Heft 
(1890) 35
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,'u beschäftigen und aus allem etwas zu ziehen, sei es, was es sei: eine Nutzanwendung ein Beispiel ein Vergnügen- oft auch einen guten Witz. Ich habe jederzeit etwas, was mir zu denken, zu überlegen oder zu lachen giebt!"

Delmont wendete sich langsam inn, -- er hatte seine linke Nach­barin bisher weder bemerkt, noch sich ihr vorstellen lassen, eine Unterlas­sungssünde, die ihm jetzt erst fühlbar wurde, die er aber im Augenblick nicht gutmachen konnte, ohne das Gespräch nebenan zu unterbrechen.

Die junge Dame hatte sich ganz von ihm abgewendet, er sah nur ihre schöne, geschmeidige Gestalt in einem mattweißen, enganliegenden Kleide, einen leuchtend zarten Nacken, dessen wundervolle Form das braune, hoch emporgenommene Haar völlig frei ließ. Dies Haar wies hier und da einen schwachen goldenen Reflex ans, es war mit einem schmalen Kamm von edler, altdeutscher Arbeit sestgesteckt und hatte weiter keinen Schmuck. Die Augen des Herrn, zu dem das Fräulein sprach, hafteten mit offener Bewunderung auf seiner Nachbarin.

Wollen Sie mir den Gegenstand Ihres Bildes nicht verrathen, Herr Professor?" fragte wieder die dünne, durchdringende Kinderstimme neben Delmont.

Er drehte sich wie eine Puppe zu seiner Dame herum.

Nein!" Dann, sich besinnend, wie schroff das geklungen haben müsse, fügte er hinzu:Sie werden ja bald sehen, mein Fräulein!"

Ah so! Es soll eine Ueber- raschung sein?"

Ja - - eine Ueberraschung!"

Ihr Herr Vater beschäftigt sich viel mit Ihnen, Fräulein Gerold?" fragte Reginald von Conventius auf der andern Seite.

Er that es bis zu seinem Tode vor vier Jahren wurde er uns ge­nommen!" Die Sprecherin, an Selbst­beherrschung gewöhnt und keinen Augenblick vergessend, daß Ort und Gelegenheit jeden Gefühlsausbruch ausschlossen, konnte es doch nicht ver­hindern, daß es leise um ihren schönen Mund zuckte sie athmete tief auf.

Es kommt mir vor, als müßte jeder Mensch, der meinen Vater nicht gekannt hat, dies als einen Verlust beklagen Sie werden viel­leicht darüber lächeln, es unbegreif­lich finden, Herr von Conventius."

Keins von beiden, mein Fräu­lein ! Denn mit meiner Mutter ist eS mir ganz ebenso ergangen."

Und sie ist auch todt?"

Auch todt!" kam es wie ein trauriges Echo zurück.

Die beiden, von Lärm und Lust, von Lachen und Heiterkeit umringt, sahen einander verständnißvoll in

die Augen; es gab schon ein gemeinsames Band zwischen ihnen.

. Conventius hatte feine gesellige Formen und ließ keine ^ seiner Pflichten außer acht, er goß aufmerksam Annies Glas 1

voll, hob ihr den herabgefallenen Blumenstrauß auf und hatte nichts vom Geistlichen an sich- dagegen alles vom Weltmann. Man hat mir gesagt," begann Annie von neuem,Sie

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werther Akustik und einer prachtvollen Orgel ich bin gleich am Tage nach meiner Ankunft hingegangen und habe meinen Vorgänger im Amt reden hören."

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Die feierliche Eröffnung des X. internationalen melszinifchrn Kongresses in Berlin am 4. August 1890.

Zeichnung Lüdevs.

würden am nächsten Sonntag zum ersten Male in der Lukaskirche predigen ist das wahr?"

Jawohl; es ist eine schöne alte Kirche mit bewundernd

Annie Gerold dachte sich den Klang der Stimme, die sie neben sich hörte, hinein in die Lukaskirche.

Wie er wohl sprechen wird?" Diese Frage hielt ihre I nachhole und mich Ihnen vorstelle: Karl Delmont, Maler."

Gedanken eine Zeittang so umsponnen, daß sie eine erneute Anrede ihres Tischnachbars überhörte und nun verwirrt zu­sammenschrak, als sie ihres Versehens inneward.

Ich sprach voll der Psyche dort," sagte er und deutete auf ein reizen des Köpfchen in schönstem Marmor, das von einer hohen schwarzen Säule an der gegenüberliegenden Wand zu ihnen herübersah,die ist eine liebe Bekannte von mir!"

O -.so waren Sie in Neapel?"

Gewiß! Und Sie auch?" Neiu, ich nicht! Aber meine Schwester hat eine sehr ernste und große Hinneigung zu der Kunst, sie hat eine solche auch in mir zu wecken verstanden, und wir besitzen beide ein paar große Mappen mit Bildern, die schon eine ganz anständige Samm lung ansmachen - - darunter befindet sich auch die Psyche."

Sein Blick ging vergleichend und prüfend zwischen dem Marmorbild und Annie hin und her. In der Art, wie das feine Köpfchen sich an den Hals ansetzte, in der Haltung des Nackens und in der einfach anmuthi- gen Anordnung des Haars lag eine augenfällige Aehnlichkeit.

Annie sah dies Vergleichen und verstand es auch eine zarte Röthe trat ihr ins Gesicht, und ihre breiten, sanftgeschweiften Augenlider senkten sich; sie war Weib genug, sich zu freuen, und sie fand es taktvoll von ihm, daß er schwieg und seinen Beobachtungen nicht in einer Schmei­chelei Ausdruck verlieh.

Waren Sie lange in Italien?" fragte Annie, und nun konnte sie wieder aufsehen.

Fast ein ganzes Jahr, dann in Spanien, Griechenland, Südfrank­reich, Konstantinopel."

Ihrem Mienenspiel merkte er das Staunen an, das dieser Bericht in >.hr erregte: ein Geistlicher, und so weite, lange Reisen!

Ich ging auf Wunsch meines Vaters überall hin er hoffte, ich würde in der weiten, schönen Welt lernen, zu vergessen . . . nein, neiu, es war kein Herzenskummer, den man in mir zu ersticken strebte."

Den Tod Ihrer Mutter wohl?" fragte Annie leise.

Er schüttelte ernst den Kopf. Auch das nicht! Es war ein harter Schlag, als sie mir genommen wurde, aber er traf mich nicht un vorbereitet - sie war hoffnungslos krank seit Jahren. Was ich auf Reisen vergessen und anfgeben lernen sollte, war mein Beruf, den ich gegen den Willen meines Vaters und der ganzen Familie ergriffen und, wie Sie sehen, trotz allem festgehalten habe!"

Aus seinen Augen brach ein sieges- gewisser Glanz hervor, der ihn noch viel schöner erscheinen ließ, und Annie Gerold wollte ihm eben antworten, als eine fremde Stimme zu ihrer Rechten erklang:Sie gestatten, gnädiges Fräulein, daß ich, wenngleich spät, eine versäumte Pflicht