Heft 
(1890) 24
Seite
407
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Alle diese Vorbereitungell hat der Chabir oder Führer der Karawane zu leiten. Je nach deren Bedeutung nimmt er eine mehr oder minder hohe Stellung ein; unter allen Umständen aber muß er sein, was sein Titel besagt: ein Kundiger des Weges und der obwaltenden Verhältnisse. Erprobte Erfahrung, Redlich­keit, Klugheit, Muth und Tapferkeit sind Bedingnisse zu seinem schwierigen, nicht selten gefährlichen Amte. Er kennt die Wüste wie der Schiffer das Meer, ist kundig der Gestirne, in jeder Oase, an jedem Brunnen der Reisestrecke daheim, in dem Zelte jedes Beduinen- oder Wanderhirtenhäuptlings willkommen, versteht allerlei Mittel gegen Beschwerden und Gefahren des Rittes an­zugeben, vermag Schlangenbisse und Skorpionenstiche unschädlich zu machen, führt die Waffen des Kriegers wie die des Jägers mit gleicher Geschicklichkeit, ist mit einem Worte das unentbehrliche Haupt des vielgliedrigen Körpers, welcher die Wüste durchwandert.

Zur gesegneten Stunde, um die Zeit des Nachmittagsgebetes, tritt der Führer vor Reisende und Treiber, um zu verkünden, daß alles zum Ausbruche bereit sei. Nach verschiedenen Seiten hin stürmen die braunen Männer, um ihre Kamele einzufangen, herbeizuholen, zu belasten. Mit äußerstem Widerstreben gehorchen die ahnungsvollen Thiere, denen eine Reihe schwerer Tage in grellen Farben vor der Seele zu stehen scheint. Brüllend, krei­schend, knurrend, stöhnend lassen sie sich, durch unnachahmliche Gurgellaute ihrer Herren und einige gelinde Peitschenhiebe aus­gefordert, auf die zusammengebvgenen Beine nieder; brüllend fügen sie sich darein, die ihnen zugedachte Last auf den höckerigen Rücken zu nehmen; brüllend erheben sie sich wieder, nachdem sie befrachtet sind. Nicht wenige versuchen durch Schlagen und Beißen der Bebürdung sich zu erwehren, und es gehört in der That die unerschöpfliche Geduld ihrer Treiber dazu, um so wider­haarige Geschöpfe zu bändigen. Sobald alle Tragthiere ihre Last erhalten haben, treten sie ihre Wanderung an. .

Nunmehr bringt man auch die wohlgesattelten Traber herbei. Jeder Reiter befestigt auf und an dem hohen, mnldigen, über dem Höcker sitzenden Sattel die ihm unentbehrlichsten Reisegeräth- schaften und Waffen und schickt sich an, sein Reitthier zu besteigen, eine für den Neuling nicht ganz leichte Arbeit.

Wir unsererseits schwingen uns mit der Behendigkeit eines Eingeborenen in den Sattel, spornen durch Fuchteln mit der Peitsche unser Reitthier an, halten es mittels eines feinen Nasen­zaumes gebührend im Zügel und eilen hinter dem Führer her. Bald ist die vorausgezogene Lastkarawane überholt, bald jede Spur der letzten menschlichen Ansiedelung verschwunden: nach allen Seiten erstreckt sich, endlos scheinend, die Wüste.

Ringsum scharf begrenzt, bedeckt sie, ein ungeheures, eigen­artiges Reich, den größten Theil Nordafrikas, vom Rothen Meere bis zum Atlantischen, vom Mittelmeere bis zur Steppe, Länder in sich fassend, fruchtbare Landstriche aufschließend, tausendfältig ab­wechselnd, und im wesentlichen doch immer und überall sich gleichend, mindestens ähnelnd. Neun- bis zehnmal überbietet dieses Wunderreich an Flächeninhalt unser gesammtes Vaterland, drei- bis viermal das Mittelländische Meer. Kein Sterblicher hat es durchforscht, allörtlich durchwandert; aber jeder Erdgeborene, welcher es betrat und auf Strecken hin durchzog, ist im tief­innersten Herzen ergriffen worden von seiner Größe und Erhaben­heit, seinem Zauber oder seinen Schrecken.

Die Wüste ist wirklich und wahrhaftigEl Bahhr bela man" das Meer ohne Wasser ein Gegenstück des Meeres. Sie ist diesem nicht unterthan wie die übrige Erde: in ihr er­stirbt die Macht des belebenden und erhaltenden Elementes. Wasser umfängt ruhig das All": - die Wüste allein umfängt es nicht. Ueber die ganze Erde trageil die Winde des Meeres

Gesandten, die Wolken, aber diese ersterben vor der Gluth der Wüste. Selten, daß man in ihr ein leichtes, kaum ersichtlich ! werdendes Dunstgebilde, selten, daß mail auf einem Pflanzenblattc in der Morgenfrühe den feuchten Hauch der Nacht wahrnimmt. > Sind in ihr doch Morgen- und Äbendroth nur ein Dufthauch, welcher, kaum geboren, wieder verschwindet. Allüberall aber, wo das Wasser zur Herrschaft gelangt, verwandelt es auch die ! Wüste in Fruchtland, möge dasselbe so dürftig sein, als es wolle.

Der Sand für sich allein ist es eben nicht, welcher Wachsthum ! der Pflanzen verwehrt, sondern einzig und allein die starre, ^ sengende Gluth, welche ihn durchstrahlt.

Arm, unendlich arm ist die Wüste, todt aber ist sie nicht, mindestens nicht für diejenigen Menschen, welche das Leben in ^ ihr aufzusuchen und aufzufinden wissen. Wer die Wüste als todte Einöde auffaßt, irrt ebenso wie der, welcher sie als Heimath des ! Löwen ansieht. Sie ist zu arm, als daß sie Löwen ernähren könnte, aber reich genug, um Tausenden von anderen Thiereil Unterhalt zu gewähren.

Als ein nrbildlich gestaltetes Wüstenthier darf man die Gazelle nennen. Obwohl durchaus ebenmäßig gebaut, erscheinen doch , Kopf und Sinneswerkzeuge fast zu groß und die Glieder allzu zart, beinahe gebrechlich. Aber dieser Kopf umfaßt in seiner Schädelhöhle ein Gehirn, welches zu einer unter Wiederkäuern ^ ungewöhnlichen Klugheit und demgemäß auch zu geistiger Be- ^ Möglichkeit befähigt, und diese Glieder sind wie aus Stahl gebaut, ungemein kräftig und federnd, so daß sie höchste Beweglichkeit und unermüdliche Ausdauer ermöglichen. Wer die Gazelle nur in der Gefangenschaft, im engen Raume gesehen hat, ist nicht imstande, zu beurtheilen, wie sie in der Wüste anftritt. Welche Beweglich­keit, Gewandtheit und Anmuth entfaltet gerade sie in ihrer Heimath! Wie sehr verdient sie voll dem Morgenländer und Zumal dem Wüstenbewohner als Sinnbild weiblicher Schönheit gewählt zu werden! Auf ihr sandfarbenes Gewand wie auf ihre unver­gleichliche Beweglichkeit und Schnelligkeit vertrauend, äugt sie mit den klaren Lichtern fest, anscheinend sorglos auf Kamele und ^ Reiter. Ohne durch die heranziehende Karawane sich beunruhigt zu zeigen, äst sie weiter. Von dem blüthenbedeckten Mimosen­strauche nimmt sie eine Knospe, einen saftigen Schößling, zwischen der schneidigen Halfa findet sie ein zartes Hälmchen. Mehr und mehr nähert sich ihr der Reisezug. Sie erhebt den Kopf, lauscht, wittert, äugt wiederum, schreitet einige Schritte vor und verfährt wie früher. Urplötzlich schnellen die federnden Läuse den Boden, und dahin eilt sie, so rasch, so behend, so gewandt, so anmuthig, als sei ihr die fast unerreichbare Bewegung nur Spiel und Scherz. Ueber die sandige Ebene jagt sie mit flugähnlichen Sätzen. Erd­frei scheint sie geworden zu sein, so überraschend schön ist ihr Lauf; eill Gedicht der Wiste scheint sich in ihr verkörpert zu haben, so bestrickend wirkt ihre unvergleichliche Zierlichkeit und ^ Schnelle. Wenige Minuten fortgesetzten Laufes entrücken sie jeder ^ Gefahr, welche ihr von solchen Feinden drohen könnte; dein: ver- ^ gebens müht sich selbst der beste Traber, ihr nachzukommen, nicht i einmal ein einzelner Windhund vermag sie einzuholen. Bald ^ mäßigt sie ihre Eile; noch einige Augenblicke, und wiederum steht ! und äugt sie wie früher. Necklustig läßt sie den mordgierigen ! Reiter, welcher sie ernstlich zu verfolgen beginnt, herankommen,

- und vorsichtig entzieht sie sich zum zweiten, dritten Male dem i Bereiche feiner tödlichen Waffe, bis sie endlich, erschreckt, aller ^ weiteren Gefahr mühelos entrinnt. Länger flüchtet sie und zarter erscheinen Leib und Glieder, mehr und mehr verschwimmen die Umrisse, verschwindet' sie auf der sandigen Fläche, und endlich verschmilzt sie gänzlich mit ihr, so daß es scheinen will, als habe sie ^ sich aufgelöst wie ein Dusthauch. (Fortsetzung folgt.)

Wlättev und MMLHen.

Viktor Ueßker. (Zu den: Bilde S. 405). Aus Straßburg kommt ^ die Trauerkunde^ daß daselbst am 28. Mai Viktor Neßler, der Komponist ^ desTrompeter von Säkkingen", dessen neuestes WerkDie Rose von ^ Straßburg" erst kürzlich seine erste Aufführung erlebt hat, gestorben ist. ! Neßler ist ein treuer Sohn der Reichslaude; dort hat er das Licht der ^ Welt erblickt, dort den größten Theil seines Lebens verbracht, an sie ^ knüpfte sich seine letzte Tonschöpfung. An: 28. Januar 1841 zu Bälden- j heim bei Schlettstadt im Elsaß geboren als Sohn eines Pfarrers, sollte ! er wie sein Vater den Berns des Theologen ergreifen. Aber ein früh- ^ entwickelter Trieb zu musikalischem Genießen und musikalischem Schaffen, !

der durch eine heiße Jugendliebe zu unwiderstehlicher Gewalt entflammt wurde, brachte ihn iu einen ernsten Zwiespalt mit den: Vater und mit den: Berufe, den dieser ihn: zugedacht hatte.

In Straßburg bestand damals das sogenannteSternenkränzel", ein elsässischer Gesangverein, in welchem der junge Neßler nicht bloß eifrig mit sang, sondern der ihm auch Gelegenheit gab, mit der Geliebten zu­sammenzutreffen und seine Erstlingskompositionen aufzuführen, zu denen sie ihn begeistert hatte. Der Beifall, den er für seine Leistungen erntete, ermuthigte ihn zu Höheren:, und eines Tages sahen die Bürger vor: Straßburg Neßlers dünnen auf dem Theaterzettel prangen. Ein Studien-