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Es konnte nicht fehlen, daß der rastlos vorwärts eilende Zeitgeist während der letzten Jahrzehnte an dem Ammergauer Passionsspiele manches änderte. Die Hauptsache: der fromme Eifer der Ammergauer und der erhebende Grundcharakter des Spieles, blieb glücklicherweise erhalten. Was im Jahre 1860 der um seine Gemeinde treu besorgte Pfarrer Daisenberger durch seine poetische Umdichtung am Texte veränderte, hat jenem Grundcharakter nicht geschadet. Auch die Musik ist bisher die alte geblieben. Die Vorstellungen im Jahre 1870 wurden durch den Krieg jäh unterbrochen; damals geschah es, daß selbst der Darsteller des Christus zur Fahne mußte. Was in den letzten Jahrzehnten gründlichst umgestaltet wurde, das sind jene Einrichtungen, die sich auf den Verkehr nach Ammergau, auf Unterkommen und Be- wirthung beziehen. Jetzt führt ja der eiserne Schienenweg unter der Ettaler Straße vorüber; eine Reihe von Gasthöfen in Ammergau und den benachbarten Orten sind für den immer mächtiger anschwellenden Zufluß der Passionsgäste eingerichtet; die Bewohner von Oberammergau selbst haben alles ge- than, was in ihren Kräften stand, um die zuströmenden Menschenmassen beherbergen zu können. Der Welt- comfort hat sich in dem stillen Waldthale ausgebreitet; und für den, dessen Zeit drängt, ist es heute möglich, am frühesten Morgen von München ausfahrcnd, das ganze Spiel anzusehen und abends wiederum in München zu sein.
Aber nun treten wir die Fahrt selber an.
Es ist ein sonniger Morgen im Frühling; ein mächtiger Sonderzug trägt uns aus der Halle des Münchener Bahnhofes in die Hochebene hinaus. Flimmernd hangen im Süden, von leichten Morgenwolken überflogen, die Schnee- selder der Alpen. Station um Station wird durchfahren; dann taucht der entzückende Spiegel des Starnberger Sees vor uns ans. Heute lassen wir ihn links liegen mit seinen Villen und seinen gleich Schmetterlingen auf der lichten Fläche umhergankelnden Segelbooten. Wir durcheilen auf den rastlosen Rädern die Moränenlandschaft südwestlich vom See, sehen in weiter Ferne traumhaft den Ammersee schimmern und immer mächtiger die Alpenkette vor uns aufsteigen. Dann erschließt sich zur Rechteil in bezaubernder Schönheit der Staffelsee, von der Wetterstein-Kette überragt, und der Zug donnert hinunter in den weiten düsteren Kessel des Murnauer Moors. In der nächsten Viertelstunde schon sind wir rings vom Banne des Hochgebirgs umfangen; klargrün schießt uns ein Alpenstrom, die Loisach, entgegen. Bald wird das weitere Thal zur engen Schlucht, und wo diese wieder zu einem grünen Kessel sich öffnet, liegt Oberau, die Station für Ammergau. Mit ihrem ganzen Riesentrotze schauen die Wände des Wettersteingebirges herein, überall Schnee an den Flanken tragend.
In Oberau ist ein internationales Treiben. Eine ganze Wagenburg harrt hinter dem Bahnhofe. Und nun, wenn der Zug seine Massen entladen hat, rasselt es von dannen wie eine wilde Jagd, mit Geschrei und Peitschenknall. Während die Wagen
eine schöne, erst seit ein paar Jahren in die felsige Berglehne gebaute Kunststraße Hinaufrollen, wandern Scharen von Fußgängern die alte, jetzt nicht mehr befahrene Straße über den Ettaler Berg hinauf, die ehedem der berüchtigtste Marterweg für Roß und Wagen war. Wo dieser Straßenzug seinen höchsten Punkt erreicht, liegt in grüner Thalweitung das alte Stift von Ettal. Das Kupferdach des mächtigen Kuppelbaues, der einst begonnen ward, um ein Seitenstück der Gralskirche zu werden, giebt dem ganzen Bau einer: metallenen Charakter. Westwärts fährt der Blick in die herrliche Bergeinsamkeit des obersten Ammerthales, wo hinter schöngesormten schroffen Felsbergen menschenleere Jochsteige nach Tirol hinüberführen und wo eines der Prachtschlösser König Ludwigs des Zweiten, der Linderhof, liegt. Unsere Straße aber führt uns nach Norden, unter weiß' grauen Felswänden hin, dann in einen weiter: grünen Thal- keffel. Und ehe wir's verrauchen, stehen wir zwischen der: ersten
Häusern vor: Ober- ammergau. Das allererste derselben ist die zierliche Villa, welche sich Frau Wilhelmine von Hillern, die bekannte Schriftstellerin, hieraufeinem niedrigen Felshügel erbaut hat.
Wir beeilen uns zunächst, uns ein bescheidenes Unterkommen für eine Nacht zu suchen. Da wir früh an der Zeit sirrd und die Arrrmer- ganer reichlich für Wohnungen gesorgt haben, ^ ist das nicht schwer;
bedenklicher mag die Frage für solche werden, die erst am späten Abend vor einem Spieltage eintreffen. Gespielt wird irrrrrrer an Sonntagen und, soweit es wegen überstarken Besuchs nöthig ist, auch an Montagen, außerdem noch an einigen anderen Wochentagen.
In den Nachmittagsstunden Vörden Spieltagen entwickelt sich in der Hauptstraße eirr äußerst lebhaftes Treiben (s. unser Bild S. 401). Die Passionsgäste aus aller: Kulturländern der Welt schlendern hier durcheinander; zwischen eleganten Amerikanerinnen und Russinnen drängen sich die schlichten Pilger durch, die in ihrer bäuerlichen Tracht aus der Umgebung gekommen und auf dem Stroh der Maffenquartiere untergebracht sind. Und Wagen auf Wagen rollt heran, um seine Menschenlast abzuladen; Rossegestampf und Peitschenknall, das Rufen der' Kutscher und die Fragen der Gäste ; Pvsthornklärrge aus der Gasse, Posaunenstöße eines Orchestermitglieds ans einen: Hause; Glockenläuten und Rädergerassel: all das bildet eirr etwas verworrenes, aber keineswegs ungerrrüthliches Konzert in der staubdurchzitterten heißen Luft. Bon der schwindelnden Höhe des steiler: „Kofels", der mit seirrer jäh aufgebauten nackten Felspyramide die westliche Thalmauer bildet, schaut ein schimmerndes Kreuz auf das bunte Treiben herab.
Am Morgen eirres Spieltages wird es früh lebhaft irr Ober- ammergau. Glockengeläut und Böllerschüsse geben der Fest- stimrrrung Ausdruck; von Süden und Norden kommen noch Fuhrwerke und Fußwarrderer, die in grauender Morgenfrühe
Iie Stellung eines Lebenden Wildes.