Heft 
(1890) 39
Seite
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(Schluß.)

Gin Wann.

Noman von Dernrann Dervevs.

ls Snarre am Abend dieses Tages in seinen Gasthof zurück­kehrte, fand er ein Schreiben von Alten vor. Darin bat dieser dringend, ihm doch auf seine verschiedenen Briefe endlich eine Antwort zu ertheilen, er könne ohne nähere Anweisung nicht vor­wärts kommen, die Hände seien ihm durch des Grafen Schweigen ge­bunden. Durch diesen Brief ward Snarre in den höchsten Unmuth versetzt, seine gereizte Stimmung richtete sich aber diesmal weniger gegen Alten, als gegen dieganze Limforder Affaire", wie er sich auszudrücken pflegte. Diese ewige Belästigung reizte ihn; keine Woche verging ohne eine Anzahl Zuschriften, und wenn er sie, wie das häufig genug geschah, nach flüchtiger Durchsicht zer­streut bei Seite legte, so folgte gleich eine Mahnung oder die Meldung, aus dem vorgeschlagenen Geschäft sei nichts geworden, weil die Weisungen des Herrn Grafen nicht rechtzeitig einge­troffen seien.

Auf Altens wiederholte, gutgemeinte Bitte, ihm die Ent­scheidung und auch die Verantwortung zu überlassen, war er trotzdem nicht eingegangen das ließ sein herrschsüchtiger Sinn nicht zu.

Nach der Durchlesung des ersten Briefes, der seine Gedanken wieder auf Tromholt gelenkt hatte, entfaltete Snarre ein anderes schwarzumrändertes Schreiben. Es war die Anzeige von Jnge­borg Elbes Tod. Ein neuer Verdruß! Snarre wußte, wie Dina mit der Verstorbenen gestanden hatte, wie nah ihr der Verlust ging. Der Zeitpunkt, ihr von Liebe zu sprechen, war also jetzt der denkbar ungeeignetste. Und doch mußte die Sache zu einem Ende kommen! Er fühlte selbst, daß er nicht länger in Kiel bleiben könne, ohne Dina in schlimmes Gerede zu bringen, er wußte, daß die Menschen schon jetzt über die lange Ausdehnung seines Besuchs sprachen, Dinas Worte auf dem Ball beim Oberpräsidenten kamen ihm wieder in den Sinn. Zudem war seine baldige Ab­reise auch der Geschäfte wegen nöthig. Brieflich waren die Dinge nicht zu erledigen. Durch dieses viele Für und Gegen und Hin und Her gerieth Snarre in eine so unbehagliche Stimmung, daß er zuletzt beschloß, gleich am nächsten Morgen in aller Frühe zu reisen, und zwar nicht nach Limforden, sondern geradeswegs nach Kopenhagen zu Tromholt. Der allein konnte ihm die lästige Sache vom Hals schaffen; bei der Familie Ericius wollte er sich brieflich entschuldigen. Wie peinlich dieser Schritt nach den Er­klärungen, die er Susannen gegeben hatte, dort wirken müsse, daran dachte, er zunächst nicht. Allen Unbequemlichkeiten thunlichst aus dem Wege zu gehen, war nun einmal ein ausgeprägter Zug in seinem Charakter. -

Als Frau Ericius am folgenden Morgen beim ersten Früh­stück Snarres Schreiben eingehändigt wurde, Hermuthete sie eine Einladung oder irgend eine kleine Ueberraschung.Lies, liebes Kind, ich habe meine Brille nicht zur Hand!" Hub sie gutgelaunt an, und Dina ergriff freudig das ihr dargereichte Blatt, dessen Schrift sie über den Tisch hinüber erkannt hatte, und begann, die mit der gewohnten Förmlichkeit verfaßte Einleitung laut vorzulesen, während ihre lustigen Augen bereits weiter über den Inhalt hinichweiften. Plötzlich aber ließ sie das Blatt in den Schoß sinken, stieß einen leisen Schrei aus, und schwere Thränen rollten ihr über das eben noch so übermüthig lustige Gesicht.

Was ist geschehen?" riefen Frau Ericius und Susanne zugleich, indem sie auf Dina zueilten und den Brief, der diese unerwartete Veränderung hervorgebracht hatte, aufhoben. Auch Susannens Züge nahmen einen ernsten, schmerzlich überraschten Ausdruck an, als sie das Schreiben durchflog. Die plötzliche Abreise Snarres, die gewundenen Erklärungen, mit denen er ihre Nothwendigkeit darzuthun, sich gewissermaßen zu entschuldigen suchte, machten auf Mutter und Tochter einen gleich peinlichen Eindruck, ja, die letztere konnte nach ihrem vertraulichen Gespräch von gestern in diesem Schritt nur einen Vorwand zum end­gültigen Rückzug erblicken. Ernste Zweifel an der Ehrenhaftig­keit und Zuverlässigkeit von Snarres Charakter stiegen nun plötz­lich in ihr auf, und sie war, bei allem Mitleid mit Dina, inner­lich froh, daß sie von der Aufgabe, mit welcher der Graf sie be­traut hatte, jener gegenüber noch nichts hatte verlauten lassen. Es hätte dies den Schmerz und die Enttäuschung des armen Kindes

in diesem Augenblick nur noch vermehrt, und Susanne beschloß, auch in Zukunft das Geheimniß für sich zu behalten. Doch bald sollten sie und die Mutter sich überzeugen, daß nicht das minde­stens sonderbare Betragen Snarres allein Dinas Thränen ver­schuldet hatte.

Es war der Tod Jngeborgs, dessen Snarre in seinem Brief nur beiläufig als eines der Familie wohl schon bekannten Er­eignisses unter Bezeigungen seiner Theilnahme Erwähnung that. Er ergriff Dinas Herz so mächtig, daß sie das andere Leid, das ihr der Graf anthat, darüber fast vergaß oder doch nicht in seiner ganzen Bitterkeit empfand. Auch Frau Ericius und namentlich Susanne erfüllte diese Nachricht mit tiefer Trauer.

Geradezu außer sich über den Verlust der treuesten Freundin aber blieb Dina. Kein noch so sanfter Zuspruch der Ihrigen ver­mochte sie zu trösten, und als wenige Stunden später die offizielle Trauerbotschaft mit näherer Angabe von Zeit und Ort der Be­erdigung auch im Ericiusschen Hause eintraf, da war das erste, was über Dinas Lippen kam, der noch von Schluchzen unter­brochene Ausruf:Ich reise nach Kopenhagen, ich muß Jngeborg die letzte Ehre geben!"

Keine Gegenvorstellung vermochte sie von diesem Entschluß ab­zubringen, und schließlich hielten es Frau Ericius und Susanne für das beste und tröstlichste, Dina ihren Willen zu lassen, Tromholt sofort telegraphisch davon zu benachrichtigen, ihm die Zeit von Dinas Ankunft zu melden und ihn zu bitten, für entsprechende Unterkunft besorgt zu sein.

So reiste denn Dina am nächsten Morgen nach Kopenhagen, ohne eine Ahnung, daß der Graf gleichfalls dort sei, da dieser sein Reiseziel nicht angegeben hatte.

Sie wurde von Tromholt am Bahnhof empfangen und begrüßt.

Haben Sie Jngeborgs Brief erhalten?" fragte er.Es war das letzte, was sie schrieb. Ich hatte ihn in der ersten Bestürzung übersehen, fand ihn am Tag nach ihrem Tod auf dem Schreibtisch, von ihrer schon zitternden Hand an Sie adressirt, und habe ihn sofort der Post übergeben. Es wird wohl ein Abschiedsbrief sein, Sie sehen daraus, daß Jngeborg Ihnen bis zum letzten Athemzug treue Freundschaft hielt."

Dina hatte diesen Brief in Kiel nicht mehr erhalten, er mußte nach ihrer Abreise dort eingetroffen sein. Sie war von neuem tiefbewegt.

Nach dem ersten schmerzlichen Gedankenaustausch geleitete Tromholt Dina in die von ihm bestellten Zimmer ihres Gasthvfes und bat beim Abschied um die Erlaubnis;, ihr später noch einmal dort aufwarten zu dürfen. Er warf dabei hin, daß er sich vor Eintreffen ihrer Depesche bereits mit dem Grafen Snarre für den Abend verabredet, diesen aber bisher nicht wiedergesehen habe, um ihm, wie es jetzt geschehen sollte, voll ihrem Eintreffen Kenntniß zu geben.

Snarre?" rief Dina und wechselte so auffallend die Farbe, daß Tromholt darüber erschrak.Ich denke, er ist nach seinen Gütern gereist? Seit wann ist er hier? Wie lange bleibt er, ich bitte?"

In athemloser Hast kamen diese Fragen aus Dinas Mund. Da Tromholt wußte, wie sehr sie sich für Snarre interessirt hatte, schrieb er ihre Erregung diesem Umstand zu und berichtete der Wahrheit gemäß, daß Graf Snarre am gestrigen Abend eingetroffen sei und einige Tage zu bleiben gedenke.

Graf Snarre weiß also nichts von meinem Hiersein?" stieß Dina mit der früheren Unruhe heraus.Ich muß gestehen, ein Zusammentreffen mit ihm wäre mir sehr Peinlich so peinlich, daß ich am liebsten gleich wieder abreisen möchte"

Peinlich?-Ah so!" fügte Tromholt hinzu, dem bereits

eine Vermuthung aufftieg, wie die Dinge lagen.

Eine Pause trat ein, Tromholt wußte nicht, wie er sich ver­halten sollte, und Dina bedauerte, daß sie sich zu solchem Gefühls- ansbruch vor ihm hatte Hinreißen lassen. Sie gewann allmählich ihre Haltung wieder, und jetzt nur noch von dem einen Gedanken beherrscht, die wahren Gründe der plötzlichen Abreise Snarres kennenzulernen, ergänzte sie ihre Rede und sagte, indem sie Tromholt mit einem bittenden und Vertrauen einholenden Blicke