Heft 
(1890) 40
Seite
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sich Thimig als Episodist mit seinen bis ins Kleinste und Feinste aus- > geführten Miniaturen dem Gesammtbilde, dein berühmten Ensemblespiel ! des Burgtheaters unterordnet, bisweilen lockt es ihn doch, zn versuchen, ! wie weit er imstande sei, ein ganzes Stück allein auf seinen Schultern zu ! tragen. Das erste Mal erfuhr er zu seiner Freude, daß seine Kraft auch ! solchen Aufgaben gewachsen sei, als ihm Wilbrandt die Hauptrolle inGogols ^ Reviso r" zutheilte. Besser als jeder Lobspruch zeugt für diese Leistung ! die Thatsache, daß ein namhafter russischer Kritiker, Boborykin, der auf , der Durchreise zufällig das Burgtheater besuchte, Thimigs Chestakoff für ^ die beste Vergegenwärtigung dieses Typus erklärte, die man überhaupt i noch gesehen, den Darsteller selbst aber schlechterdings für einen Russen hielt.

Seinen stärksten Trumpf spielte Thimig aber mit seinem Trusfaldino aus, dem venezianischen Harlekin in GoldonisDiener zweier Herren." Der Held dieser italienischen Volkskomödie ist ein Schelm ans Bergamo, der sich aus Hunger und Habsucht gleichzeitig zwei Herren verdingt, für die er vollauf zu thun hat. Dabei richtet er in seiner Einfalt, ! Gefräßigkeit und Verliebtheit soviel Verwirrung an, daß er von beider: geprügelt wird, bei beiden nicht satt zu essen bekommt und zuguterletzt keinen anderen Profit davonträgtwenn's einer ist!" als ein Kammer­kätzchen, das seine Frau wird. Dieser blutarme Teufel mit all seinen Schnurren und Streichen blickt nebenher auf einen jahrtausendalten Stammbaum zurück, denn in Wahrheit ist dieser venezianische Hanswurst der unmittelbare Abkömmling der verschmitzten Sklaven der altrömischen Komödie, ein Bursche, den: man trotz all seiner Frechheit und Verlogen­heit nicht dauernd gram sein kann, da er uns immer wieder durch seine naive Unverschämtheit belustigt, durch seine närrischen Ausreden und tollen Stücklein entwaffnet. Seit Schröders Zeiten hat die deutsche Bühne immer wieder versucht, gerade diese Goldonische Posse, gleichsam als Musterstück des alten Stegreifspiels, in den festen Bestand ihres Reper­toires aufzunehmen, denn Trusfaldino wirkt weit mehr als durch die vor­

schriftsmäßigen Worte des Bühnentextes durch seine pantomimischen Zwischenspiele, durch seine Balletsprünge und Turuerkünste. Thimig hat sich mit wahrhaft genialer Schöpferkraft dieser Aufgabe bemächtigt; er wollte mit dem großen Arlechino Sacchi Wetteifer::, zugleich aber das strenge künstlerische Maß festhalten, welches die vornehmste deutsche Bühne auch der ausgelassensten Faschingspoffe vorschreibt. Und dank der einzigen Mischung seines übersprudeluden Temperaments und seiner strammen künstlerischen Zucht gelang es ihm wirklich, Hanswursts Unsterbliches in den Burgtheaterhimmel hinüberzuretten. Er wagte es, den: übermüthigen Bengel eine körperliche Gelenkigkeit und Springfreudigkeit zu geben, die ihn wenig vom Seil- und Grotesktänzer unterscheidet. Im Kostüm behielt er pietätvoll das Abzeichen des Bergamasker Bauern, das Hasenschwänzchen am Hut, bei, während er das buntscheckige Harlekinsgewand weiter zurück vermenschlichte in das, was es vielleicht immer andeuten sollte: das ge­flickte Jäcklein eines armen, lustigen Hans Dampf. Bor allen: schenkte Thimig Trusfaldino aber sein ganzes Herz;ich kroch in seine Haut," so scherzte er einmal,als wenn sie meine eigene werden sollte, und nahm die verwegensten Uebertölpelnngen so ernst und wahr, als ob mein Lebens­glück davon abhinge, suchte naiv und überzeugt zu sein und mied ängst­lich alle parodistischen Streiflichter, die den Darsteller klüger sein lassen, als seine Rolle." Jahrhundertalte halbverschollene Ueberlieferungen der volksthümlichen, wälschen und deutschen Komödie hat Thimig solcherart wiederbelebt und als moderner wohlgeschulter Schauspieler verjüngt, die venezianische typische Maske in eine lebenswahre und -warme, individuell bestimmte Persönlichkeit umgewandelt. Kein Zweifel, daß diese Leistung Thimigs einen Gipfel der neueren deutschen Schauspielkunst bezeichnet. Kein Lebender hat Thimig in der Heimath oder in Italien denDiener zweier Herren" vorgespielt, und wir glauben nicht, daß ihn: irgendwer seinen Trusfaldino, von den: Bild und Wort kann: eine Vorstellung geben können, Nachspielen wird. Mion Aetletheim.

Auf schwankem Woben

Von M. Heirnvrrvg.*

Alle Rechte Vorbehalten.

o stehe ich denn einmal wieder in dem niedrigen Zimmer des alten Gasthauses zurRothen Forelle", dem erstenHotel" in der kleinen thüringischen Stadt, und schaue über die einsame, wohlbekannte Straße mit dem holperigen Pflaster und der Reihe alter einstöckiger Häuser, denen man dem Pfingstfest zu Ehren neuen Anstrich gegeben hat. Ich sehe den Brunnen mit seinen drei immer fließenden, krystallklaren Wasserstrahlen; der kleine eiserne Ritter auf der schmucklosen Säule, der diese Strahlen entquellen, ist St. Martinas, der besondere Schutzheilige des Städtchens. Es hat sich nichts verändert, aber auch nichts, und die Linde vor der Thür des Gasthauses hat heut wieder ebensolche junggrüne Blätter wie damals, als ich im Schatten des ehrwürdigen Baumes zum ersten Male aus der Extrapost stieg, um meinen Fuß auf Borndorfer Gebiet zu setzen.

Zu beiden Seiten des mächtigen Hausthores bemerkte ich vorhin Maien, mit rothen Schleifen verziert, und auch, just wie dazumal, auf dem altersbraunen Flügel einen rothen Theater­zettel. Wäre mir nicht statt des alten weißköpfigen Wirthes ein frischer junger Mann mit neumodischer Höflichkeit entgegengetreten, wahrhaftig, ich hätte meinen könnendes sei noch einmal der Pfingstsonnabend des Jahres 1867 erschienen, der lange, lange vergessen ist von den meisten Menschen, nur von mir nicht und von einer andern auch nicht.

Ich wende mich um, denn das rothbäckige Zimmermädchen ist eingetreten und sragt, ob Madame irgend etwas wünsche, vielleicht Kaffee; der Kuchen sei auch eben aus dem Backhause gekommen.

Danke, nein! Aber Sie können mir gewiß dieses Bittet in die Pfarre tragen, liebes Kind? Recht bald, wenn es möglich ist. Sagen Sie auch der Frau Pfarrerin, sie solle nicht etwa hier herunter kommen, ich sei flinker als sie und wolle nur ein wenig Toilette machen, dann käme ich. Das Bittet ist nur, damit sie nicht erschrickt."

Das hübsche Mädchen sieht mich, indem es mir den Brief aus der Hand nimmt, ganz verwirrt an.Madame meinen die Frau Oberpfarrerin Steinkopf?" fragt es dann.

Ja, versteht sich! Doch, bitte, geben Sie mir den Brief zurück, ich habe es mir anders überlegt. Bestellen Sie einfach, Fräulein Martha möchte doch einmal herunter kommen, wenn ihre Zeit es erlaubt."

Ein Fräulein?" fragt das Mädchen.

Ja, Fräulein Steinkopf."

Es ist kein Fräulein in der Pfarre."

Meine Gute! Sie sind wohl nicht von Borndorf?"

Nein, Madame, aber ich diene seit einem Jahre hier in der ,Forelle^ und kenne alle Leute in Borndorf. Nein, ein Fräulein ist nicht in der Pfarre."

Schicken Sie mir, bitte, den Wirth herauf!" rufe ich ärger­lich; und sie verschwindet.

Der überhöfliche junge Mann, der sein gelbes fettiges Haar wie der Oberkellner irgend eines ersten Berliner Hotels frisirt hat, was so gar nicht zu dem kleinenForellenhotel" passen will, wirbelt ins Zimmer und fragt, womit er dergnädigen Frau" dienen könne.

Ich vermag mich nicht mit Ihrem Zimmermädchen zn ver­ständigen," sage ich,ich will, daß man in die Pfarre hinaufschicke, um dort eine Empfehlung von mir zu bestellen: ich lasse Fräulein Martha Steinkopf bitten, so bald als möglich mich hier zn besuchen."

Gnädige Frau, leider ist der Befehl unausführbar, denn hm"

Ist das Fräulein etwa verheirathet?" frage ich erstaunt.

Gnädige Frau verzeihen hm gnädige Frau ist vielleicht verwandt mit Oberpfarrers nicht? Oder nahe bekannt? hm"

Aber, Gott im Himmel, so reden Sie doch!" rufe ich ge­reizt.Ist sie todt? Nein? Nun, es kann doch kein Mensch verschwinden aus diesem Nest, und um von Zigeunern gestohlen werden zn können, ist sie schon zn groß!"

Verzeihen gnädige Frau Fräulein Martha Steinkopf >- sie hieß ja aber gar nicht so ist mit etwa ein Jahr mag es sein ist davongelanfen, einfach davongelanfen."

Ich winke ihm Schweigen.Ich danke Ihnen, Herr Wirth, ich erfahre das Nähere in der Pfarre selbst. Danke!"

Und die Frau Oberpfarrerin gnädige Frau gestatten doch, daß ich das noch bemerke sollen, wie sich die Leute er­zählen, tiefsinnig geworden sein darüber. Sie sollen kaum ein Wort mehr sprechen und"

Ich danke Ihnen," unterbreche ich ihn heftig,schicken Sie mir Kaffee!"

Er sieht mich verdutzt an und geht.

Aus dem kleinen Stübchen ist plötzlich aller Sonnenschein gewichen und die Luft schwer und dumpf geworden, oder ist's mir nur so? Ich sitze im Lehnstuhl und schaue die entsetzlich grüne Tapete an, klar denken kan:: ich noch nicht. Die Bildnisse des Landesfürsten und seiner Gemahlin an der Svfawand tanzen vor meinen Augen, und der alte Kaiser Wilhelm schüttelt den

* Die Vollendung des angekündigten RomanesEine unbedeutende Frau" hat sich durch Krankheit der Verfasserin verzögert. Derselbe wird nunmehr sicher in Nr. 1 des nächsten Jahrganges zu erscheinen beginnen. Inzwischen stellt uns die Verfasserin die hier folgende fesselnde Novelle zur Verfügung, welche von ihren zahlreichen Verehrern gewiß nicht minder freundlich ausgenommen werden wird.

XXXVIII. Nr. 40 . S1