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mit der ihm vor der Abreise angetrauten Agnes bereits auf hoher See. So stand denn auch Tromholts Fahrt nach Limforden und Kiel kein Hinderniß mehr im Wege. Die Aerzte, welche ihm die Befragung ihres dortigen berühmten Fachgenossen empfohlen hatten, riethen dringend, nicht länger mit dem entscheidenden Schritt zu zögern, und er selbst fühlte es, daß Eile noththue.
Der starke, zielbewußte Mann befand sich in einer unbeschreiblichen Stimmung. Zum erstenmal in seinem Leben vielleicht schwankte er in seinen Entschlüssen bezüglich dessen, was für ihn in der nächsten Zukunft zu thnn sei. Herz und Vernunft, Pflicht und Liebe stritten in ihm den schwersten Kampf, über dessen Ausgang er sich selbst nicht klar wurde.
Einestheils konnte er nach dem Inhalt der Schriftstücke, die Jngeborgs letztes Vermächtniß an ihn bildeten und die er immer und immer wieder in sein Gedächtniß zurückrief, kaum länger zweifeln, daß Susanne ihn liebe, sich in heimlicher Sehnsucht nach ihm verzehre und daß sie, wenn auch zu stolz, den ersten Schritt zu thnn, doch einer Werbung von seiner Seite freudigen Herzens zustimmen würde. Oder war es möglich, daß Dina sich selbst und Jngeborg getäuscht hätte? — Nein, nein, ihre Briefe an die nun hingegangene Freundin trugen unverkennbar den Stempel unmittelbarster Beobachtung. Und wie hätte ihn Jngeborg in ihrer Todesstunde zum Mittwiffer eines Geheimnisses machen können, von dessen Wahrheit sie nicht selbst völlig überzeugt war, sie, die ihm damit das größte Opfer darbot, das ein Weib dem Manne, den sie liebt, zu bringen vermag!
Sein eigenes Herz sagte es ihm selbst tausendmal: „Eile zu ihr, sie liebt dich! Verlängere nicht ihre Qual und die deine. Lange genug habt ihr beide in gegenseitiger Entsagung gelitten, euch ferne von einander in stummem Gram verzehrt. Nun winkt euch das Glück, das höchste, das ihr ersehnt?"
Wie gerne wäre er der Stimme des Herzens gefolgt, hätten nicht Vernunft und Pflichtgefühl ihren Einspruch dagegen erhoben! Durfte er bei dem Entsetzlichen, mit dem ihn die Zukunft vielleicht bedrohte, ihr Leben jetzt noch an das seinige, an das eines Blinden fesseln? Würde sie nicht, wenn sie jetzt auch diesen Einwand nicht gelten ließ und seine Werbung annahm, später, wenn das Gefürchtete wirklich eintrat, den Schritt doch bereuen, und würde er selbst sich nicht bittere Vorwürfe zu machen haben, wenn er ihr freiwilliges Opfer hinnahm, Vorwürfe, die ihm sein ohnehin hartes Los noch schwerer erträglich machen würden? Konnte er ihr jetzt noch das Glück an seiner Seite bieten, das sie nach seiner Ansicht verdiente?
Solche Fragen beantworteten Pflicht und Vernunft mit einem grausamen Nein! Freilich, es kam dazwischen auch noch eine andere Stimme zum Wort, die Stimme der Hoffnung. Wenn die Operation gelänge, wenn das Gefürchtete nicht einträte, dann, ja dann! Aber diese Stimme klang nur schwach und schüchtern.-
So trat Tromholt die Reise an. Der vorläufige Entschluß, zu dem er gekommen war, ging dahin, erst in Limforden das Geschäft zum Abschluß zu bringen, einige Tage bei den Seinigen dort zu verweilen und sich dann in Kiel, ohne Susanne vorher gesehen und gesprochen zu haben, der Operation zu unterziehen, von deren Erfolg alles Weitere abhing.
Er hatte den Grafen Snarre und Alten von seiner Ankunft telegraphisch benachrichtigt und traf daher den ersteren, hochbefriedigt über den Gang, den die Dinge genommen hatten, gleichfalls in Limforden.
Die ersten Tage seines Aufenthalts dort waren einer eingehenden Besichtigung der Werke gewidmet, die Tromholt im besten Stand fand, sowie der Jnventuranfnahme, dem Verkehre mit den Kaufliebhabern, kurz allem, was auf eine rasche, alle Theile befriedigende Erledigung dieser dem Grasen wie ihm selbst gleich sehr am Herzen liegenden Angelegenheit hinzielte. Nachdem dies erledigt war, kehrte der Graf nach Schloß Snarre zurück und Tromholt blieb bei Alten in Limforden.
Das Glück, den langentbehrten Bruder und Schwager wieder bei sich zu haben, die frohe Aussicht, bald ganz mit ihm vereinigt zu 1 sein, versetzten Bianca und ihren Gatten in eine überaus gehobene ! Stimmung; der letztere vergaß darüber sogar, dem in seinem Herzen ! angehäuften Groll gegen Snarre in seiner gewohnten sarkastischen ^ Weise dem Schwager gegenüber Ausdruck zu geben. Nur die Sorge ! um die nächste Zukunft, die Gefahr, der Richard entgegenging, warf einen Schatten über dieses glückliche Zusammensein. Auch auf ^
Tromholt wirkte der Aufenthalt im Menschen Familienkreis uveraus wohlthuend, der Zwist in seinem Innern beruhigte sich, und eine vertrauliche Aussprache mit Bianca, wobei er der Schwester von Jngeborgs Vermächtniß Kenntniß gab, brachte in ihm den Entschluß zur Reife, nun doch noch einmal im Ericinsschen Hause vorzusprechen, bevor er den schweren Gang antrat, der ihn vielleicht in ewige Nacht hüllte. Er wollte Susanne, zu der ihn sein Herz mit so heißer Sehnsucht hinzog, wenigstens noch einmal vor „des Lichtes ewigem Schwinden" sehen.
Von Biancas und Altens Segenswünschen begleitet, reiste er einen Tag vor dem für die Operation festgesetzten nach Kiel ab.
Im Ericinsschen Hause hatte sich inzwischen etwas zugetragen, von dem Tromholt keine Ahnung haben konnte. Während Dina bei der Beerdigung Jngeborgs in Kopenhagen weilte, war jener Brief, den Jngeborg für Dina hinterlassen und Tromholt nach Kiel abgesandt hatte, dort eingetroffen. Susanne, die, wie auch ihre Mutter, in einiger Besorgniß um Dina war, da diese allein ohne jeden Schutz die Reise unternommen hatte, und die nun begierig auf eine beruhigende, ihre glückliche Ankunft dort meldende Nachricht wartete, nahm diesen Brief dem Postboten aus der Hand und, überzeugt, daß es der so sehnlich erwartete sei, vielleicht auch in der Hoffnung, er werde etwas auf Tromholt Bezügliches enthalten, öffnete sie ihn, ohne näher auf die Adresse zu sehen.
Nun hatte Susanne zwar gleich nach dem Lesen der ersten Zeilen Jngeborgs Handschrift und damit ihren Jrrthum erkannt, allein sie sah auch ihren eigenen Namen in Verbindung mit dem Tromholts des öfteren wiederkehren, und so, von einer seltsamen Unruhe und der Begierde, etwas von Tromholt zu erfahren, beherrscht, vergaß sie alle Bedenken über die Berechtigung ihres Thuns und las den für ihre Schwester bestimmten Brief.
Er war mit schwacher, zitternder Hand geschrieben und lautete: „Meine geliebte Dina!
Wenn Du diese Zeilen erhältst, wird die, welche sie geschrieben hat, zu der ersehnten Ruhe eingegangen sein, die sie in diesem Leben nicht finden konnte; denn es ist mein Wille, daß diefer Brief erst, wenn ich die Augen für immer geschlossen habe, in Deine Hände gelangt. Ich fühle, daß der Augenblick nicht mehr fern ist, ich sehe ihm ohne Furcht und Schrecken entgegen, der Tod naht sich mir als ein Erlöser von schwerer Qual. Und doch möchte ich auch mit diesem Leben versöhnt in jenes andere, bessere hinübergehen. Wenn ich daher allen, die mir hier Böses gethan haben, von ganzem Herzen verzeihe, wie viel mehr muß mir daran liegen, denen, die mir Wohlthäter und Freunde waren, ein dankbares Gedächtniß zu hinterlassen!
Was ich hier Gutes genossen, das danke ich in erster Linie Herrn Richard Tromholt, in dessen Haus ich eine schützende Zuflucht gefunden habe und ein sanftes Sterbelager zu finden hoffe, ihm, dessen Liebe ich nicht Werth war, und der mir doch sein reiches, groß- müthiges Herz erschloß, wie ein Bruder für mich sorgte, — und sodann Dir, deren Freundschaft mir treu blieb bis ans Ende und mir so manche Stunde des Leidens gemildert hat.
Euch beide möchte ich so gern glücklich wissen, Tromholt und Dich. Du, Dina, hast ein reines, frohes Gemüth. Möchtest Du den Mann finden, der seine Schätze zu würdigen weiß und Dich so glücklich macht, wie Dills verdienst, wie ich es wünsche! Und Du wirst ihn finden, ich wriß es, ich ahne es, Sterbende sind fernsichtig. —
Aber Tromholt? Er ist ein Mann der strengen Pflichterfüllung, eine edle, starke Natur, die, wo sie sich verkannt glaubt, sich entsagend auf sich selbst znrückzieht, ihre Qual gewaltsam beherrscht und das Glück, wenn es sich bietet, zu Haschen versäumt. Was kann ich für ihn thnn, ich, das schwache Weib, für ihn, den starken, zielbewußten Mann! Manche schlaflose Nacht Hab' ich darüber nachgedacht, vergebens, und erst der nahe Tod hat mir die rechte Antwort auf meine Frage gegeben. Ja, ich kann es, und es ist meine Pflicht, es zu thnn, selbst wenn ich damit das Geheimniß, das mir die Freundschaft auferlegt, breche und damit einen Treubruch begehe gegen Dich. Ja, gegen Dich, Dina! Höre meine Beichte und verzeihe mir, wenn Dir kannst, verzeih' Deiner sterbenden Freundin, die Dich so sehr geliebt hat, Dich und-. Doch höre: