Heft 
(1890) 39
Seite
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anschaute:Wenn ich sagte, daß eine Begegnung mit dem Grafen mir Peinlich wäre, Herr Tromholt, so ist dies eigentlich nicht völlig richtig. Aber, da Sie wohl erkennen, daß die Nachricht von seinem Hiersein mich sehr bewegt, so erweisen Sie mir den Freundschafts­dienst und sagen Sie mir offen und ehrlich nach Ihrer besten lleberzeugung: ist Ihnen bekannt, ob den Grafen so wichtige Geschäfte plötzlich aus Kiel forttrieben, daß keine Möglichkeit vorlag, uns Adieu Zu sagen? Nun, lieber Herr Tromholt?" schloß Dina, als sie sah, daß er mit der Antwort zögerte. !

Ich kann Ihnen Ihre Frage leider nicht unbedingt genau ^ beantworten, Fräulein Dina!" entgegnete Tromholt ernst.Was der Graf mit mir zu verhandeln hatte, trug keinen so eiligen ! Charakter. Aber andere Angelegenheiten mögen vielleicht vorliegen, - von denen ich nichts weiß. Erlauben Sie mir die Frage, ob Sie ! vermuthen, daß Graf Snarre nach einem Vorwand suchte, um ! sich rasch von Kiel zu entfernen?" !

Ja!" gab Dina erröthend, aber bestimmt zurück.Wir alle waren nicht wenig enttäuscht, daß er nach einem solchen engen, I Wochen andauernden Verkehr fast täglich war der Graf in unserer Gesellschaft, ja in unserem Haus sich in solcher Weise verabschiedete."

Ueber Tromholts Gesicht zog ein Zug von ehrlicher Trauer. Er erinnerte sich der Worte Altens, der ihm geschrieben hatte, Snarre werde das kleine bürgerliche Mädchen, wenn's drauf an­komme, doch sitzen lassen! Aber obwohl ihm Dinas Worte jene ^ Prophezeiung zu bestätigen schienen, wollte er solchen Verdacht ohne bessere Beweise doch zunächst nicht aufkommen lassen und sagte daher:Graf Snarre ist bisweilen etwas unberechenbar, aber mit seinem Herzen hat das nichts zu thun. Ich glaube, die Schlüsse, die Sie ziehen, Fräulein Dina, sind nicht richtig, und um darüber so bald wie möglich Klarheit zu gewinnen, wählen Sie den von ^ der Ericiusschen Familie stets befolgten Grundsatz unumwundener ^ Offenheit und sprechen Sie selbst mit dem Grafen!" '

O nein, nein, Herr Tromholt. Es giebt Dinge, die so zarter Natur sind, daß Offenheit sie nur verschlimmert. Fühlt ^ sich der Graf gedrängt, zu sprechen, gut, aber ich ich sag's ? noch einmal möchte am liebsten sogleich wieder abreisen, so ! dringend es mich verlangt, Jngeborg noch den letzten Liebes- > dienst zu erweisen." Dina wollte weiter reden. Aber sie vermochte es nicht; heiße Thränen traten ihr plötzlich in die Augen. !

Und doch ist es möglich, daß Sie sich irren, Fräulein Dina!" besänftigte Tromholt und drückte dem Mädchen voll herzlicher ^ Theilnahme die Hand.Nicht wahr?" fuhr er in sanftem Ton i fort,Sie lieben den Grafen? Und wenn ich auch seine Gefühle i für Sie nicht zu beurtheileu vermag, daß der innere Kern in ihm ^ gut ist, daß er Ihre Liebe trotz seiner etwas schwankenden Natur ^ verdient,> dafür möchte ich meine Hand ins Feuer legen. Sie, ^ gerade Sie, Fräulein Dina, sind die rechte Frau für ihn. Durch Sie würde er abstreifen, was Ungleiches noch an ihm hängt, Sie würden ihn zuletzt ganz vergessen machen, daß er Graf Snarre ist. Nur der im Grunde gute, brave Mensch würde Zurückbleiben. Denken Sie, daß wie so manches sonst im Leben, auch ein solcher Besitz erstritten werden muß. Rechten Sie nicht mit ihm, selbst ! wenn er Ihnen wehgethan hat. Jedenfalls hören Sie ihn erst, ! ehe Sie ihn verdammen." !

Ah, wie Sie sprechen, und wie wohl mir Ihre Worte thun, ! wie sie mir das fast verlorene Vertrauen zurückgeben, Sie bester, ! vortrefflichster Mann, der nur darauf bedacht ist, Freude und Segen um sich zu verbreiten!" rief Dina stürmisch.Haben Sie Dank! Und ich will Ihren Rath befolgen, ich fühle jetzt, daß es der richtige ist."

l9.

Jngeborg Elbe war in die Erde hinabgesenkt worden, und Dina Ericius und Graf Snarre saßen sich im Gasthof in der ersteren Zimmer gegenüber. Eben hatte Tromholt, ein ihn in Anspruch nehmendes Geschäft vorschützend, das Gemach verlassen und da­durch den beiden Gelegenheit gegeben, sich auszusprechen.

Am Abend vorher waren sie sich nicht begegnet, Dina hatte Tromholt vor seinem Fortgange gebeten, sie bei dem Grafen zu entschuldigen. Sie sei von den Eindrücken der Todesnachricht zu sehr ergriffen, auch von der Reise sehr abgespannt und wolle sich deshalb bald zurückziehen. Beim Begräbniß hatten sie sich nur

aus der Ferne begrüßt, das Trauerbegangniß verlangte ohnehin eine ernste Zurückhaltung.

Ich hätte wahrlich nicht gedacht, daß wir uns nach so kurzer Zeit in Kopenhagen wieder sehen würden," begann Snarre mit etwas künstlicher Leichtigkeit.Jedenfalls gestatten Sie mir zu­nächst, Ihnen zu erklären, weshalb ich so rasch und ohne persön­lichen Abschied reisen mußte."

Dina schüttelte den Kopf.Nein, Herr Graf, lassen wir lieber Vergangenes ruhen! Sie werden Ihre Gründe gehabt haben, und ich achte dieselben, trotz unserer ich gestehe es starken Enttäuschung."

Ich möchte aber, da Enttäuschung sich leicht mit Miß­stimmung verbindet, Ihnen gern eine Erklärung geben, mein hoch­verehrtes Fräulein. Daß Sie mir zürnen, fühle ich trotz Ihrer rücksichtsvollen Worte heraus. Und nicht wahr? Wir wollen doch gute, ehrliche Freunde bleiben, Mißverständnisse sollen uns nicht trennen?"

Diesmal antwortete Dina nicht. Sie zuckte nur mit ernster Miene die Achseln.

Sagen Sie mir, welche Gründe schoben Sie mir im Gegen­satz zu den von mir schriftlich angegebenen unter, Fräulein Dina? Ich bitte Sie!"

Einen Augenblick besann sich Dina, dann erwiderte sie mit etwas größerer Zuvorkommenheit im Blick und Ton:Da Sie mich fragen, will ich's nicht länger verschweigen, Herr Graf. Ich nahm an, Sie hätten einen Vorwand gebraucht, um plötzlich Ihnen lästig gewordene Beziehungen abzubrechen. Sie sind Herr Ihrer Schritte, aber ich finde, Sie Hütten eine andere Form wählen können. Empfanden Sie Furcht, Unbehageu? Glaubten Sie, wir würden Sie von Ihren Entschlüssen zurückhalten?"

Durch diese Rede ward Snarre äußerst betroffen, er erkannte jetzt erst die ganze Tragweite seines Benehmens und erschrak vor den möglichen Folgen einer so tiefgehenden Kränkung, die er nicht vorhergesehen hatte. Daher klang auch ein besonders warmer, überzeugender Ton durch seine Worte, mit denen er, ohne das formell Unrichtige seines Verhaltens zu bestreiten, den in der That unverdienten Vorwurf zu entkräften suchte.

Ich gebe Ihnen mein Wort als Edelmann, daß Sie sich täuschen, Fräulein Dina. Nur etwas Wahres liegt in Ihren Worten, daß nämlich ein gewisses Unbehagen mir den Entschluß zu der plötzlichen Reise ohne Abschied eingab. Erlauben Sie, daß ich mich, da nun einmal die Dinge gegen meinen Willen sich so gestaltet haben, offen über alles ausspreche.

Als ich an jenem Abend nach meinem letzten Besuch, da ich Sie zu sehen nicht das Glück hatte, den Gasthof betrat, fand ich dort die gewohnten ärgerlichen Briefe aus Limforden vor. Herr von Alten verlangte eine Antwort auf geschäftliche Fragen, und diese ihm zu ertheilen, war schriftlich nicht möglich. Es drängte mich infolgedessen, so bald wie irgend angängig, mit Tromholt Rücksprache zu nehmen, mit welchem ich seit längerer Zeit wegen des Verkaufs der Werke unterhandle. Eine Aussprache mit ihm mußte meinen Auseinandersetzungen mit Alten vorher­gehen. Deshalb beschloß ich, zunächst nach Kopenhagen zu reisen. Nachdem ich die Limfordener Briefe gelesen, entfaltete ich die Zeilen, die Fräulein Elbes Tod meldeten, und ich begriff, daß Sie, Fräulein Dina, dadurch in eine sehr gedrückte Stimmung geratheu würden. Der natürliche Takt verbot mir unter solchen Umständen, mit Ihnen über die Dinge zu sprechen, die mir sehr am Herzen liegen. Ich aber war nicht mehr imstande, ferner so ohne Aus­sprache neben Ihnen herzugehen, und ich wußte, Ihre Frau Schwester, die ich ins Vertrauen gezogen hatte, würde es aus gleichen Gründen jetzt vermeiden, Ihnen von meinen Wünschen zu reden. Deshalb zog ich es vor, mich zu entfernen, und folgte dabei zugleich einer ich gestehe es etwas selbstsüchtigen Laune. So, nun wissen Sie alles! Wenn Sie sich, und ich habe zahl­reiche Beweise dafür, wie gut Sie sich in die Stimmung anderer Menschen hineinzuversetzen vermögen, in meine Lage denken, werden Sie ich hoffe es nicht zu scharf mit mir ins Gericht gehen."

Snarre brach rasch ab und beobachtete den Eindruck, den seine Worte auf Dina machen würden. Aber es war nicht der, den er erwartet hatte.

Dina war sichtbar nicht befriedigt durch seine Erklärung, sie blickte, das Haupt bewegend, ins Leere und erhöhte durch ihr Schweigen Snarres Anruhe.