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Tromholt liebt Susanne seit dem Augenblick, da er sie zuerst sah, und keine noch so bittere Erfahrung, kein noch so starkes Weh, das sie ihm angethan, hat diese Liebe je zu verwischen, je auch nur abzuschwächen vermocht. Sein Herz gehört ihr, sehnt sich nur nach ihr und wird ihr gehören, so lange es schlägt. Ein Mann wie Tromholt kann nur einmal lieben! Bleibt diese Liebe unerwidert, wie er es von der seinen glaubt — denn der Schein, Dina, täuscht auch die Stärksten — so trägt er die Wunde immer in der Brust mit sich herum, und eben weil er die Blutung nach außen durch seinen starken Willen abdämmt, so verblutet sich sein Herz langsam nach innen! O, meine geliebte Dina, weißt Du, wie weh das thut? —
Ich weiß es, ich sah, wie er um sie litt. Ob er gleich seine Qual wie ein Held verbarg, ich sah sie und ich besaß das erlösende Wort, das diese Qual beschwört hätte, besaß es in Deinen Briefen, Dina, und durste es nicht aussprechen. Ich durste nicht, nein, aber auch mein eigenes Herz sträubte sich dagegen, es gab Augenblicke, wo ich, von schwerer Selbstsucht befangen, seine Liebe verwünschte und die, der er sie geweiht, darum beneidete, haßte. Diese Selbsterkenntniß liegt in der Todesstunde wie eine schwere Schuld ans meinem Gewissen, Dina, ich darf, ich kann sie nicht mit hinübernehmen ins Jenseits, wenn mir der ewige Richter dort vergeben soll.
Soll Tromholt sich noch länger in stummem Schmerze verzehren, da Susanne, wie Du mir schreibst, ihn wieder liebt, und — wie könnte es auch anders sein! — mit derselben ungestillten Sehnsucht nach ihm verlangt? Sollen sie beide für alle Zukunst unglücklich sein, weil ihnen diese Liebe gegenseitig ein Geheimniß ist? Nein, Dina, das kann, das darf nicht sein, das will der Himmel nicht, Du selbst mußt es begreifen, und mir ist .es in diesen Schmerzenstagen zur unumstößlichen Gewißheit geworden. Wie eine Erleuchtung von oben, vor der jede irdische Verpflichtung weichen muß, kam es über mich, ihr will ich folgen, ihr allein, und wenn der Tod seine Hand nach mir ausreckt, dann will ich Tromholt Deine Briefe, die ihm das Geheimniß von Susannens Liebe enthüllen, als mein letztes Vermächtniß in die Hand legen.
Und nun, liebe Dina, Hab' ich mein Herz vor Dir ausgeschüttet, ich weiß, Du verzeihst mir.
Meine Kräfte schwinden, der Husten kehrt wieder, meine Hand vermag die Feder nicht länger zu halten, es ist das Letzte, was sie in diesem Leben geschrieben.
Leb' wohl, Theure, Liebe, weine nicht um mich! Mir ist wohl! Seid glücklich, alle, alle, und gedenket zuweilen in Liebe
Eurer Jngeborg."
Susanne hatte die Schlußworte dieses Briefes nicht mehr gelesen. Bei der Stelle über Dinas Briefe an Jngeborg, die das Geheimniß ihrer Liebe enthielten, war ihre anfängliche Ergriffenheit einem jähen Ausbruch der Scham und des alten Trotzes gewichen. Sie hielt sich von Dina für verrathen, vor Jngeborg und Tromholt gedemüthigt. Was Jngeborg von Trom- holts Liebe zu ihr schrieb, hielt sie für nicht mehr als einen Zoll des Mitleids, ein Almosen, das sie nicht begehrt hatte. Ein unbändiger Zorn gegen Dina, Jngeborg, Tromholt, ja gegen sich selbst erfaßte sie, alle Reue und Sehnsucht war vergessen, sie war wieder ganz die alte, stolze, trotzige Susanne von damals, welche die Perle, die sich ihr darbot, mit Füßen trat und nach dem Kiesel griff.
Mitten in diese innere Erregung hinein kam Dinas Botschaft von ihrer Verlobung mit Snarre, von einem Brief des letzteren begleitet, der die Genehmigung der Familie für sein und Dinas Vorgehen in höflichster Form nachsuchte und dabei auch auf sein früheres Gespräch mit Susanne Bezug nahm. Frau Erieins war so erfreut über dieses nach dem jüngsten Zwischenfall kaum mehr erwartete Ereigniß, daß sie darüber die Zeichen nervöser Unruhe in dem Benehmen ihrer älteren Tochter völlig übersah. Auch vermochte sich Susanne in der ersten Zeit nach Dinas Rückkehr soweit zu beherrschen, daß sie dieser mit einer flüchtigen Entschuldigung Jngeborgs Brief übergab, ohne ihre Kenntniß des Inhalts zu erwähnen. Selbst Dina bemerkte in ihrem jungen Glück nicht die Wolken, die über der Stirn ihrer Schwester lagen, die Kälte ihrer Glückwünsche, die Geflissentlichkeit, mit der sie ihr und dem Grafen auswich und sich oft tagelang in ihr Zimmer einschloß.
Von Tag zu Tag erwartete Dina Tromholts Ankunft; nur die Trauer um Jngeborg konnte ihn nach ihrer Ansicht so lange
i zurückhalten, sie hatte gehört, daß er in Limforden sei, nun mußt« er doch bald kommen! Und die kindliche, glückliche Dina träumte bereits von einer Doppelhochzeit. Es wurde ihr schwer, ihr Geheimniß für sich zu behalten, es nicht wenigstens anspielungsweist ihrem Bräutigam, namentlich aber Susanne selbst, zu verrathen, und gerade dieser gegenüber wurde es ihr schließlich, da Trom- holt immer nicht kam, zu schwer. Sie konnte nicht umhin, die Möglichkeit seines Besuchs unter Hinweis auf Jngeborgs Bries mit allerlei schelmischen Bemerkungen anzudeuten.
Da erst kam Susannens lang verhaltener Unmuth zum voller Ausbruch. Sie machte Dina die heftigsten Vorwürfe über ihre Rücksichtslosigkeit, nannte ihre Behauptungen schnöde Lügen und ging so weit, von ihr zu verlangen, daß sie sofort an Tromholl schreibe, das Mißverständniß aufkläre und ihm mittheile, sie, Dina habe sich getäuscht, zu voreilig geurtheilt, er möge ihren brieflicher Mittheilungen an Jngeborg, soweit sie sich auf Susannens Ge- müthszustand bezögen, keinen Glauben beimessen und sich von ihner namentlich nicht zu Schritten Hinreißen lassen, die ihm nm schwere Enttäuschung bereiten würden.
Das aber war auch Dina zu viel. Anfänglich eingeschüchteri durch die Maßlosigkeit von Susannens Anklagen, gerieth sie bei dieser letzteren Zumuthung selbst in leicht begreifliche Erregung Sie hatte das Beste gewollt und sah nun sich und die verstorbene Freundin in dieser Weise verunglimpft. Das war zu viel, das ging über ihre Geduld, und in gereiztem Tone wies sie Susannens Vorwürfe zurück. Sie nahm keinen Anstand, ihr ins Gesicht zr sagen, daß sie sich nicht getäuscht habe, daß das, was sie Inge borg geschrieben, keine Lüge, sondern Wahrheit sei, von der sn kein Wort zurücknehme, die sie auch den heftigsten Widersprüchen Susannens zum Trotz aufrecht erhalte.
Die Leidenschaftlichkeit der beiden Schwestern hatte ihren Höhepunkt erreicht, als Tromholts Besuch gemeldet wurde.
„Nein, nein," rief Susanne, „ich kann, ich will ihn nichi sehen! Empfange Du ihn, Du bist's ja, die ihn gerufen hat, nichi ich! Nun sieh zu, wie Du mit ihm fertig wirst, und wenn Dr nicht den Muth hast, ihm offen Deinen Jrrthum zu bekennen so mag ihn meine Abwesenheit davon überzeugen, daß es nich wahr ist, wenn Du behauptest, ich gräme mich um ihn und ei dürfe nur kommen und mir seine Liebe als ein Almosen anbieten, wie man's aus Mitleid einer Bettlerin darreicht. Nein nein, ich will kein Almosen von ihm!"
Und was auch Dina thun mochte, die Erregte zu beruhigen z ihren unsinnigen Verdacht zu widerlegen und sie zu beschwören ! dem alten Freund des Hauses gegenüber wenigstens die äußer«
- Form zu wahren, Susanne hörte nicht mehr auf sie und verlief eilends durch eine Seitenthür das Gemach, um sich in ihrem Zimmei einzuschließen.
Tromholt hatte im Gange noch die Stimme Susannens vernommen, ohne jedoch den Sinn der Worte, die so hastic herausgestoßen wurden, zu verstehen; um so mehr überraschte es ihn, Susanne bei seinem Eintritt in das Gemach nicht dort zu finden auch entging ihm nicht die Spur großer Erregung in Dinas Zügen, als ihm diese mit einem traurigen Lächeln auf den Lipper und thränenumflorten Augen entgegenkam und ihm herzlich di« Hand drückte.
Eine dunkle Ahnung kam sogleich über ihn. „Was ist ge schehen?" fragte er. „Ist Ihre Frau Schwester krank, oder Ihr« Mutter — den Grafen habe ich noch heute gesehen — oder was sonst kann Ihnen so großen Kummer bereiten?" Und da Dine schwieg, fuhr er eindringlicher fort: „Verhehlen Sie mir nichts Fräulein Dina! Was ist vorgefallen? Ich sehe, es wird Ihner schwer, mir's zu sagen. Ich hörte die Stimme Ihrer Frar Schwester, sie klang zornig und aufgeregt. Warum? — Betrisß es mich, meinen Besuch? — O bitte, sprechen Sie, sagen Sn mir die volle Wahrheit, auch wenn —"
Er vollendete den Satz nicht, aber unwillkürlich Preßte ei die Hand aufs Herz, immer deutlicher wurde in ihm das Vorgefühl einer schweren Enttäuschung, die ihm bevorstand, er empfant es wie einen stechenden Schmerz in der Brust.
Dina sah ihn mit mitleidsvollem Blick an. „Ja, Herr Trom holt," begann sie endlich, „es ist ein großes Unglück geschehen Zwar Mama ist gesund, sie wird es bedauern, nicht hier zu sein und mein Bräutigam desgleichen, aber Susanne — Susanne — ach, Sie haben es ja schon errathen —"