Heft 
(1890) 35
Seite
596
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wurde vom Stapel gelassen, manche begeisterte Ansprache gehalten, und auch das Oberhaupt der Stadt Jena, Oberbürgermeister Singer, ließ es sich nicht nehmen, den Gefühlen, welche Jena für die Studentenschaft und insbesondere die Burschenschaft hegt, beredten Ausdruck zu verleihen. Am Nachmittag folgte die Aufführung eines poesievollenFestspieles" mit lebenden Bildern und Gesängen von Prof. Nau­mann, das eine Geschichte der Burschenschaft in dichterischem Gewände bot. Die wirkungsvollen lebenden Bilder stellten die Gründung der deut­schen Burschenschaft auf derTanne", das große Wartburgfest, die Auflösung der Burschenschaft,

Barbarossa im Kyffhäuser, die Wacht am Rhein und eine Apotheose des burschenschaftlichen Gei­stes dar. In der Dichtung des Herrn Redakteur Schneider in Berlin findet sich manches markige Wort, das als ein schöner Beweis dafür gelten kann, wie die jüngern Burschenschafter gleich den alten den rechten, edlen Ausdruck fürEhre,

Freiheit, Vaterland" zu finden wissen. Am Abend fand der eigentliche Festkommers in der Festhalle statt, der wieder durch Festlieder, ernste, begeisterte Ansprachen und launigeBierreden" ausgezeichnet wurde. Daß dabei insbesondere auch der Deutsch-Oesterreicher in warmen Worten gedacht wurde, bedarf keiner besonderen Erwäh­nung. Diealte Bnrschenherrlichkeit" feierte einmal

wieder ihre schönsten Triumphe. Am Gasthaus zurTanne" wurde überdies eine Marmortafel mit der Inschrift:Hier wurde die deutsche Burschenschaft gegründet, 12. Juni 1815" enthüllt.

Ein fideler Frühschoppen am Markt in der Zeise", Ausflüge in die reizende, romantische Um­gebung Jenas und ein gemüthliches Beisammensein mit einem Jubiläumstänzchen, bei dem auch die Philinen" zu ihrem Rechte kamen, bildeten den Abschluß des schönen Festes am 6. Angust. Die alten und jungen Burschenschafter, die jetzt wieder daheim find, werden sich dieser Augusttage mit freudigem Herzen erinnern. Ist doch durch sie das Band, das die deutschen Burschenschaften umschlingt, wieder neu gefestigt worden. Was aber die deutsche Burschenschaft in der Geschichte des deutschen Geisteslebens zu bedeuten hat, das ist bereits von anderer Seite in derGartenlaube" geschildert worden. Das Jubiläumsfest bekräftigte die Wahrheit des alten Liedes:

Allein das alte Burschenherz Kann nimmermehr erkalten,

Im Ernste wird wie hier im Scherz Der rechte Sinn stets walten.

Die alte Schale nur ist fern,

Geblieben ist uns doch der Kern,

Und den laßt fest uns halten!"

Wlcittev und WtüLHen.

Wom X. internationalen medizinischen Kongreß in Werkin.

(Mit Abbildung S. 584 und 585.) Berlin stand während der ersten Augusttage im Zeichen der Schlange, jener Schlange, welche sich um den Stab Aeskulaps windet und mit so klugen Augen ihre beiden Zünglein spielen läßt, deren eines Pathologie und deren anderes Therapie redet.

Eine hochansehnliche Versammlung weilte in seinen Mauern, wie man selten ihresgleichen sah. Nicht der Zahl nach allein, obwohl man 5600 Aerzte einschrieb in die Listen der Theilnehmer; etwa die Hälfte waren Deutsche, unter den übrigen aber waren die Vereinigten Staaten von Nordamerika allein mit 623, Rußland mit 421, England mit 353, Oester­reich mit 139 vertreten, und auch Australien, China, Japan, die Gehänge der Kordilleren, Mexiko, das Kapland und nicht zu vergessen Frankreich, welches dem menschenfreundlichen Zwecke die alte politische Empfindlichkeit unterordnete, stellten zahlreiche Abgesandte. Auf der ganzen Schlachtreihe dieses zum X. medizinischen Kongreß freudig znsammengeströmten Volkes herrschte ein so hingebendes, begeistertes und aufrichtiges Ringen nach Wahrheit, ein so unentwegtes Streben nach Vervollkommnung des Wissens und Könnens, daß jeder einzelne gleichsam geadelt wurde von der großen menschlichen Idee, in deren Dienste er stand.

So fühlte sich die Stadt hochgeehrt durch die Gäste, deren friedliche und menschenfreundliche Arbeiten zur Ausbreitung des Wissens und zum Heile der Menschheit in den einzelnen 18 Sektionen fast ununterbrochen in den Morgenstunden die fleißigen Meister, welche bei ihren Kollegen wieder zu Schülern wurden, znsammenführtcn. Etwa siebenhundert an­gemeldete Vorträge hielten Aeskulaps Jünger, die übrigens theilweise recht alte Herren waren, in Athem, und die medizinische Ausstellung mit ihren wunderbaren Präzisionsinstrumenten und Präparaten und technischen Erfindungen und Vervollkommnungen auf dem Gebiete der Krankenpflege nahm die Zeit in Anspruch, welche die Sektionen ihnen etwa freigelassen hatten. Dabei stand noch manches andere auf dem Programm der edlen Gäste: so die Besichtigung Won Krankenhäusern, Blindenanstalten und Irrenhäusern, Arbeitshäusern, Schlachtviehmärkten und Kanalisations­bauten, auf welchen Gebieten Berlin unbestritten mit die erste Stufe unter allen Weltstädten einnimmt; erfreut es sich doch infolge seiner Muster­anstalten einer verhältnißmäßig sehr geringen Sterblichkeitsziffer.

Damit aber auch die anmuthige Weiblichkeit außer den acht an­wesenden Aerztinnen wohnten etwa vierzehnhundert Damen in der Rolle von Gattinnen, Töchtern oder Schwestern dem Kongreß bei ihre Rechnung fände, sahen wir Bälle, Ausflüge in die noch immer nicht hin­reichend gewürdigte schöne Umgebung Berlins, Sammellokale in der täglich erscheinenden Festzeitnng angezeigt, an deren Besitz wie an dem kleinen golduen Aeskulapstabe im Knopfloch man die Aerzte auf der Straße erkannte. Wir fanden dieSchlangenmenschen", wie sie der Berliner Volkswitz getauft hat, in allen Typen, gewöhnlich truppweise in der Nähe von Sitzungszimmern, das Berliner Straßenleben beobachtend oder in offenen Droschken dahinfahrend. Ein wahres Babel von Sprachen war die Reichshauptstadt geworden und die lateinischen Namen ärztlicher Begriffe bildeten oft das einzige Volapük der verschiedensprachigen Gelehrten. Der Landarzt, der junge Streber, der Geheime Sanitütsrath mit grauem Haar, der schnurrbärtige Militärarzt, der medizinische Forscher, das sind alles Typen, welche man mit einigem Scharfsinn an den umher­wandelnden Aerzten zu unterscheiden vermag.

Alle Theilnehmer aber, die Damen und Ehrengäste eingeschlossen, vereinigten sich bei den allgemeinen Versammlungen, deren erste, die­jenige, welche am 4. August den Kongreß eröffnete, der Künstler in

unserem Bilde festgehalten hat. Der Schauplatz war der große Cirkus Renz, und dies kann niemand wunderlich erscheinen, der bedenkt, daß Hippokrates, der Vater der Medizin, zu deutschRossebändiger" heißt. Aber abgesehen davon hätte man in Berlin keinen herrlicheren, ein­heitlicheren, weihevolleren Raum finden können als diesen, nachdem die Hand namhafter Künstler ihn für diesen Zweck hergerichtet hatte. Neben der vor einem nischenartigen Bau aufgestellten Rednerbühne erhob sich vor der vortrefflich gemalten Ansicht des Hauptsaales aus den Thermen des Caracalla eine von Westphal mvdellirte Riesenstatue des Aesknlap, auf einem vergoldeten Throne fitzend, und gewissermaßen als Priester zu den Füßen des alten Gottes der Heilknnst sprachen die größten, um die Medizin hochverdienten Männer, Birchow, der Engländer Joseph Lister, der weltberühmte Vertreter der antiseptischen Wundbehandlung, und, das ganze Gebiet der Bacteriologie geistvoll zusammenfassend, der Direktor des hygieinischen Instituts Robert Koch, unter dem begeisterten Zuruf der die herrlichen Räume bis zu den letzten Galerieplätzen füllenden gelehrten Gemeinde.

Wohl an siebentausend.Köpfe zählte die Versammlung, die da im Lichte vor: ungeheueren Bogenlichtlampen und großen Gaskronen den Zutritt des Sonnenlichts hatte man in der großartigen, durch Tempel- bauten mit plastischem Schmuck, Flaggenreihen und Blumenkronen ge­schmückten pantheonartigen Rotunde abgesperrt beisammen war; viel- sach strahlten Goldtressen, Epanletten, Orden und Ehrenzeichen, und die hellfarbigen Roben der Damen unterbrachen das schlichte Dunkel der Herrenkleider. Die inhaltreichen goldenen Worte, welche Virchow an die Festversammlung richtete, die Reden des Generalsekretärs des Kongresses, l)r. Lassar, des'Staatsministers von Boetticher, welcher im Namen des Kaisers und der Reichsregierung sprach, des Kultusministers 1)r. v. Goßler,

! des Oberbürgermeisters von Forckenbeck, welche den Kongreß mit erheben- ! den Worten willkommen hießen, die Ansprachen der Vertreter des Aus­landes in englischer, französischer, italienischer, ungarischer, russischer und portugiesischer Sprache Aretäos, der Vertreter Griechenlands, sprach sogar lateinisch, fesselten und begeisterten fünf Stunden lang die hochge­spannte Zuhörerschaft, welche nur eine einzige Panse fand, um sich an den fünfzehn angebrachten Büffetten zu erfrischen. Nach dieser übertrug ! Prof. Virchow das Präsidium dem herzoglichen Augenarzt Karl Theodor in Bayern, dessen schöne junge Gattin und Mitarbeiterin als eine höchst anmuthige Erscheinung aufsiel und der hocherfreut mit den Ausdrücken höchster Bescheidenheit das ihm übertragene Ehrenamt annahm.

Die Tage ernster Arbeit, fröhlichen Schauens und Genießens sind nun vorüber für die ärztlichen Gäste; diese haben sich wieder zerstreut, dahin und dorthin, jeder bereit, in seiner Heimath den Keim des Fort­schritts, welchen er in sich ausgenommen, zum Wachsen und zum Gedeihen zu bringen. Möge es an reichem Erfolge nicht fehlen, und der X. inter­nationale medizinische Kongreß gesegnet werden als ein guter Schritt vor­wärts auf dem Wege der menschlichen Wohlfahrt! Oscar Justinus.

Kleiner Briefkasten.

Inhalt: Sonnenwende. Roman von Marie Bernhard. S. 581. - Eduard Bauernfeld. Bildniß. S. 581. Die feierliche Eröffnung des X. internationalen medizinischen Kongresses in Berlin am 4. August 1890. Bild. S. 584 und 585. Von den Leichenfeldern des Waldes. Ein Bild aus dem Zerstöruugsgebiet derNonne". Von Arthur Achleitner. S. 588. Mit Abbildungen S. 588, 589 und 590. Eduard Bauernfeld. Von Ferd. Groß. S. 590. Mit Bildniß S. 581. Ein Mann. Roman von Hermann Heiberg (8. Fortsetzung). S. 591. Die 75jährige Jubiläumsfeier der deutschen Burschenschaft in Jena. Bon Hermann Pilz. S. 695. Mit Abbildungen S. 593, 595 und 596. Blätter und Blüthen: Vom X. internationalen medizinischen Kongreß in Berlin. Bon Oscar Justinus. S. 596. Mit Abbildung S. 584 und 585. Kleiner Briefkasten. S. 596.

HcrauSgegeben unter verantwortlicher Redaktion von Adolf Kröner. Verlag von Ernst Keil's Nachfolger in Leipzig. Druck von A. Wiede in Leipzig.