Heft 
(1890) 40
Seite
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Der schlanke, feingebaute Mann schien die verkörperte Willens­kraft, während er sprach, er war sehr blaß geworden, seine Nasenflügel bebten, aus den tiefliegenden Angen sprühte es.

Reginald war ergriffen.Welch' ein Leben muß das ge­wesen sein!" sagte er leise, mehr zu sich selbst sprechend.

Es wäre Ihnen wohl als Psychologe interessant, Bekennt­nisse eines Raubmörders, der nur zehn Schritt von der sogenannten Ewigkeit entfernt ist, zu sammeln? O ja, meine Lebensgeschichte würde einem geschickten Schriftsteller ganz schätzbares Material liefern. Auch wäre ich noch eher bereit, jemand meine Schicksale zu erzählen, als ihm die Sorge für meine Seele in die Hände zu legen. Seelsorger! Was für ein unsinniges Wort! Wie kann denn ein anderer Mensch für meine Seele sorgen, wenn ich selbst das Kunststück nicht einmal zustande gebracht habe?"

Aus eigener Kraft wird er das auch niemals können."

Die göttliche Gnade muß in ihm wirksam sein so meinen Sie doch, nicht wahr? Es ist doch schade, daß unsereins niemals etwas davon zu spüren bekommt; sie ist wohl nur für die aus­erwählten Werkzeuge Gottes vorhanden, nicht wahr?"

Reginald warf den Kopf zurück.

Es ist offenbar Ihre Absicht, mich von hier zu vertreiben, denn Sie müssen sich sagen, daß der Ton, in dem Sie von meinem Beruf zu mir sprechen, auf mich ungefähr ebenso wirken muß, als wenn Sie meiner Mutter ins Gesicht schlügen. Der großen und ernsten Sache, um die es sich handelt, geschieht kein Schade damit die hat wahrlich schon mehr erduldet und steht höher, als daß solche Pfeile einer verbitterten Seele sie erreichen könnten! Sie können also nur mich persönlich beleidigen wollen, und ich habe Ihnen nichts zu leide gethan!"

Nicht Sie Persönlich will ich beleidigen und an der Wieder­kehr hindern, sondern den Geistlichen mit einem solchen mag ich nichts zu schaffen haben!"

Wohl aber er mit Ihnen! Und so werden Sie auch meine Wiederkehr nicht hindern können; für heute ist es genug. Und Ihr Wunsch?"

ES malte sich etwas wie Ueberraschung und Verlegenheit in Schönfelds Zügen, als der Geistliche auf den Wunsch zurückkam; er that, als wäre ihm die Angelegenheit schon gleichgültig geworden.

O - es ist- Sie werden sich unendlich verwundern, daß i ch gerade einen sulchen Wunsch hege auch fragt es sich sehr, ob Sie, Herr Pfarrer, oder der Direktor ihn mir erfüllen wollen. Ich habe nämlich ... ich war nämlich . . . schon als Kind war ich ein leidenschaftlicher Blumenfreund, und in allen Lebenslagen habe ich daran festgehalten; es ist zum Erstaunen, nicht wahr?

Wie gut Sie Ihre Gesichtszüge in der Gewalt haben Sie lachen nicht einmal und sehen auch nicht erzürnt aus. Und es ist doch das Widersinnigste, was man sich denken kann: ein Dieb und Todtschläger, ein Verbreiter gefährlicher Ansichten, ein Verbrecher, dessen sich die civilisirte menschliche Gesellschaft auf gewaltsame Weise entledigen will . . . und das Zarteste, Lieblichste, Un­schuldsvollste, was die Natur hervorzubringen imstande ist: die Blume! Aber ich war ja nicht immer ein Raubmörder; es gab Zeiten in meinem Leben, wo ich geachtet und geehrt dastand und kein Mensch mir meine Blumenliebhaberei beanstandete; wie soll sie nun durch meinen weitern Lebensgang in mir ausgelöscht sein? Mall findet solche wunderliche Neigungen übrigens des öftern: rohe Kriegsmenschen lieben häufig kleine Kinder, schwere Verbrecher schwärmen für Musik ich bilde keine Ausnahme!"

Ihr Wunsch soll erfüllt werden!" sagte Reginald ruhig. Es fragt sich nur, ob hier" er warf einen Blick ans das ZimmerBlumen überhaupt gedeihen können!"

Mein Fenster hat ziemlich lange Morgensonne, und wenn ich einen Stuhl heranschiebe, reiche ich gerade mit ausgestreckter Hand hinauf!" Schönfeld sagte es eifrig, mit einem überredenden Blick.

Gut also! Wünschten Sie sonst noch etwas? Vielleicht Bücher?"

Das schneidend sarkastische Lächeln erschien wieder auf dem Gesicht des Gefangenen.

Sehr verbunden! Die Lektüre, die mich ausschließlich während der letzten Jahre beschäftigt hat, dürften Sie mir schwer­lich verschaffen können und wollen: revolutionäre Schriften, lauter Umsturzideen und gefährliche Neuerungell enthaltend, Helles Jakobinerthum! Solche geistige Nahrung kann ich hier nicht gut verlangen, und den Walter Scott, den ich als junger Mensch sehr liebte, hat der Direktor nicht!"

Ich- besitze ihn und werde Ihnen zunächst ein paar Bünde zuschicken! Adieu für heute!"

Reginald machte eine verabschiedende Bewegung und wandte sich zum Gehen. Der Gefangene verneigte sich stumm und gab ihm bis zur Thür das Geleit; während der paar Schritte war es, als ob er noch etwas sagen wollte ein Entschluß schien in ihm aufzusteigen, aber auch wieder zu erlöschen; er preßte die Lippen übereinander und blieb still.

Draußen im Flur nahm Remmler den Geistlichen in Empfang und führte ihn über den Hof; der Direktor ließ sich nicht blicken, und Reginald wußte ihm in seiner Seele Dank dafür, daß er sich nicht sofort ausführlich bei ihm erkundigte, wie die Unterredung im ! Gefängniß verlaufen sei.-- (Fortsetzung folgt.)

Sie KochZ-eit von Hanoi Molfgang.

Alle Rechte Vorbehalten.

Am Froste starrt die Winterszeit. Dreikönigstag ist nicht mehr weit.

Rings gleißt der Alpen steiler Wall Als wie ein Zarnisch von Rrystall.

Im Dorf Sanct wolsgang, dicht am See, Schallt aus dem wirthshaus froh Juchhe.

Der See liegt, hart gefroren zu,

In träger trüber Todtenruh.

Im Freien draus friert's Stein und Bein, Im Tanzsaal schwebt der Zochzeitsreihn.

In Myrthen strahlt das Hochzeitspaar; Frohlockend ruft der Gäste Schar:

Die Nacht ist klar, manch Sternlein brennt, wir bringen euch noch heim nach Gschwend.

Der See ist zu, drum sei heut Nacht Auf ihm der Brautlauf frisch vollbracht."

Baßgeig' und Fiedel sind verstummt,

In jdelzwerk sich die Schar vermummt.

Sie zünden Helle Fackeln an,

Im Schleier hüxft die Braut voran.

Rein Tropfen wein mehr blinkt im Krug, von dannen stäubt und schwirrt der Zug.

wo sonst die Fluth spült um den Rahn, Glänzt weithin die krystallne Bahn.

Auf die verschneite Fläche wagt Die Schar sich lachend, unverzagt.

Nach Brautlaufart, zu Zwein und Zwein, Gehüs wirbelnd auf den See hinein:

wie glänzen die Gesichter hell Im Strahl der Lichter roth und grell!

Auf der bereiften Ebne Grund

Der Schein sich bricht und spiegelt bunt.

Zeiß auf den Schnee, der hoch sich häuft Das Hech der Fackeln schmelzend traust.

Der Mond im gelben Nebelstor Rlimmt traurig hinterm Berg hervor.

Im Uebermuth sie tanzen nun Mit schwerbeschlagnen Nagelschuhn.

von unten, Gott, welch schriller Rlang l Im Eise quillt der Wasser Drang.

Es knistert, gurgelt, surrt und klingt,

Die weite Spalte klafft und springt.

Die Scholle klirrt, die Rruste bricht, Im Gischt verzischt der Fackeln Licht.

Weh, wie viel ros'ge Lebensgluth verlischt in eisig nächtger Fluth!

Trübselig spinnt der Nebelduft Um grauer Blöcke kalte Gruft.

Im Mondlicht glitzern Eis und Schnee* Lin Glöcklein läutet überm See.