfreulicher­weise viel niedriger; so wurden im Jahre 1885/1886 nur 190 todte Vögel an dem genannten Leuchtthurm gefunden; im nächsten Jahre 158; im Jahre 1887/1888 140 und im Jahre 1888/1889 nur 62.

Durch diese Beobachtungen wird die schon früher ausgestellte An­nahme bestätigt, daß die Vögel sich mit der Zeit an das Hinderniß ge­wöhnen und es zu meiden lernen; denn nicht das Licht zieht die Vögel in ihr Verderben hinein, sondern die meisten werden an die Leuchtthürme in stürmischen Nächten angetrieben. Die älteren Vögel, welche die be­stimmte Straße schon öfters gezogen sind, warnen alsdann die jüngeren, und so wurde auch wiederholt bei größeren Zügen bemerkt, daß sie sich, sobald sie in die Nähe der Leuchtthürme kamen, hoben und jenseits sich senkend ihre Straße weiter zogen.

Dasselbe, bemerkt dazu Röhl, trifft bei unseren Telegraphendrähten zu. Wie viele Vögel gingen früher an ihnen zu Grunde! Jetzt wird das höchst selten oder gar nicht mehr beobachtet. Im vorletzten Jahre aller­dings fand man viele Steppenhühner durch sie beschädigt oder getödtet, weil sie ebenfalls diese Drähte nicht kannten. Wären sie bei uns geblieben, so hätten sie sich auch daran gewöhnt wie alle unsere Vögel.

So steht auch zu erwarten, daß die Leuchtthürme mit der Zeit immer weniger Opfer fordern werden.Aber jene Opfer," schließt Röhl,sind nicht umsonst gefallen; durch sie sind die für die Wissenschaft so wichtigen j Zugstraßcn der einzelnen Vogelarten festgestellt worden." * >

Gin deutscher Wationakhort. Wenn die natürlichen Schätze an Kohle und Eisen der Gradmesser für den Reichthum eines Landes sind, so ist Deutschland nach dieser Seite hin in einer glücklichen Lage; es hat, was das Eisen anbetrifft, durch die Erwerbung von Lothringen zu seinen alten Schätzen an Eisenerz ein neues fast unerschöpfliches Eisenerzlager gewonnen: die lothringischen Minettegruben. Auf französischem Boden bei Nancy beginnend, erstreckt sich diese ungeheuere Schatzkammer am linken Moselnfer entlang über Pagny, Noveant, Ars, Metz, Amanweiler bis Diedenhofen, geht dann weiter in das Luxemburger Ländchen hinein bis Düdelingen und tritt dann bei Longwy und Longuyon nach Frankreich zurück. 60 üm von 100 üm entfallen davon in ihrer größten Mächtigkeit auf Deutschland. In zahlreichen Seitenthälern, von Noveant nach Gorze, von Ars nach Gravelotte, von Monlins nach Amanweiler, im Bronvaux- thale westlich von Maizieres tritt das Erz zu Tage.

Das lothringische Erzlager ist das mächtigste in Europa nächst den: englischen von Cleveland. Man hat dasselbe ans 2 Milliarden Tonnen geschätzt; die Förderung von 1888 mit nahezu 3 Millionen Tonne:: zu Grunde gelegt, würde es noch über 700 Jahre Vorhalten.

So haben wir alle Ursache, das mit dem Blute der Edelsten unseres Volks erworbene Land eifersüchtig zu hüten als einen Hort unseres Wohlstandes.

Kleiner Ariefkasten.

Anhalt: Madonna im Rosenhaa. Roman von Reinhold Ortmann (Fortsetzung). S. 34t. Abenteuer auf dem Lande. Bild. S. 341. Im Riesengebirge. Ein Wanderblld von Max Heinzel. S. 347. Mt Abbildungen S. 344 und 345, 347, 348, 349. Der Pfingstlotter. Eine Skizze aus dem steirischen Volksleben von P. K. Rosegger.

o5l. Luchem Bilde S. 353. Flammenzeichen. Roman von E. Werner (Fortsetzung). S. 852. Blätter und Blüthen: Die Opfer des Leuchtthurmlichtes. S. 356. Ein deutscher Nationalhort. S. 356. - Kleiner Briefkasten S. 356. ^ ^ /

Herausgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Krön er. Verlag von Ernst Keil's Nachfolger in Leipzig. Druck von A. Wiede in Leipzig-