Heft 
(1890) 22
Seite
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In ein halblautes Geplauder vertieft, bemerkten sie es nicht, > daß die Thür des Hauses geöffnet wurde und jemand mit lang­samen, etwas zögernden Schritten den Hauptgang entlang kam. Erst das Rauschen eines Frauenkleides auf dem Kies des Bodens machte sie aufmerksam, und plötzlich sprangen beide auf.

Meine Mutter!" rief Willy im freudigen Schreck, legte aber gleichzeitig den Arm um Marietta, als wollte er sie schützen vor einer erneuten Kränkung, denn das Gesicht der Frau von Eschen­hagen, die einige Schritte entfernt stehen geblieben war, erschien hart und finster und in ihrer Haltung lag nichts, was auf Ver­söhnlichkeit deutete. Ohne das junge Mädchen zu beachten, wandte sie sich ausschließlich au ihren Sohn.

Ich hörte von Adelheid, daß Du hier seist," begann sie in einem ziemlich herben Tone,und da wollte ich mich doch er­kundigen, wie es jetzt in Burgsdorf steht. Hast Du für eine Ver­tretung gesorgt während Deiner Abwesenheit? Man weiß ja nicht, wie lange der Feldzug dauert."

Der freudige Ausdruck in den Zügen des jungen Majorats­herrn verschwand er hatte doch auf eine andere Begrüßung ge­hofft bei diesem unerwarteten Erscheinen der Mutter.

Ich habe nach Möglichkeit Vorsorge getroffen," versetzte er. Der größte Theil meiner Leute ist allerdings einberufen, auch der Inspektor muß in diesen Tagen fort, und ein Ersatz ist in jetziger Zeit nicht zu beschaffen. Die Arbeiten werden daher aufs Notwendigste beschränkt und der alte Mertens wird die Ober­aufsicht führen."

Der Mertens ist ein Schaf!" sagte Regiue mit der alten Derbheit.Wenn der die Zügel führt, geht es drunter und drüber in Burgsdorf. Da wird wohl nichts anderes übrig bleiben, als daß ich selbst hingehe und nach dem Rechten sehe."

Wie, Du?" rief Willibald; aber seine Mutter

schnitt ihm ohne weiteres das Wort ab.

Denkst Du, ich werde Dein Hab und Gut zugrunde gehen lassen, während Dil im Felde stehst? In meinen Händen ist es sicher aufgehoben, das weißt Du; ich habe lange genug das Regiment geführt, und das werde ich auch jetzt thun, bis Du wieder zurückkommst."

Sie sprach noch immer in dem harten, kalten Tone, als wollte sie jedes wärmere Gefühl ausschließen; aber jetzt trat Willy, seine Braut noch im Arme, dicht vor sie hin.

Um mein Hab und Gilt sorgst Du Dich, Mama!" sagte er vorwurfsvoll.Das willst Du in Deine Obhut nehmen; aber für das Beste und Liebste, was ich besitze, hast Du kein Wort und keinen Blick? Bist Du wirklich nur gekommen, um mir zu sagen, daß Du nach Burgsdorf gehen willst?"

Um die Lippen der Frau von Eschenhagen zuckte es, ihre herbe Zurückhaltung wollte nicht mehr standhalten bei dieser Frage.

Ich kam, um meinen einzigen Sohn noch einmal zu sehen, ehe er in den Krieg, vielleicht in den Tod geht!" sagte sie mit schmerzlicher Bitterkeit.Ich mußte es von anderen hören, daß er gekommen sei, um von seiner Braut Abschied zu nehmen. Zu seiner Mutter kam er nicht! Und das das konnte ich doch nicht ertragen!"

Wir wären gekommen!" rief der junge Majoratsherr,wir hätten vor der Abreise noch einen letzten Versuch gemacht, Dein Herz zu gewinnen. Sieh Mutter, hier ist meine Braut, meine Marietta sie wartet auf ein freundliches Wort von Dir."

Regine warf einen langen Blick auf das junge Paar, und wieder zuckte es schmerzlich in ihrem Gesichte, als sie sah, wie Marietta sich scheu und doch zuversichtlich an die Brust des Mannes schmiegte, in dessen Schutz sie sich jetzt so sicher wußte. Die mütterliche Eifersucht bestand einen letzten, schweren Kampf, aber endlich gab sie sich überwunden. Frau von Eschenhagen streckte dem i jungen Mädchen die Hand hin. (Fortsetzung folgt.)

Htemörandt als Grzieher."

Ideen eines niederdeutschen Idealisten. Von Johannes H>eoelH.

embrandt als Erzieher" lautet der Titel eines Buchs, das, vor wenig Wochen erst erschienen, schon viel von .sich reden gemacht und - - obgleich nach Gedankengang und Vortrag keine leichte Lektüre bereits die neunte Auflage erlebt hat.* Ein Buch über Rembraudt, gelehrte Untersuchungen über einen altbekannten Maler und eine solche Wirkung: da muß ein allgemeines zeitgenössisches Interesse im Spiele sein. Wohl ist der Titel geeignet, Neugierde bei litterarischen Feinschmeckern zu erwecken, er klingt räthselhaft, Ueberraschung verheißend; aber das genügt nicht zur Erklärung der überraschenden Theilnahme, die das Buch findet.Rembraudt als Erzieher" und -- von einem Deutschen"? Was soll diese Betonung einer Selbst­verständlichkeit, und wieso ist Rembraudt ein Erzieher? Ein Maler ist kein Pädagog. Von Dichtern läßt sich das eher sagen. Rousseau Goethe Defoe - sie haben pädagogische Romane geschrieben; Herder, Schiller, Lessing stellten Ziele auf für die Er­ziehung des Menschengeschlechts. Und in übertragenem Sinne wirkt jeder Dichter erzieherisch. Aber ein Maler? Haben wir nicht gelernt, ein guter Maler werde nicht Gedanken und Ideen darstellen, sondern Bilder schaffen, die unmittelbar ein Stück Leben wiedergeben, das er mit besonderer Empfindung seines malerischen Werthes erkannt und erschaut hat? Und ist nicht Rembrandt ge­rade solch ein Maler? Gewiß --- sein Beispiel, die Art, wie er aufgefaßt und gemalt hat, sie können auf neue Künstlergenera­tionen belehrend und befeuernd wirken, wie dies allbereits in verschiedenster Weise, namentlich während des letzten Jahrhunderts, geschehen ist. Solch vorbildliches Wirken eines alten Meisters ist aber wohl kaum gemeint. Die Erziehung hat nicht die Kunst, sondern das Leben zum Zweck.

Ueberblicken wir Rembrandts Schassen: dieAnatomie", die Nachtwache", seine lebensvollen Bildnisse, seine realistischen Dar­stellungen aus der Erdenwallfahrt des Erlösers; erfassen wir diese

*Rembraudt als Erzieher." Von einem Deutschen. Leipzig, Ver­lag von C. L. Hirschfeld. l890. gr. 80. ^ 2..

' genialen Gemälde und Radirungen in ihrem innersten Kern, der uns stets etwas eigentümlich Schönes offenbart als Blüthe eines ^ tiefernsten, ins Wesen der Dinge sich bohrenden Wahrheitsdranges, ; vielleicht daß hier uns die Lösung des rätselvollen Titelworts wird! Wie er selber uns aus seinen! bekanntesten Selbstporträt entgegenlacht, sein blühend Weib, die fröhliche Saskia, auf dem Knie, bei schäumendem Pokal unschuldiger Festlust hingegeben, das läßt sich in der That deuten als ein freudetrotzigGaudea­mus", welches herausfordernd in unsere nachdenkliche, schier über­ernste Zeit von seinen Lippen herüberklingt. Seinguter Sama­riter" kann den Zug unserer Zeit zur Betätigung von Milde und Barmherzigkeit im Dienst des öffentlichen Wohles bestärken. So manchen seiner Darstellungen aus der Sphäre gedrückten ! Menschenthums und düsterer Lebensenge, die aus der inneren ! Helle seines teilnehmenden Gemüths ein verklärend Licht er- ^ hielten, das sich mit dem gegebenen Düster künstlerisch zu jenem ^ Helldunkel verschmolz, das für seine Art zu schauen und zu j schaffen so bezeichnend ist, auch ihnen ist ein lebendiger Bezug ! zur Gegenwart zu entnehmen: die Mahnung, daß es kein Dunkel ! des Lebens giebt, wo das Licht der Sonne nicht hindringt, und ! daß der Schatten es ist, der die Wohlthat des Lichts erst recht fühlbar macht. Aber alle diese Beziehungen ergeben doch kaum hinreichenden Stoff für 300 dichtbedruckte Seiten Text über Rem­brandts Beruf zum Erzieher, nicht genügenden Anlaß, daß gerade in unseren Tagenein Deutscher" offenbar für alle seine Mit­deutschen den ernst-heiteren Meister von Amsterdam aufruft als ! Erzieher, und keine Erklärung für die Wirkung solcher Beschwörung.

Und doch kündigt dieser vieldeutige Titel eine Schrift an, die nichts mehr und nichts weniger will, als die Grundsätze auf­stellen für ein .großes reformatorisches Selbsterziehungswerk der gesammten deutschen Nation. Die Zeit nach einem Thronwechsel gleicht nicht darum nur dem Frühlingstreiben in der Natur, daß in ihr die Hoffnung regiert auf Erfüllung so mancher Wünsche, die sich in der Zeit vorher nicht hervorwagten, auch ein Sprießen j und Sprossen von frischer Triebkraft ist für sie charakteristisch.