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Die 76jährige Julnlännrsfrirr der dentscheir Rnrschenschaft in Jena.
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Zerm. Zeichnung
o lange zwar nicht, aber doch manchen herrlichen Tag meiner zu schnell verrauschten Studentenzeit! Unsere alles ausgleichende Zeit hat auch dem Studentenleben auf den meisten Hochschulen seinen Nimbus genommen, es hat seine goldene Freiheit und Ungebnndenheit ausopfern müssen, und Heldenchaten, wie sie im Kommersbuch, dieser ver- sifizierten Geschichte des deutschen Studententhums, fortleben, gehören heutzutage zu den Seltenheiten des akademischen Lebens. Nur an den kleineren Universitäten, in Jena vor allem, lebt die „alte Bnrschenherrlich- keit" in unverfälschter Weise fort, von der auch ein goldener Strahl auf uns „Finken" siel, die weder zu Corps noch Burschenschaft Farbe bekannten.
Das freundliche Jena, das „liebe närrische Nest", wie Goethe — das „kleine Florenz", wie Karl V. es nannte, ist noch heute mit seinen Studenten eng verwachsen. Während diese in anderen Universitätsstädten im Strom des täglichen Lebens verschwinden, sind sie in Jena am Fuße des Hausberges, von dem der alte Fuchsthurm, der König des Saalethales, herablächelt, noch in Wahrheit die Beherrscher der Stadt. Der Jenenser „Philister" betrachtet die Spritzfahrten, Biersuiten, Fackelzüge, Mensuren und Kommerse seiner Studenten als ein Stück Weltgeschichte, seine Gattin, die „Phileuse", betrachtet es als schönste Lebensaufgabe, einen Herrn „Doktor" zu bemuttern, und die „Philine", ihr blondes, braunes oder schwarzes Töchterlein, spielt ihre schönste Rolle als Ehrenjungfrau bei den Festlichkeiten des Bruder Studio. Unter solchen Verhältnissen ist es kein Wunder, wenn das alte Jena tief in die Herzen eingeschrieben ist und in der Erinnerung der „Alten Häuser", wie beim Herrn Pastur in „Hanne Nüte", noch fortlebt, wenn ihre Scheitel längst kahl geworden find wie der Jenzig, das Wahrzeichen Jenas.
Wir haben das wieder recht deutlich gesehen, als wir den 4. August gen Jena pilgerten, um dem 75jährigen Bnrschenschaftsjubiläum, das von: 4. bis 6. Augnst festlich in Jena begangen wurde, beizuwohnen. In der besonders errichteten „Festhalle", die mit grünem Tannenreisig, Fahnen, studentischen Abzeichen, Blumenampeln u. s. w. reichlich geschmückt war, fand am Abend des 4. August die erste Begrüßung der Festtheil- nehmer statt. Ta fanden sie sich wieder, die alten Burschen, die seitdem der Beruf des Lebens in alle Welt zerstreut hatte. Ihr Haar war ergraut, Band und Mütze verblichen, aber das Herz noch frisch und das Auge noch so klar wie einst, da die neue Mütze beim ersten feierlichen „Landesvater" vom Schläger durchbohrt ward.
/Aber auch ganz Jena hatte ein Festgewand angethan. Von allen Häusern wehten die Fahnen, glänzten die Wappen der Burschenschaften und grüßten grüne Guirlanden. In erster Linie ist der Stätten zu gedenken, an denen sonst die Burschenschaften Hausen. Festlich prangte der alte „Burgkeller" mit den: urgemüthlichen bilderreichen Arminenzimmer, der sich so traulich an die alte, spätgothische Stadtkirche anlehnt. Ter Burgkeller wurde 1546 erbaut und hat eine große Vergangenheit. In
von R. Püttner.
dem eigenartigen Renaissancebau berieth einst der hochherzige sächsische Kurfürst Johann Friedrich der Großmüthige, als er 1547 von Karl V. mit einem spanischen Heer durch Jena geführt wurde, mit seinen Söhnen über die Gründung einer Universität daselbst. Hier hausten später die „Burgkelleraner", ehe eine Spaltung der Burschenschaft in Burschenschaften eingetreten war. Festlich prangte auf der Camsdorfer Flur unmittelbar an der Brücke die alte „Tanne", in welcher sich einst die Gründung der deutschen Burschenschaft vollzogen hat. Festlich prangten auch die neuen Kneiphäuser, das reizende Germanenhaus am Markt und das prächtige Teutonenhaus am Löbder Graben. Auch das alte Karzer Hütte gewiß geflaggt, wenn es nicht sammt seinen historischen Wandgemälden niedergerissen gewesen wäre.
Am 5. August versammelten sich die Burschen am Vormittag auf dem Marktplatz, der immer der Ort öffentlicher Scenen aus dem Stndentenleben gewesen ist. Hier werden die Fackeln niedergeworfen, hier werden Versammlungen abgehalten, und in der guten alten Zeit mußte sich das ehrsame Rathhaus gar manchesmal gefallen lassen, daß vor seinen Augen eine regelrechte Mensur ausgepaukt wurde. In des „Rathes Zeise", einem winkeligen, absonderlichen Bierlokal, hauptsächlich aber auf dem freien Marktplatze saßen die Füchse, Brandfüchse und Burschen unter den alten Herren, nur sich bei „Creo" und „Crollo", dem Weiß- und Rothwein von Jenas Bergen, für den Festzng zu stärken. Auch das Denkmal Kurfürst Johann Friedrichs des Großmüthigen hatte Festschmnck erhalten. Der gute „Hannefriede" trug einen Eichenkranz, und das Schwert, das schon manchen vorwitzigen Cylinder durchbohren mußte, war mit Tannenreisig geziert. Vom Markt bewegte sich der Festzug nach dem Eichplatz, auf welchem Donndorfs Burschenschaftsdenkmal steht. Hier bildeten die Burschenschafter eine fchöne Gruppe um das Denkmal, vor dem Rechtsanwalt 1)r. Harmening aus Jena, ein alter Armine, eine kernige Ansprache hielt, die mit einem Hoch auf die Burschenschaften schloß. Der Anblick, der sich hier den Zuschauern bot, war ein prächtiger. Hatten doch die Burschenschaften aller Hochschulen ihre Vertreter entsandt, Berlin, Greifswald, Königsberg, Halle, Straßbnrg, Gießen, Göttingen. Frcibnrg, Erlangen, Marburg, München, Bonn, Leipzig, Breslau, Kiel, Heidelberg, Rostock, Tübingen, Würzbnrg, ja sogar die Oesterreicher (Wien, Prag, Innsbruck) waren im Festzuge vertreten. Voran ritt ein Herold, dem drei Chargierte der Jenaer Arminia, Teutonia und Germania in: Wichs zn Pferde folgten. Dam: kamen die liebreizenden Ehrenjungfrauen, die an: Burschen schaftsdenkmal Kränze niederlegten, Musikcorps, und nun die lange Reihe der alten und jungen Musensöhne. Sie boten zun: Theil in: Schnürrock, dem Sammetbarett mit der wallenden Stranßfeder, der weißen Lederhose, den „Kanonen" mit Sporen und den: blanken Paradeschläger einen male rischen Eindruck, den unser Hauptbild festzuhalten gesucht hat. -
Von: Eichplatz ging es über den Markt nach der „Festhalte", wo der allgemeine „Frühschoppen" alsbald eine feuchtfröhliche Stimmung unter die akademischen Bürger lind ihre Gaste brachte. Manches kräftige Kneiplied