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Hartmut wollte auffahren bei dem furchtbaren Worte, das Blut stieg ihm wieder heiß und wild in die Stirn -— da sah er auf jene andere Stirn unter dem zu Schnee gebleichten Haar, und gewaltsam bezwang er sich.
Die beiden glaubten allein zu sein bei dieser Unterredung in der Stille der Nacht, es schlief ja schon alles im Schlosse, sie ahnten nicht, daß sie einen Zeugen hatten. Adelheid von Wallmoden war nicht zur Ruhe gegangen, sie wußte, daß sie doch keinen Schlaf finden würde nach dem Tage, der sie so jäh und schreckensvoll zur Witwe gemacht hatte. Noch in dem dunklen Reiseanzuge, den sie bei der Unglücksfahrt getragen hatte, saß sie in ihrem Zimmer, als auf einmal die Stimme des Oberst Falkenried an ihr Ohr drang. Mit wem konnte er denn noch sprechen zu so später Stunde? Er war ja ganz fremd hier, und die Stimme klang so seltsam dumpf und drohend! Unruhig erhob sich die junge Frau und trat in das Vorgemach, das die beiden Zimmer voneinander schied, nur auf einen Augenblick, wie sie meinte, nur um zu hören, ob dort drüben nichts geschehen sei. Da vernahm sie eine andere Stimme, die sie kannte, vernahm das Wort: „Vater!" und wie ein Blitz zuckte die Wahrheit vor ihr auf, die ihr schon die nächsten Worte enthüllten. Wie an den Boden gefesselt blieb sie stehen, aber durch die nur halb geschlossene Thür drang jeder Ton an ihr Ohr.
„Du machst mir diese Stunde schwer," sagte Hartmut mit mühsam erzwungener Fassung. „Sei es, ich habe nichts anderes erwartet. Wallmoden hat Dir alles gesagt, ich kann es mir denken; dann konnte er Dir aber auch nicht verschweigen, was ich erreicht und errungen habe. Ich bringe Dir den Lorbeer des Dichters, Vater, den erstell Lorbeer, der mir zutheil geworden ist. Lerne mein Werk kennen, laß es zu Dir sprechen, dann wirst Du es fühlen, daß sein Schöpfer nicht leben und athmen konnte in dem Zwange eines Berufes, der jede Poesie ertödtet, daun wirst Dll den unseligen Knabenstreich vergessen."
Das war wieder Hartmut Rojanow, der jetzt sprach, mit seinem übermüthigen Stolze, seinem hochmüthigen Selbstbewußtsein, das ihn selbst in dieser Stunde nicht verließ, der Dichter der „Arivana", für den es keine Pflichten und Schranken gab; aber hier fand er einen Fels, all dem er scheiterte.
„Dell Knabenstreich?" wiederholte Falkenried ebenso herb wie vorhin. „Ja, man hat es so genannt, um mir das Verbleiben im Dienste zu ermöglichen; ich nenne es anders, und jeder meiner Kameraden mit mir. Dll standest vor dem Fähnrich, in wenigen Wochen wäre es auch vor dem Gesetze schmachvolle Fahnenflucht gewesen, ich habe es nie anders angesehen. Du warst in den strengen Ehrbegriffen unseres Standes auferzogen und wußtest, was Dil thatest, Du warst kein Knabe mehr. Wer dem Waffendienste, den er seinem Vaterlande schuldet, heimlich entflieht, der ist eill Deserteur, wer ein gegebenes Wort bricht, der ist ein Ehrloser! Du hast beides gethan! Aber freilich, über solche Dinge kommst Du und Deinesgleichen leicht hinaus."
Hartmut biß die Zähne zusammen, er bebte am ganzen Leibe bei diesen schonungslosen Worten, und seine Stimme klang dumpf, halb erstickt, als er antwortete:
„Hör' auf, Vater, das ertrage ich nicht! Ich habe mich beugen, habe mich unterwerfen wollen, aber Du treibst mich selbst von Dir. Das ist dieselbe grausame Hörte, mit der Du auch einst meine Mutter voll Dir getrieben hast, ich weiß es aus ihrem eigeneil Munde. Wie sich auch später ihr Leben gestaltet hat, wie sich das meine gestaltete durch sie, diese Härte allein hat es verschuldet."
Der Oberst kreuzte die Arme und ein Ausdruck unsäglicher Verachtung zuckte um seine Lippen.
„Ans ihrem eigenen Munde weißt Du das? Möglich! So tief ist ja keine Frau gesunken, daß sie nicht versuchen sollte, ihrem Sohne eine solche Wahrheit zu verschleiern. Ich wollte Dein Ohr damals nicht entweihen mit dieser Wahrheit, denn Dll warst noch schuldlos und rein. Jetzt wirst Du mich ja wohl verstehen, wenn ich Dir sage, daß jene Trennung ein Gebot der Ehre war. Der Mann, der meine Ehre befleckt hatte, fiel von meiner Kugel, und sie, die mich verrieth — sie stieß ich von mir."
Hartmut erbleichte bei dieser Enthüllung. Das hatte er nicht gewußt, nicht geahnt, er hatte in der That geglaubt, daß nur die Härte, die in dem Charakter des Vaters lag, die Trennung verschuldet habe. Immer tiefer und tiefer sank ihm das Bild
i der Mutter, die er doch so heiß und leidenschaftlich geliebt hatte wie sie ihn, wenn er es anch bisweilen fühlte, daß sie sein Verderben war.
„Ich wollte Dich behüten vor dem Gifthauche dieser Nähe und dieses Einflusses," fuhr Falkeuried fort. „Thor, der ich war? Auch ohne das Eingreifen Deiner Mutter warst Dll verloren für mich; Dll trägst die Züge Deiner Mutter, es ist ihr Blut, das iu Deinen Adern rollt, und das hätte sich früher oder später sein Recht erzwungen. Du wärst doch geworden, was Du jetzt bist — ein heimathloser Abenteurer, der kein Vaterland und keine Ehre mehr kennt!"
„Das ist zu viel!" schrie Hartmut jetzt mit rasender Wildheit auf. „Beschimpfen lasse ich mich voll keinem, auch von Dir nicht! Ich sehe es jetzt, daß keine Versöhnung zwischen uns möglich ist; ich gehe, aber die Welt wird anders urtheilen als Du. Sie hat bereits mein erstes Werk gekrönt, und ihr werde ich die Anerkennung abzuzwingen wissen, die der eigene Vater mir versagt."
Der Oberst sah seinen Sohn all, es lag etwas Furchtbares iu diesem Blick; dann sagte er frostig und langsam, aber jedes Wort schwer betonend:
„Dann sorge auch dafür, daß die Welt nicht erfährt, daß der .gekrönte Dichter' vor zwei Jahren in Paris noch — Spionen dienste geleistet hat!"
Hartmut zuckte zusammell wie voll einer Kugel getroffen.
„Ich, in Paris? Bist Du von Sinnen?"
Falkenried zuckte verächtlich die Achseln.
„Auch noch Komödie? Gieb Dir keine Mühe, ich weiß alles! Wallmoden hat mir die Beweise geliefert für die Rolle, die Zalika Rojanow und ihr Sohn iu Paris spielten, ich weiß den Ursprung jener Mittel, mit denen sie das gewohnte Leben fort setzten, als ihr Vermögen verloren war. Sie waren sehr gesucht von ihren Auftraggebern, denn sie waren äußerst geschickt, und wer ihre Dienste kaufte — der hatte sie!"
Hartmut stand wie entgeistert da. Das also war die furchtbare Lösung des Räthsels, das ihm Wallmodell mit jener All' deutung aufgegeben hatte. Er hatte den Sinn damals nicht verstanden, hatte die Lötung in einer ganz anderen Richtung gesucht; das war es gewesen, was die Mutter ihm verhehlte, wovoll sie ihn mit Küsseil und Schmeicheln ablenkte, wenn er einmal irgend eine argwöhnische Frage that. Auch zu diesem Letzten, Schmach vollsten war sie herabgesunken, lind ihr Sohn war mit ihr geächtet!
Das Schweigen, das nun ein trat, hatte etwas Entsetzliches - es dauerte minutenlang, und als Hartmut endlich wieder sprach, hatte seine Stimme jeden Klang verloren, die Worte kamen ab gebrochen, kaum hörbar von seinen Lippen.
„Und Du glaubst — daß ich — daß ich darum wußte?"
„Ja!" sagte der Oberst kalt und fest.
„Vater, das kannst, das darfst Dll mir nicht anthun, die Strafe wäre zu furchtbar! Du mußt mir glauben, wenn ich Dir sage, daß ich keine Ahnung hatte von dieser Schmach, daß ich glaubte, es sei noch ein Theil unseres Vermögens gerettet worden, daß — Du wirst mir glauben, Vater!"
„Nein!" ertlärte Falkenried ebenso starr und unbewegt wie Vorhill. Hartmut stürzte außer sich auf die Kniee nieder.
„Vater, bei allem, was Dir heilig ist im Himmel und auf Erden — o, sieh mich nicht so entsetzlich an, Du treibst mich zum Wahnsinn mit diesem Blick! — Vater, ich gebe Dir mein Ehrenwort —"
Ein furchtbar wildes Auflachen des Vaters uuterbrach ihn.
„Dein Ehrenwort — wie damals in Burgsdorf! Steh' auf, laß die Komödie, mich täuschest Dll nicht damit! Mit einem Wortbruch bist Du von mir geschieden, mit einer Lüge kehrst Du zurück, Dll bist der echte Sohn Deiner Mutter geworden. Geh' Du Deinen Weg, ich gehe den meinen. Nur eins fordere ich, befehle ich Dir! Wage es nicht, den Namen Falkenried neben dem geschändeten der Rojanow zu nennen, laß die Welt lüe erfahren, wer Du bist! Geschieht es dennoch, dann kommt auch mein Blut über Dich, denn dann — mache ich ein Ende!"
Mit einem Aufschrei des Entsetzens sprang Hartmut empor und wollte auf den Vater zustürzen, aber dieser wies ihn mit einer gebieterischen Handbewegung zurück.
„Denkst Du vielleicht, daß ich das Leben noch liebe? Ich habe es ertragen , weil ich mußte, weil ich es für Pflicht hielt,